Kolumne

Digital sucks: Das Leben in der Beta-Welt

(Foto: Shutterstock)

Lesezeit: 8 Min. Gerade keine Zeit? Jetzt speichern und später lesen

Können wir reden? Digital sucks … greatly! Da ist so ein quälendes Gefühl, dass eine Menge digitales Zeug irgendwie schief läuft. Oftmals werden digitale Produkte ihren Versprechen nicht gerecht.

Nehmen wir zum Beispiel Twitter. Für eine Weile sah es vielversprechend aus. Aber dann kam Trump. Wir haben unsere Uber-Fahrten genossen, nur um eine ausgewachsene Kernschmelze zu erleben. Oder denken wir an das Internet der Dinge. Wir hofften auf eine Zukunft voll von vernetzten Geräten, aber was wir stattdessen erleben, sind riesige Botnetze, die große Teile des Internets lahmlegen, und Glühbirnen, die anfällig für Virenangriffe sind.

Einst lauschten wir gläubig dem Versprechen künstlicher Intelligenz. Jetzt machen wir uns Sorgen, dass wir unsere Arbeit an Maschinen verlieren werden und dass AI schließlich die Weltherrschaft übernehmen und den Menschen als die höchste Lebensform auf der Erde ersetzen wird. Darüber hinaus haben wir stark an das Internet als eine leistungsfähige Plattform für eine blühende Kultur geglaubt. Stattdessen haben wir Angst bekommen, dass das Internet den kreativen Inhalt aus der ganzen Welt aufsaugen wird, bis nichts mehr übrig ist (David Byrne, 2013).

Digital sucks! Oder nicht? Eines ist sicher: Wir leben in einer Beta-Welt. Nichts Digitales scheint jemals fertig zu sein, und wir warten immer auf das nächste Update. Bei jedem Update werden alte Bugs behoben – und gleichzeitig neue eingeführt. Wir leben ständig an der vordersten Front und gehen mit unserem Einsatz von Technologie und Werkzeugen hohe Risiken ein.

Fast fertig!

Bitte klicke auf den Link in der Bestätigungsmail, um deine Anmeldung abzuschließen.

Du willst noch weitere Infos zum Newsletter? Jetzt mehr erfahren

Haben wir es mit einem weißen Elefanten zu tun? Wir können unsere digitalen Besitztümer nicht einfach so entsorgen, aber die Kosten sind allzu oft höher als ihr Nutzen.

Die gleiche Frage kann im Hinblick auf die digitale Transformation gestellt werden, vor allem in der Rückschau auf himmelhohe Investitionen, die die meisten Unternehmen im Laufe der letzten Jahre getätigt haben. Viel Zeit und Geld flossen in glänzende neue digitale Projekte, aber hat sich die Wahrscheinlichkeit des Überlebens für diese Unternehmen entsprechend erhöht? Oder sind sie immer noch mit den gleichen großen Risiken der Disruption konfrontiert? „Software is eating the world”, wie Marc Andreessen einst formuliert hat.

Wie konnte es geschehen, dass das Land der digitalen Utopie, mit Unicorns bevölkert, sich nun in einen dystopischen Albtraum verwandeln könnte? Jede Revolution hat ihre Kosten. Diese Kosten können zwar aus der Perspektive vieler Menschen zu hoch sein, aber haben diese Leute ein Mitspracherecht? Ironischerweise war es der unerbittliche Fokus auf den Nutzer der digitalen Technologie, den Verbraucher und den Mensch, der viele digitale Dinge so überwältigend erfolgreich gemacht hat. Der gleiche Nutzer, dem Technologie so viel Mehrwert gebracht hat, hat jetzt das Gefühl, dass der Preis, den er am Ende bezahlen muss, zu hoch sein könnte.

Wir verdienen eine bessere digitale Welt

Digital shouldn’t suck; weder für Kunden noch für Angestellte und andere Stakeholder.

Zunächst einmal müssen wir zugeben, dass die in den siebziger Jahren entstandene Tech-Utopie zumindest teilweise übermäßig optimistisch war und nicht so sehr in der Realität verankert war, wie in einer Art Wunschdenken. Technologie an sich ist nicht die Lösung für alle Arten von Problemen, sondern sie ist ein Werkzeug, das auf viele verschiedene Weisen verwendet werden kann. Die kalifornische Ideologie war schlicht – eine Ideologie. Als solche war sie sicherlich mächtig, aber früher oder später gerät jede Ideologie mit einer andersgearteten Realität in Konflikt.

Das ist genau das, was mit Uber und in geringerem Maße auch mit Lyft passiert. Beide Ridesharing-Dienste zeigten eine gewisse Art von Arroganz, als sie aus dem Markt in Austin zurückkamen, nachdem die Stadt beschlossen hatte, Hintergrundüberprüfungen für die Fahrer zu verlangen. Dies war ein klassisches Beispiel für den Zusammenstoß einer Ideologie des freien Marktes mit Regulierungsvorschriften.

Im Nachhinein war das aber nur eine düstere Vorahnung der PR-Katastrophe, vor der Uber Anfang 2017 stand, als CEO Travis Kalanick von einem Uber-Fahrer des schlechten Benehmens bezichtigt wurde, während gleichzeitig Vorwürfe von systematischem Sexismus und Belästigung auftauchten. Uber musste auf die harte Tour lernen, dass eine toxische Firmenkultur und eine eklatante Vernachlässigung der Verantwortung des Unternehmens auf die Firma zurückfallen kann und mit Sicherheit auch wird, was schließlich die Performance beeinträchtigt. Digital shouldn’t suck; weder für Kunden noch für Angestellte und andere Stakeholder.

Digitale Wertschöpfung basiert auf den Service-Erfahrungen des Nutzers

Zweitens: Da die Wertschöpfung von anderen Sektoren der Wirtschaft in den digitalen Bereich abwandert, geht dieser Prozess unweigerlich mit der Abwertung von traditionellen Vermögenswerten, Fertigkeiten und Arbeitsplätzen einher. Diese Verschiebung ist nichts Besonderes, es ist schon einmal passiert – zuerst mit der industriellen Revolution und später mit dem Aufstieg des Dienstleistungssektors. Lösungen sind notwendig, um den Übergang zu erleichtern, nicht um ihm zu widerstehen, denn Widerstand ist zwecklos. Die Menschen werden immer in Regionen, Industrien und Berufe strömen, wo die Wertschöpfung höher ist als anderswo. In diesen Tagen ist es die digitale Sphäre, wo das der Fall ist.

Drittens müssen wir bedenken, dass Twitter, wie das Internet, nicht aus sich selbst zur Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung führt. Während es die Nutzer befähigen kann, ihre Stimmen zu erheben, kann es auch die Stimmen derjenigen verstärken, die bereits einen riesigen Mindshare besitzen. Donald Trump hat bewiesen, dass Twitter riesige Massen von Anhänger höchst effektiv ansprechen kann, unter Umgehung traditioneller Medien. Das gleiche gilt für andere Plattformen wie Facebook. Während das digitale Feld in der Tat anders ist, ist es der etablierten Mediensphäre nicht völlig unähnlich. Die Aufmerksamkeitsökonomie bevorzugt diejenigen, die verstehen, wie man die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. So ist es an uns zu entscheiden, ob wir auch weiterhin bevorzugt demjenigen zuhören wollen, der am lautesten bellt – oder ob wir neue Algorithmen finden wollen, die den Menschen bessere Wahlmöglichkeiten geben.

Das gleiche gilt für die Popkultur. Wir haben den Aufstieg von Influencern und Youtube-Stars erlebt, während die Geschäftsmodelle der Etablierten anfingen zu bröckeln und in einigen Fällen zusammengebrochen sind. Es könnte so aussehen, als ob das Internet alle kreativen Inhalte aus der ganzen Welt aufsaugen würde, wie David Byrne es formuliert hat. Aber eine realistischere Sichtweise würde erkennen, dass die digitale Wertschöpfung sich ganz einfach von den Geschäftsmodellen der Vergangenheit unterscheidet. Diese waren auf Knappheit von physischen Gütern basiert, die verpackt, bepreist und an einen Massenmarkt verkauft werden konnten. Im Vergleich dazu basiert die digitale Wertschöpfung auf der Serviceerfahrung des Nutzers. Zwar hat sie noch eine physische Hardwarekomponente, doch ist die Software viel wichtiger.

Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify vertreiben keine DVDs oder CDs, sondern verkaufen monatliche Abonnements für den Zugriff auf riesige Bibliotheken von digitalen Inhalten. Sie lernen die Nutzerpräferenzen und passen ihre Dienste dem persönlichen Geschmack an. Dienstleistungen wie diese können für den Benutzer wertvoller sein als herkömmliche Medienpakete. Gleichzeitig fesseln sie den Benutzer an zeitraubende Gewohnheiten wie Binge-Watching. Sowohl Netflix als auch Spotify bewegen sich mittlerweile zunehmend in die Content-Erstellung und schalten dabei traditionelle Zwischenhändler wie Filmstudios und Musiklabels aus. Dieser strukturelle Wandel muss für Künstler nicht schlecht sein, zumindest wenn sie lernen, wie man nach den neuen Regeln spielt.

Der vierte Produktzyklus wird von AI befeuert

Es scheint, dass die Propheten der New Economy in den neunziger Jahren größtenteils richtig lagen, als sie die New Rules anpriesen. Falsch war indes die weit verbreitete Erwartung der Veränderungsgeschwindigkeit. Es wurde überschätzt, wie schnell die Nutzer neue Verhaltensweisen annehmen, aber unterschätzt, wie weit die Veränderungen reichen würden. Das gleiche gilt für den nächsten Tech-Zyklus, der durch künstliche Intelligenz (maschinelles Lernen, Deep Learning) und sprachgesteuerte Schnittstellen wie Alexa und Siri angeheizt wird.

AI, maschinelles Lernen und Deep Learning haben nun ein Stadium erreicht, in dem sich Maschinen im Wesentlichen selbst programmieren. Das macht es für Menschen sehr schwer zu verstehen, was diese Maschinen tatsächlich tun. Erwarten Sie in naher Zukunft eine Menge heftiger Debatten über diese Fragen. Das seltsam fehlgeleitete Argument über die Ethik der selbstfahrenden Autos, die entscheiden, ob sie ihren Passagier oder einen unschuldigen Fußgänger töten sollen, ist nur eine düstere Vorahnung.

Voice-Schnittstellen beruhen stark auf AI-Algorithmen und massiven Datenmengen als Backend und Backbone. Bessere Algorithmen und Daten sorgen für eine bessere Interface-Qualität, was wiederum mehr und verbesserte Daten generiert, die verwendet werden können, um erweiterte Algorithmen zu entwickeln und noch mehr Daten zu generieren. Ein sich selbst verstärkender Effekt. Das Rennen um die nächste dominante Plattform hat begonnen, und Gewinner werden diejenigen sein, die den Virtuous Circle der Daten und die Interface-Qualität am besten hinbekommen.

Wir werden immer mehr Algorithmen und Anwendungen wie die Avatare von Soul Machine sehen, die in der Lage sind, mit Menschen auf einer emotionalen Ebene zu interagieren – die unsere Gefühle vielleicht sogar noch besser als Menschen lesen und auf sie in einer bis vor kurzem unvorstellbaren Weise reagieren. Wie fühlen wir uns angesichts dessen?

Nach den früheren Zyklen (PC, Web und Mobile) kann der nächste Übergang noch schneller sein. Während der PC etwa 20 Jahre brauchte, um den Massenmarkt zu erreichen, brauchte das Web nur 15 Jahre, und es sieht so aus, als ob der aktuelle Mobile-Zyklus nach zehn Jahren abgeschlossen wäre. Um 2025 werden wir sehen, ob der vierte Zyklus in nur fünf Jahren komplettiert sein wird und vielleicht noch mehr Menschen erreicht als das Smartphone.

Werden wir bald die Killer-Applikation von IOT sehen?

Während maschinelles Lernen und Voice-Interfaces bereits vielversprechende Anwendungsfälle zeigen, scheint das Internet der Dinge noch keine zu haben. IoT sieht sehr wie Mobile aus, bevor es das iPhone gab. Heute fügen IoT-Geräte oft nur zusätzliche Komplexität zu ansonsten einfachen Anwendungsfällen wie Raumbeleuchtung oder Heizung hinzu. Das intelligente Haus, das uns schon seit einiger Zeit versprochen wurde, sieht noch nicht so besonders schlau aus.

Es besteht ein gewaltiger Bedarf, das Nutzererlebnis von Gebäuden, Büros und Wohnungen neu zu gestalten. Dieses Erlebnis ist seit Jahrzehnten grundsätzlich unverändert, und aktuelle IoT-Geräte digitalisieren nur bekannte Interfaces, ohne sie zu überdenken und von Grund auf zu verändern. Diese Arbeit muss getan werden, und sie wird getan werden, mit riesigen Belohnungen für diejenigen, die es schaffen, die dominierenden digitalen Plattformen für Immobilien zu werden.

Auf lange Sicht können und werden vermutlich große Teile des gigantischen Immobilienmarktes in ein digitales Dienstleistungsgeschäft verwandelt, das auf Plattformen wie Airbnb lebt. Die Nutzer werden komplett ausgestattete Häuser, Wohnungen und auch Büroflächen für eine begrenzte Zeit oder sogar langfristig mieten. Jeder Aspekt des Gebäudes wird ordnungsgemäß in eine einzige monatliche Rechnung passen, alle Dienstleistungen digital und automatisch gemessen und abgerechnet. Dies ist die Killer-Applikation von IoT, aber es könnte einige Zeit dauern, sie vollständig zu entwickeln.

Wie sie Produkte entwickeln, die den Menschen dienen

Digitale Produktentwicklung ist hart, kann scheitern, und es gibt keine Abkürzungen. Wie jede Neuerung ist sie riskant. Letzten Endes ist Produktinnovation die Entdeckung eines neuen Kundennutzens. Transformationale Produkte haben ein radikales Nutzenversprechen – und sie liefern sofort, anstatt Dinge zu versprechen, die sie nicht liefern können. Ein positives Erlebnis für den Anwender ist der erste Schritt zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung. Um die Erwartungen der Nutzer, das Nutzerverhalten und nicht zuletzt die Wertschöpfung zu verändern, ist die Schaffung von Mehrwert das Geheimrezept der erfolgreichen digitalen Transformation.

Das könnte dich auch interessieren

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hallo und herzlich willkommen bei t3n!

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team von mehr als 75 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Schon jetzt und im Namen der gesamten t3n-Crew: vielen Dank für deine Unterstützung! 🙌

Digitales High Five
Holger Schellkopf (Chefredakteur t3n)

Anleitung zur Deaktivierung