Kolumne

Derailing im Netz: Wie Diskussionen in eine völlig andere Richtung gelenkt werden [Kolumne]

(Grafik: Shutterstock-Gor Kisselev)

„Derailing“ gehört eigentlich ins Troll-Portfolio. Immer mehr Nutzer setzen die Methode aber auch ein, um Diskussionen aus ideologischen Gründen bewusst zu entgleisen. Wie das aussehen kann und warum wir dahingehend aufmerksamer sein müssen, verrät Aufgeweckt-Kolumnist Andreas Weck.

Ihr kennt das: Ihr teilt einen Artikel über Rechtsextremismus und bekommt als Antwort einen Artikel präsentiert, der davon handelt, dass Linksextremismus auch gefährlich ist. Oder ihr teilt einen Artikel über die Ausbeutung von Sexarbeiterinnen und jemand antwortet darauf, dass viele Studentinnen das doch gerne machen würden, um sich das BaföG zu sparen – man kenne sogar ein Mädel. Oder, und jetzt wird es richtig subtil: Ihr formuliert ein Statusupdate zu einem Thema und bekommt vom ersten Kommentator sofort – und natürlich ungefragt – eine Nachhilfe in Sachen Rechtschreibung und Grammatik serviert.

Merkt ihr was? Alle diese Beispiele führen direkt zu einem Ergebnis, nämlich, dass die Diskussion von Anfang an vom Kernthema abgelenkt wird. Das ist gelebte Negativ-Netzkultur. Im Englischen hat man dafür sogar einen Begriff geprägt: Die Rede ist vom „Derailing“ – was so viel wie „Entgleisung“ bedeutet. Und jetzt kommt’s: Manche Personen setzen das gezielt ein. Man könnte auch sagen: Für sie hat die Methode sogar System.

Derailing soll vom Kernthema ablenken: Die Entgleisung als Mittel zum Zweck

Das „Derailing“-Prinzip ist derzeit wieder groß im Kommen. Vor allem Beiträge mit einem gesellschaftlichen Fokus laufen ständig Gefahr von Menschen mit anderer Position in den Kommentarspalten entgleist zu werden. Ein ganz aktuelles Beispiel hatten wir erst kürzlich, als wir darüber berichteten, dass zwei Unternehmerinnen aus Dresden in Eigenleistung eine kostenlos erhältliche Flüchtlings-App kreierten. Darin wurden Informationen zum Asylverfahren sowie einige Alltagsregeln und Notfallkontakte für die Neuankömmlinge gebündelt. Die App war bislang nur für die Region rundum Dresden gebaut. Im Artikel wurde thematisiert, dass der bundesweite Roll-out jedoch kaum ohne finanzielle Unterstützung geleistet werden kann.

Der erste Kommentar zum Artikel auf Facebook war dann wenig überraschend: „Wie wäre es, wenn die Gutmenschen eine gute Tat verbringen würden und jede der beiden Damen fünf Vertriebenen in ihrem privaten Heim ein Zuhause gewähren würde?“ Anschließend passierte das, was ich oben beschrieben habe: Einige Leser fühlten sich angesprochen und unterhielten sich auf einmal über die Forderung im Kommentar, die systemischen Probleme in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und über Fehlentscheidungen in der Außenpolitik.

Stimmt ja auch, wird der ein oder andere jetzt sagen. Aber ich frage euch, liebe Leser, was hat das damit zu tun, dass sich engagierte Menschen in Deutschland lokal zusammentun, um hier und jetzt Direkthilfe vor Ort zu leisten – und zwar so, wie sie es im Rahmen ihrer Mittel und ihrer Fähigkeiten können? Und vor allem, wieso redet man nicht über Möglichkeiten der Finanzierung? Oder gibt Feedback zur App?

Wir müssen lernen Derailing im Netz besser zu erkennen. (Screenshot: t3n)

Der Facebook-Nutzer wollte das gar nicht. Der Kommentar hatte genau genommen keinen anderen Zweck, als zum einen die Arbeit der Damen lächerlich zu machen. Und zum anderen unterschwellig darauf hinzuarbeiten, dass jegliche Hilfe sowieso kompletter Blödsinn ist. An der Behauptung, sie wären „Gutmenschen“ – die im Grunde einzig und alleine auf eine ironische Verkehrung des ausgedrückten Wortsinns „guter Mensch“ in sein Gegenteil abzielt – kann man deutlich erkennen, welchen Standpunkt der Facebook-Nutzer generell gegenüber Menschen vertritt, die sich in der Angelegenheit couragiert verhalten.

Wie kann man mit Derailing umgehen? Johnny Häusler versucht es mit einer technischen Lösung

Mit genau diesen Kommentaren kennt sich auch Johnny Häusler aus. Der Musiker, Journalist und Blogger hat inzwischen sogar Schritte eingeleitet, um die wenig sinnstiftenden Entgleisungen aus dem Sichtfeld der Leser zu verbannen. „Verbannen“ heißt jedoch nicht etwa, dass er sie löscht. Das führe laut eigener Aussage zur „Verfremdung der Dokumentation“ dieser aktuellen Diskussionskultur. Vielmehr blendet er sie aus, in dem er die schwarze Schrift per Klick weiß macht.

Durch eine Abwandlung des „Highlight-Comment“-Plugins färbt er die Kommentare ein, die eine Diskussion zu vergiften versuchen. Er schreibt dazu: „Ich hebe damit nicht die guten Kommentare hervor, sondern blende die Blender aus, indem ich ihnen gebe, worauf sie oft so stolz sind: weiße Farbe.“ Weiter schreibt er: „Kommentare, die mich nerven, haben ab jetzt weiße Schrift auf weißem Grund. Wer diese Kommentare dennoch lesen will, kann den Text markieren und dann wieder erkennen.“

Wie soll man mit Derailing im Netz umgehen? Kommentar-Moderatoren wie Johnny Häusler testen auch technische Hilfsmittel. (Screenshot: Spreeblick)

Häuslers Methode stößt auf seinem Blog überwiegend auf Wohlwollen. Nur wenige Leser weisen darauf hin, dass im Weißen der Kommentare ebenfalls eine Einschränkung der Meinungsfreiheit stattfindet. Von Zensur kann jedoch keine Rede sein, denn die Kommentare sind da und sie sind öffentlich für alle einsehbar. Vielmehr versucht der Blogger für sich eine neue Form der Moderation zu testen. In den Kommentaren zweifelt er jedoch selber noch etwas: „Ob das die perfekte Lösung ist, weiß ich auch noch nicht!“ Versuch macht klug, heißt es ja. Schöner wäre natürlich, die Leute blieben bei der Sache und würden Themen nicht gegeneinander ausspielen.

Wir müssen lernen Derailing zu erkennen – und nicht weiter darauf einzugehen

Unabhängig von solchen Lösungen, die Blog-Betreiber derzeit meiner Meinung nach zu Recht testen, heißt es aber auch für Netz-Nutzer genau aufzupassen und zu lernen, diese Strategien zu entlarven. Dazu gehört auch, die Kommentatoren damit zu konfrontieren, dass sie absichtlich „Derailing“ betreiben.

„Vergiftungen bekommen mehr und mehr die rote Karte im Social Web vorgehalten!“

Zwar werden die Menschen selber immer noch glauben, dass sie mit ihren unangefochtenen Intellekt es ja viel besser wüssten – und schlichtweg über den Dingen stehen. Andere Kommentatoren dürften jedoch von dem Hinweis auf den Entgleisungsversuch profitieren, indem sie ihn dadurch erst bemerken und nicht mehr darauf eingehen. Netz-Debatten könnten alleine dadurch wesentlich fokussierter und schlichtweg konstruktiver stattfinden. „Derailing“-Hinweise könnten zum Warnschild werden. Vielen ist gar nicht bekannt, dass „Derailing“ überhaupt systematisch angewendet wird.

Spannend ist aus netzkultureller Perspektive, ob sich die Diskussionskultur wieder positiver entwickeln wird. Und ob auch „Derailing“ in Kommentarspalten, irgendwann, als Trolling-Form, genauso leicht von der Netzgemeinde™ entlarvt wird, wie es derzeit bei dreisten Lügen oder bloßem Hass passiert. Letztere Vergiftungen bekommen mehr und mehr die rote Karte im Social Web vorgehalten. Als würde das Feingefühl dafür allmählich fest ins Medienkompetenz-Repertoire der Internetnutzer übergehen.

In einer perfekten Welt, merken Nutzer selber, wann ein Thread entgleist und wann sie von sich aus nicht mehr auf ablenkende Kommentare eingehen sollten. In einer perfekten Welt, ziehen sich Trolle – wenn man sie denn so nennen mag – wieder zurück in ihre Löcher, weil sie nur noch mit sich selber reden. Vielleicht hilft der Beitrag ja, aufmerksamer dumpfen Entgleisungen gegenüber zu sein. Und vielleicht leben wir ja sogar bald in der perfekten Welt.

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