Interview

Daten im Wahlkampf: „Sag mir, wo du wohnst und ich sage dir, wen du wählst“

(Screenshot: Youtube)

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Haustürwahlkampf spielt im Wahlkampf der französischen Bewegung „En Marche!” eine große Rolle. Hinter den Kulissen zieht das Unternehmen von Guillaume Liegey „Liegey Muller Pons” die Datenfäden.

t3n.de: Auf deiner Website steht: Du führst ein Campaign-Technology- Startup, das beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf helfen soll. Was heißt das genau?

Guillaume Liegey: Sag mir, wo du wohnst und ich sage dir, wen du wählst. Wir bieten unseren Kunden für die kommenden Präsidentschaftswahlen und Parlamentswahlen in Frankreich eine Kampagnen-Software an, die genau diese Prognose liefern kann – basierend auf verschiedenen Daten. Die Kunden nutzen diese Aussagen für E-Mail-Kampagnen oder für den Tür-zu-Tür-Wahlkampf, je nachdem, was besser passt.

t3n.de: Und ist Facebook auch ein Schauplatz? Betreibst du auch datengestützte Polit-Kampagnen, mit Hilfe von Sponsored Posts?

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Wir beackern Facebook nicht direkt mit Dark Posts. Facebook ist eine eigene Disziplin, gerade im Bereich Microtargeting. Doch zurzeit gibt es sehr viel Material bei der Textanalyse von Statusupdates, also Informationen, über welche Themen gesprochen wird auf Facebook. Das sind wichtige Daten aus der Computerlinguistik, die wir bald in unser Modell der Vorhersage einfließen lassen möchten. Social Media dient uns als Datengrube, nicht als Schauplatz.

t3n.de: Mit welchen Daten arbeitest du?

Unsere Datenbank in Frankreich umfasst 68.000 Wahlkreise. Wir beziehen da die Wahlhistorie des Distrikts, die Einkommenshöhe, aktuelle Umfragewerte und viele weitere Faktoren mit ein. Insgesamt 100 Variablen, auch verschiedene öffentliche Daten (Open Data) aus 36.000 Städten. Damit erstellen wir Prognosen. So kommen wir zu einer Einschätzung, in welchen Wahlbezirken sich ein Tür-zu-Tür-Wahlkampf lohnt – wo man noch unschlüssige Wähler umstimmen kann oder nur noch mobilisieren soll. Ob von Angesicht zu Angesicht oder via E-Mail. Wir haben mittlerweile an über 200 Kampagnen gearbeitet und wissen, wie wir den Erfolg unserer Arbeit messen können. Wir haben die beste Datenbank in ganz Frankreich.

t3n.de: Also nutzt du eigentlich Daten, um besser offline zu mobilisieren? Liegt die Zukunft nicht in der digitalen Ansprache? Selbst in den USA wird nach der Wahl von Trump, der praktisch alle Ressourcen in die digitale Kampagnenarbeit investiert hatte, an der Wirkung von Canvassing gezweifelt.

Die Zukunft liegt bei guten Daten, Technologien und nach wie vor bei den Menschen. Je mehr Kontakt du zu potenziellen Wählern hast und je mehr du über ihn weißt, desto besser. Ob online oder offline. Wenn du an eine Tür klopfst, und das machen ja bisher noch keine Roboter, und weißt, wie dieses Quartier politisch tickt, dann ist deine Ansprache besser und persönlicher. Es wäre theoretisch möglich, die Informationen bis auf die einzelne Person herunterzubrechen, aber die Datenschutzrestriktionen erlauben uns dies nicht. In Frankreich muss man auch explizit dem Versand eines Newsletters zustimmen können. Das ist in Großbritannien schon anders.

t3n.de: Der Tür-zu-Tür-Wahlkampf war lange eine beliebte Kampagnenmethode in den USA. Seit Neuestem wird auch in Großbritannien oder auch in Deutschland mit dieser Form der Überzeugungsarbeit gearbeitet. Doch wie erfolgreich bist du damit in Europa? Wird hier nicht einfach die Tür zugeknallt, wenn Freiwillige anklopfen?

(Foto: Positive Economy)

Alle sagen uns: Das ist doch etwas Amerikanisches. Das funktioniert hier nicht, Franzosen mögen das nicht. Offenbar geht es doch! Vor fünf Jahren haben wir damit begonnen, indem wir die Basisarbeit von François Hollande aufgebaut und umgesetzt haben. Wir hatten insgesamt 80.000 Freiwillige, die an 5 Millionen Türen geklopft haben. Wir haben so an die 280.000 Stimmen gesammelt. Jetzt, fünf Jahre später, reden alle Parteien von Canvassing. In Deutschland weiß man, dass ohne Daten und Technologien kein effektiver Wahlkampf geführt werden kann. Nur so kann man die Leute effektiv ansprechen. Es hat sich viel verändert. 2014 haben wir bei den lokalen Wahlen Frankreichs etwa 70 Kampagnen-Teams betreut, wir rechnen damit, dass es bei den nächsten Kommunalwahlen, im Jahr 2020, Hunderte von Teams sein werden auf dem Markt.

t3n.de: Es gab in den letzten Monaten eine große Debatte darüber, wie nützlich Big Data und die digitale Infrastruktur wirklich sein kann für Wahlen und Referenden. In einem Interview auf politik-digital.de hast du gesagt, eine gute Kampagne mache etwa drei bis fünf Prozent Differenz aus.

Genau fünf Prozent. Alle, die behaupten, sie könnten 15 Prozent herbeizaubern, lügen. Dort, wo die Wahlkreise umstritten sind oder in sehr umstrittenen, knappen Wahlkämpfen allgemein kann das sehr entscheidend werden.

t3n.de: Wie teuer ist ein Tür-zu-Tür Wahlkampf für die Parteien?

Unsere Technologien und Daten für eine Tür-zu-Tür Kampagne liegen zwischen fünf bis zehn Prozent des Kampagnen-Budgets. Doch du musst immer bedenken: Man braucht Personal, das diese datengestützte Basisarbeit professionell koordiniert. Dieser Kostenpunkt ist nicht zu unterschätzen. François Hollande hatte 15 bezahlte Mitarbeiter, die alle Freiwilligen bei der Anwendung unserer Software betreut haben. Mit unserer Technologie spart man im Gegenzug beim Faktor Zeit und ist effektiver unterwegs.

t3n.de: Mit Emmanuel Macron hast du die Bewegung „En Marche!“ koordiniert. Welche Rolle spielt sie jetzt im gegenwärtigen Wahlkampf?

Wir müssen hier zwei Phasen unterscheiden. Bei „En Marche!” haben wir zuerst die Bewegung letztes Jahr mitaufgebaut. Dort hat noch niemand von Macron und vom Wahlkampf geredet. Wir haben „La grande marche“ organisiert, mittels Tür-zu-Tür-Besuchen. Es war genau das richtige Momentum für den Start einer außerparlamentarischen Bewegung, dem Establishment wäre das nie gelungen. Mich verbindet eine persönliche Beziehung mit Emmanuel Macron. Er wollte neue Wege im Campaigning gehen. Er hat bewusst vor dem Wahljahr mit dieser Art von Bewegung begonnen und hatte zu Beginn ein kleines Team.

Deswegen wollte er zuerst den Bürgern zuhören und mit ihnen sprechen. Das Resultat war: Wir haben 25.000 Leute in persönlichen Gesprächen Zuhause erreicht. Mehrere Tausend Menschen haben sich „En Marche“ angeschlossen. Nun kann man auf diesen Erfahrungen und den aufgebauten Strukturen aufbauen, die Teams sind eingespielt. Macron hat jetzt das größte bezahlte Kampagnenteam.

Und unsere Firma hilft mit der Software bei der Analyse und beim Targeting. Wir unterstützen aber im übrigen auch den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Hamon und die Partei für die kommenden Wahlen. Und es haben auch einige Kandidaten von Les Républicains unsere Software gekauft.

t3n.de: Du hast soeben ein Büro in Berlin eröffnet. Für welche Partei wirst du bei der Bundestagswahl 2017 arbeiten?

Wir sind mit allen Parteien im Gespräch, allen ist auch bewusst, dass sie in Daten, Tools und Know-how investieren müssen. Viele wissen, dass das die Zukunft ist, und sagen das auch, vielleicht weniger öffentlich. Wir möchten am liebsten mit einer Partei arbeiten, die starke, aber auch viele gut aufgestellte Lokalsektionen hat. Wie zum Beispiel die SPD. Nur dann funktioniert Canvassing gut, Parteizentralismus scheitert bei dieser Art von Wahlkampf. Zurzeit möchten alle deutschen Parteien auf die Entwicklung eigener digitaler Wahlkampftools setzen. Doch es gab bislang weltweit keine Partei, deren eigene Software für den datengestützten Wahlkampf wirklich gut und brauchbar war.

t3n.de: Und mit wem arbeitest du in der Schweiz?

Hier waren wir im Frühling 2015 für den Bürgermeister Thierry Apothéloz in Vernier tätig, das ist gleich bei Genf.

t3n.de: Was sind deiner Meinung nach die Zukunftstrends im Bereich Campaign Tech?

Die Gespräche aus Social Media für Zukunftsprognosen zu analysieren, also mit predictive targeting Modellen zu arbeiten. Die Analyse erfolgt mit sogenannten Natural-Language Processing-Algorithmen (NLP). Und: Die Sammlung und Bearbeitung von vielen Kontakten außerhalb der Wahlkampfphasen, also das, was Macron mit „La Grande Marche” gemacht hat. Ich denke, dies ist ein wichtiger Schritt für eine langfristige Veränderung von Politik und um den Aufstieg des Populismus zu stoppen. Wenn Parteien endlich beginnen, auf ihre Wähler zu hören, und zwar auch dann, wenn sie nicht ihre Wählerstimme benötigen, können sie wieder Vertrauen herstellen.

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Ein Kommentar
ùnico cortéz
ùnico cortéz

Die Partei, die ich wählen möchte, gibt es leider noch nicht. Wie wir alle, möchte ich Frieden in der ganzen Welt. Keine Kriegswaffen, kein Militär. Die Milliarden Dollar, die dafür ausgegeben werden, lieber in die Entwicklungshilfe bedürftiger Staaten stecken. Jeder freie Mensch sollte eine Millionen Dollar im Jahr steuerfrei verdienen können, damit er ein menschenwürdiges Leben führen kann. Alles darüber hinaus sollte seinem Staat zufließen, denn der hat ja wirklich auch viele Aufgaben zu finanzieren. – Noch etwas Privates. – Immer wieder wird sich über die viel zu geringe Wahlbeteiligung beklagt. Bitte gebt jedem Wähler bei seiner Stimmenabgabe 20.- € oder Dollar. (Er muss ja auch Zeit und Kilometer aufwenden, um das Wahlbüro zu erreichen. )
Danke! Die Wahlbeteiligung wird sicher steigen! , und man wird dann nicht mehr von Politikverdrossenheit reden. Bis später, a Dios! Immer Euer único.

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