Fundstück

Corona grafisch: Die Story hinter #Flattenthecurve

Im doppelten Sinne viraler Infografik-Hit. (Screenshot: t3n)

Wenn ihr euch in den letzten Tagen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 beschäftigt habt, dann seid ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit über eine GIF-Visualisierung des Hashtags #flattenthecurve gestolpert. Die entstand so.

#Flattenthecurve ist ein Hashtag, der im Zusammenhang mit Covid-19, der durch das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hervorgerufenen Lungenkrankheit zu Berühmtheit gelangt ist. Der Ursprung des sloganhaften Hashtags ist nicht zu ergründen. Dafür kursiert er schon zu lange.

„Flatten the curve“, also „Verflache die Kurve“, ist dabei als Aufforderung an eine Gesellschaft zu verstehen. Die soll alle Anstrengungen unternehmen, um einen zu schnellen Anstieg einer Viruserkrankung zu vermeiden. Durch eine Verflachung der Krankheitskurve soll die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechterhalten bleiben.

Neuseeländer Mikrobiologin ersinnt zeitgemäße Darstellung

Damit das auch jeder versteht, hat die Mikrobiologin Dr. Siouxie Wiles aus Neuseeland in Kooperation mit dem neuseeländischen Illustrator Toby Morris eine animierte GIF-Darstellung entwickelt, die das Anliegen unmissverständlich visualisiert. Dabei geht die grafische Idee auf eine Veröffentlichung des CDC (Centers for Disease Control and Prevention), der Seuchenschutzbehörde der US-Regierung, aus dem Jahr 2007 zurück.

In der modernen Darstellung als Web-Comic zeigen Wiles und Morris zwei Grundeinstellungen, die nach ihrer Auffassung direkt mit dem Krankheitsaufkommen in einer Gesellschaft korrelieren.

Die Einstellung, die mit einem starken Anstieg der Erkrankungszahlen einhergeht, wird danach von einem recht gleichgültig wirkenden Mann dargestellt, der mit einem „Was solls? Ist doch bloß wie eine Erkältung oder eine Grippe.“ abwinkt. Die andere Einstellung wird von einer Frau repräsentiert, die sich angelegentlich die Hände wäscht und dabei „Sei vorsichtig, aber nicht panisch.“ kommuniziert.

Entscheidend für die Wirkung der Grafik ist eine horizontal positionierte Linie, die die Kapazität des Gesundheitssystems in Form von Krankenhausplätzen visualisiert. Die wird im Fall der gleichgültigen Einstellung deutlich durchbrochen, im Falle des Ergreifens von Vorsichtsmaßnahmen zwar erreicht, aber nicht überschritten. So kann jeder Betrachter auf einen Blick erkennen, dass das Einhalten einiger Vorsichtsregeln die Chance für alle erhöht, beim Auftreten der Erkrankung vom Gesundheitssystem aufgefangen werden zu können.

Erst seit dem 8. März 2020 kursiert das GIF, das zwischenzeitlich unter die CC-4.0-Lizenz gestellt wurde und damit für jedermann frei verwendbar ist, sofern die Quellenangabe, die sich direkt in der Grafik befindet, nicht entfernt wird. Seither wurde das GIF allein auf Twitter über 4,5 Millionen Mal gesehen und von großen Medienhäusern in ihren Berichterstattungen aufgegriffen.

Nachdem die Grafik manuell in einige Sprachen übersetzt worden war, nahm sich Mauro Martino, Gründer des „Visual AI Lab“, einer Einrichtung der Forschungseinheit von IBM, die Zeit, um eine automatische Übersetzungsfunktion für das GIF zu entwickeln.

Die Ideengeberin Dr. Wiles sieht für sich nur einen kleinen Anteil an schöpferischer Leistung. Sie habe nicht viel mehr getan, als dem Thema eine zeitgemäße Design-Richtung gegeben, so Wiles gegenüber Fast Company.

US-Gesundheitsbehörde erstellt Infografik im Jahr 2007

Tatsächlich scheint das grafische Konzept erstmals in einer Veröffentlichung des CDC aus dem Jahre 2007 aufgetaucht zu sein. Darin sieht sie so aus:

Diese Grafik veröffentlichte das CDC im Jahr 2007. (Quelle: CDC)

Das CDC bringt die Grafik in Verbindung mit einfachen Maßnahmen, die in der Bevölkerung bei einem pandemischen Ausbruch getroffen werden sollten. Darunter findet sich der Rat zum „Social Distancing“, also des Einhaltens eines Sicherheitsabstands, aber auch des Vermeidens unnötiger sozialer Kontakte, sowie der Rat, Kinder nicht mehr zur Schule zu schicken, um insgesamt die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. Bereits diese Grafik konnte sich über die Jahre einiger Popularität erfreuen und wurde dabei immer wieder, zuletzt wohl vom Wirtschaftsmagazin „The Economist“, zumeist hinsichtlich Farbgebung und Beschriftung angepasst.

Drew Harris zeichnet die Kapazitätslinie ein

Erst Ende Februar 2020 erhielt die Grafik jedoch den entscheidenden Schliff. Dr. Drew Harris, Gesundheitsexperte an der Thomas-Jefferson-Universität in Philadelphia, hatte die Grafik im Economist gesehen. Sie erinnerte ihn an seine Arbeit zur Pandemie-Präventions-Ausbildung, die er Jahre zuvor begleitet hatte. Im Rahmen dieser Arbeit hatte Harris erkannt, dass es stets darauf ankommt, den Menschen klar zu machen, was auf dem Spiel steht, wenn bestimmte Maßnahmen nicht ergriffen werden. Dieser Aspekt fehlte ihm in der Infografik, wie er in der New York Times erzählt.

Bereits im Rahmen seiner Trainingsprogramme hatte Harris der Visualisierung eine horizontale Linie hinzugefügt. Die sollte die Krankenhauskapazitäten visualisieren, also zeigen, „was auf dem Spiel steht“.

Wie Harris selbst einräumt, hat die Position der Linie keinerlei wissenschaftlichen Hintergrund. Ihr liegen keine empirischen Daten über die Zahl verfügbarer Betten oder Beatmungsgeräte zugrunde. Es ist einfach eine handgezeichnete Linie an einer für die Visualisierung günstigen Position. Das gilt übrigens auch für die Kurven selber. Die haben sich zwar zwischenzeitlich in der Realität immer wieder so oder ähnlich bestätigt. Dennoch sind es keine Datencharts etwa aus Excel oder auch nur auf der Basis einer Berechnung.

#Flattenthecurve mitsamt der zugehörigen Infografik will auch gar nicht empirisch sein. Vielmehr ginge es darum, ein komplexes Geschehen in eine einfache Botschaft zu verpacken, so Harris. Dazu passt auch, dass er nach eigenen Angaben seine Grafik mit dem Mac-Programm Keynote und einem Finger auf dem Trackpad handgezeichnet hat.

Was der Visualisierung nun aber immer noch fehlten, war der konkrete Zusammenhang zu einem Handeln des Einzelnen. Einigermaßen der Abstraktion fähige Zeitgenossen konnten nun anhand der Infografik erkennen, dass ein langsam steigendes Krankheitsaufkommen der Aufrechterhaltung der Kapazitäten des Gesundheitswesens zuträglich wäre. Was das allerdings mit dem Individuum zu tun haben könnte, blieb weiterhin unklar.

Wiles und Morris erweitern Grafik um entscheidenden Punkt

Genau diesen Punkt fügten nun Wiles und Morris hinzu, indem sie die beiden Kurven mit bestimmten Grundhaltungen des Individuums verbanden. So kann nun jeder die abstrakte Grafik mit eigenen Maßnahmen in Einklang bringen.

Die entscheidende Addition. (Screenshot: t3n)

Im Rahmen der Arbeiten an der GIF-Visualisierung mussten Wiles und Morris weitere Entscheidungen treffen. Sie entschieden sich danach dafür, die Farben der Grafik politisch neutraler zu gestalten und die negative Einstellung mit einem Mann und die positive Einstellung mit einer informiert wirkenden Frau in Verbindung zu setzen.

Gerade die letzte Entscheidung trug den beiden Neuseeländern einige Kritik ein, mit der sie sich auch gedanklich auseinandersetzten. Letztlich verwarfen sie mögliche Änderungen jedoch, weil jede andere denkbare Kombination zu eben solcher Kritik geführt hätte. Die berechtigte Kritik, die Datenbasis der Grafik stimme nicht, können die beiden indes einfach abschütteln. Denn anderes hatten sie ja nie behauptet.

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