Interview

„Coworking verkommt immer mehr zum Buzzword“

Das Betahaus in Berlin betreibt einen Coworking-Space und ein Café. (Foto: Betahaus/Danique van Kersteren)

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Christian Cordes, Vorstand der German-Coworking-Federation, erklärt, warum Coworking-Spaces um ihre Existenz kämpfen, wie er zu Wework steht und wieso Cafés keine Konkurrenz sind.

Einerseits sind da die Prognosen. 2017 soll die Zahl der Menschen, die in einem Coworking-Space arbeiten, auf 1,2 Millionen steigen. Die Anzahl der Spaces selbst soll auf rund 14.000 anwachsen, heißt es in der Global-Coworking-Survey. Das zeugt von einem beeindruckenden Wachstum, gibt man zu bedenken, dass es noch 2008 gerade einmal 160 Coworking-Spaces weltweit waren. Andererseits profitiert nicht jeder von dem Boom: Gerade kleinere Spaces abseits der Metropolen kämpfen mit Problemen. Christian Cordes, Vorstand der German-Coworking-Federation und Leiter des Schiller40 in Wolfsburg, erklärt im Gespräch mit t3n.de, wie es zu diesem Gegensatz kommt.

t3n.de: Christian, man kann sagen: Coworking boomt. Die Zahl der Spaces nimmt zu, auch die Konferenz Cowork17 hatte mehr Teilnehmer als je zuvor. Trotzdem kämpfen viele Coworking-Spaces um die Existenz. Wie kommt das?

Christian Cordes: Das liegt am Geschäftsmodell: Es ist fast unmöglich beziehungsweise sehr schwer, nur mit der reinen Vermietung der Schreibtische Geld zu verdienen.

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t3n.de: Warum? 

Weil du die Plätze in deinem Coworking-Space so teuer verkaufen müsstest, dass es für Interessierte unattraktiv wird. Deswegen suchen viele eine Querfinanzierung, etwa durch ein Café wie das Betahaus oder das Sankt Oberholz, aber auch durch Workshops, Eventspaces oder Teambüros. Aber da liegt schon das nächste Problem.

t3n.de: Was ist daran problematisch? 

Es kommt stark auf äußere Faktoren wie etwa den Standort an. Ob ich eine Eventfläche in Berlin oder in Paderborn vermieten will, macht einen riesigen Unterschied. In Paderborn kann ich nicht den Preis verlangen beziehungsweise erzielen, den ich in Berlin bekomme. Und deswegen gibt es bei einigen Coworking-Spaces, gerade außerhalb der Metropolen, eine gewisse finanzielle Schieflage.

Christian Cordes leitet das Coworking-Space Schiller40 in Wolfsburg und sitzt im Vorstand der German-Coworking-Federation. (Foto: Christian Cordes)

t3n.de: Große Anbieter wie Wework zeigen aber, dass man mit Coworking durchaus Geld verdienen kann. 

Ja, aber das zeigt gleich ein weiteres Problem: Coworking verkommt immer mehr zum Buzzword für eine trendige und hippe Arbeitsumgebung.

t3n.de: Was meinst du damit?

„Ein Coworking-Space ist keine stylische Funktionseinheit.“ 

Auch abseits von Wework wird der Begriff heute überall benutzt, wo auf einer etwas größeren Fläche drei Schreibtische stehen. Ein Beispiel: Wenn bei einem Konzern eine große Halle frei wird und er sich fragt, was er damit machen soll, dann kommt er auf den Begriff Coworking. Eigentlich geht es aber nicht um Zusammenarbeit oder Netzwerken, sondern der Konzern erhofft sich damit Kontakte zu Startups. Aber Coworking ist keine Quelle, zu der alle pilgern, sobald das Label draufsteht. Das ist klassisches Top-Down-Denken. In Wirklichkeit funktioniert Coworking aber nach dem Bottom-Up-Prinzip: Erst das Netzwerk aufbauen, die Nutzer ansprechen, dann kann ein Space funktionieren beziehungsweise sich entwickeln. Ein Coworking-Space ist auch ein Ort des permanenten Wandels und keine stylische Funktionseinheit oder ein Abschreibungsobjekt.

t3n.de: In der Szene hat Wework einen schwierigen Stand, weil einige dem Unternehmen vorwerfen, das Wort Coworking nur zu Marketingzwecken zu verwenden. Wie siehst du das? Ist Wework ein Problem für die Coworking-Szene oder ein Glücksfall?

Um das Thema in den Medien hochzuhalten, ist Wework schon sinnvoll. Ob das Unternehmen wirklich Coworking betreibt, ist eine andere Frage. Der Begriff ist nicht geschützt, genau wie der Begriff Wellness. Jede Klitsche mit einer Sauna kann sich als Wellnesshotel bezeichnen. Genauso kann sich jede Bürovermietung mit einer offenen Fläche Coworking-Space nennen. Wework ist einfach professionell. Die konzentrieren sich auf Events und Startups, im Prinzip eine etwas hippere Lounge mit besserer Infrastruktur. Aber das Netzwerk fehlt, genauso wie bei Behive oder Mindspace. Es gibt keine gezielte Anbindung an die anderen Mieter, einen Community-Manager etwa, der mich mit den Leuten vernetzt und bekannt macht, der mich in die Szene einführt. Das ist kein gesteuerter Prozess. (Anmerkung der Redaktion: Mindspace widerspricht dieser Darstellung. Es gebe sowohl ein Netzwerk als auch einen Community-Manager.) Diese Chance der Integration bieten kleinere Coworking-Spaces deutlich mehr.

t3n.de: Würdest du dieses Netzwerk als Alleinstellungsmerkmal eines „richtigen“ Coworking-Space bezeichnen?

Ja. Das ist der große Pluspunkt gegenüber dem Home-Office. Durch das Netzwerk wird ein kreativer Input im Space selbst geschaffen. Ein Webdesigner kann dort etwa seine Projekte reflektieren, weil er Inspiration und Feedback von anderen erhält. Anders, als oft geschrieben wird, sucht die Kreativbranche nicht die fünf Megabit mehr, sondern Austausch und Interaktion auf Augenhöhe. Das finde ich in einem Coworking-Space. Bei Starbucks und Co gibt es das nicht beziehungsweise niemanden, der eine Community steuert und beflügelt.

t3n.de: Machen euch Cafés nicht trotzdem auch Konkurrenz mit Kaffee und Wlan?

Nein. Cafés sind keine Konkurrenz. Ein Coworker wird sicher auch mal ins Café gehen. Aber das Alleinstellungsmerkmal dessen sind Kekse, Kuchen und Kaffee. Im Coworking-Space ist der Kaffeebetrieb eher ein Bindeglied, um in Kontakt zu kommen. Und: Starbucks hat keinen Drucker oder einen Besprechungsraum. Deswegen Konkurrenz – nein.

„Startups lernen in Coworking-Spaces das Laufen“

t3n.de: Trotzdem gibt es in der Coworking-Szene Diskussionen darüber, dass man das Modell flexibel halten muss, um Mitglieder zu gewinnen, weil sich viele nicht mehr binden wollen.

Ja, das stimmt. Das lässt sich fast nur mit einem klassischen Fitnessstudio-Konzept lösen: Du hast 40 Tische, aber 200 Mitglieder. Du gehst also davon aus, dass nicht alle gleichzeitig kommen. Und wenn doch, gilt: Wer zuerst da ist, mahlt zuerst. Das kann funktionieren, kann aber auch in die Hose gehen, wenn ständig zu wenig Arbeitsplätze da sind. Andererseits deckt es die Fixkosten der Space-Betreiber ab. Festzustellen ist aber, das wir keinen klassischen „Coworkertourismus“ haben, in Form des täglichen Wechsels des Coworking-Spaces. Ein Wechsel findet eher nach ein paar Wochen oder Monaten statt, um eine neue Inspirationsquelle und Community aufzumachen. Flexible Plätze sind eher spannend für Reisende, Corporates oder Unternehmen.

t3n.de: Wer ist denn die Zielgruppe des Coworkings? Nur Freelancer?

Hauptsächlich Freelancer und Startups, ja. Aber die Nutzergruppen ändern sich. Es kommen nicht mehr nur Freiberufler, sondern auch Unternehmen, die einfach flexibel ein halbes Jahr irgendwo arbeiten wollen, ohne gleich eine Dependance hochzuziehen.

t3n.de: Woher kommt es, dass so viele Startups in Coworking-Spaces anfangen?

Startups lernen oft in Coworking-Spaces das Laufen, weil sie dort flexibel und je nach Bedarf ihr Unternehmen aufziehen können. Am Ende machen Startups und Einzelunternehmer den Kern von Coworking-Spaces aus. Und es gibt immer mehr Coaches und Trainer, die lieber Seminarräume im Coworking-Space nutzen statt das klassische Tagungshotel.

t3n.de: Weil es hipper ist? 

Das sicherlich auch. Aber vor allem bekommen sie für ihr Geld eine Andersartigkeit und Individualität, die in einem Tagungshotel einfach fehlt. Die technische Infrastruktur wird in einem Space deutlich höher sein in Punkto Präsentationstechnik und Verlässlichkeit.

t3n.de: Individualität ist eines der klassischen Schlagworte, die man hört, wenn man über Coworking redet. Was heißt das denn genau?

Jeder Coworking-Space ist anders. Selbst das Betahaus ist in unterschiedlichen Städten nicht vergleichbar. Du wirst einen Coworking-Space niemals eins zu eins in einer anderen Stadt aufbauen. Das ist eine ungeschriebene Regel: Don’t copy what you already have. Der eigene Charme des Spaces ist es, was es zum aktuellen Lieblingsarbeitsort macht plus die Menschen, die dort zu finden sind.

t3n.de: Lass uns noch mal auf den Begriff Coworking zurückkommen. Sollte man ihn in irgendeiner Weise schützen?

„Coworkers suchen Anschluss, nicht nur einen Arbeitsplatz.“

Nein. Es bringt nichts, Fronten aufzubauen. Die Nachfrage wird sich darüber regulieren, was man sucht. Wer zu Wework geht und wem es dort nicht gefällt, weil er da nur zu einer anonymen Masse zählt, der wird ins Sankt Oberholz gehen. Coworkers suchen Anschluss, nicht nur einen Arbeitsplatz. Am Ende müssen wir den Begriff definieren, sodass die ursprüngliche Vorstellung damit assoziiert wird: Individualisierung, persönlicher Kontakt, Netzwerk.

t3n.de: Würde nicht vielleicht auch ein neuer Begriff helfen?

Ein neuer Begriff hilft da auch nicht unbedingt. Was bringt es, wenn Coworking plötzlich New Work oder Zukunft der Arbeit heißt? Ein Coworking-Space in Paderborn hat nicht 30.000 Euro, um im SEO-Ranking immer an Stelle eins aufzutauchen, wenn jemand den Begriff New Work und die Stadt sucht. Der Suchende wird immer noch bei den großen Anbietern mit einem riesen Marketingbudget landen. Das ist eine Frage des Geldes und der Macht. Deswegen müssen wir uns stärker zeigen über den Verband und uns stärker austauschen, etwa auf Konferenzen. Gemeinsam das Thema voranzutreiben, das ist wichtig.

t3n.de: Wie siehst du die Zukunft der Coworking-Szene?

Die Definition vom Arbeitsplatz ändert sich. Zu den digitalen Nomaden und Webworkern zählen heute auch Produktentwickler oder Designer. Es werden sich mehr Synergien mit anderen Branchen ergeben. So gibt es beispielsweise Anregungen, 3D-Drucker in Coworking-Spaces aufzustellen, sodass auch die Maker-Szene dort arbeiten kann. Andere wollen das Equipment für Podcasting anschaffen, Virtual-Reality-Räume bauen. Coworking 3.0 bis 5.0 wird so aussehen, dass wir mehr Bereiche integrieren und so neue Zielgruppen erschließen.

t3n.de: Christian, danke für das Gespräch.

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Letzte Änderung: 28. Juni 2017

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2 Kommentare
Ulrich Gerkmann-Bartels
Ulrich Gerkmann-Bartels

Danke für das sehr interessante Interview.

Damit da kein falscher Eindruck über Paderborn entsteht möchte ich kurz anmerken, dass wir in kürze einen Feelgood-Workspace (aka CoWorking-Space) in Paderborn eröffnen. In diesem Workspace kann man einen Coworking-Platz in Zentrum der City nutzen, aber auch eine Ideenwerkstatt mit Material und bei Bedarf methodischer Unterstützung (Design Sprint, Moderation).

Wir glauben das es einen Bedarf gibt den klassischen Arbeitsweisen in den Unternehmen eine alternative Möglichkeit anzubieten, den eigenen Kontext und Raum zeitweise zu verlassen, um neue Perspektiven und Lösungen zu finden.

Coworking und neue Zusammenarbeitsmodelle auch für Mitarbeiter in klassischen Unternehmen, um einen Beitrag zur Veränderung von Unternehmenskultur zu ermöglichen.

Wir sind gespannt ob unser Expertiment gelingt.

http://feelgood-workspace.com

Des Weiteren gibt es in Paderborn auch noch die Garage 33 (http://garage33.de).

Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Gerkmann-Bartels (CEO, enpit)

Antworten
Hans Olo
Hans Olo

„Coworking verkommt immer mehr zum Buzzword“

Das könnte daran liegen, dass es sich bereits um ein Buzzword handelt.
Niemand ist mehr in der Lage, sich der deutschen Sprache zu bemüßigen und so weiß niemand, was Coworking, WeWork, Startups, Coworking-Space und weiteren Begriffen des Neusprechs verbirgt.

„Vorstand der German-Coworking-Federation”
Pervertierung der deutschen Sprache, mehr nicht.

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