Durchbruch bei Amazon: Auch 1-Dollar-Artikel sind jetzt versandkostenfrei
Amazon hat in den USA nahezu alle Barrieren vor dem kostenfreien Versand entfernt, ab sofort sind auch Artikel mit einem Preis unter einem Dollar für Prime-Kunden einzeln bestellbar. Das ist ein extremer Schritt, denn Artikel mit einem sehr niedrigen Preis sind im Onlinehandel einzeln schwer zu verkaufen, zumindest, wenn man Geld damit verdienen will. Wenn ein Artikel für einen Euro verkauft wird, muss die Marge unter anderem das Verpackungsmaterial, die Lagerkosten und die Kosten für Pick & Pack wieder einspielen – von Allgemeinkosten mal gar nicht gesprochen. Für die meisten Onlinehändler eine schwere bis unmögliche Aufgabe. Amazon pfeift (erst einmal) auf die Wirtschaftlichkeit und versendet jetzt gefühlt alles kostenfrei. Die Auswirkungen auf den Handel werden beachtlich sein.
Letzte Barriere fällt: Jetzt gibt es bald alles bei Amazon
Amazon hat bisher sehr wenige günstige, schnellverkäufliche Artikel (FMCG) einzeln im Sortiment. Bleistifte, Deodorant, Duschgel – solche Dinge kauft der Kunde bei Amazon im sogenannten Gebinde, immer mehrere Artikel auf einmal. So lassen sich auch Artikel, die einzeln nicht wirtschaftlich anzubieten sind, noch gewinnbringend verkaufen.
Das hatte zur Folge, dass das Sortiment solcher Niedrigpreis-Artikel bei Amazon bisher vergleichsweise klein war. Beispielsweise die Kategorie Drogerie bot nahezu keine Auswahl im Segment unterhalb von fünf Euro, geschweige denn in Richtung ein bis zwei Euro. Die Kategorie Lebensmittel führte solche Produkte erst seit der Einführung von Amazon Fresh und für alle Kunden nur über Amazon Pantry. Klassisch waren in diesem Preissegment oft chinesische Händler mit Plastikteilen und niedrigen Versandkosten zu finden.
Jetzt ändert sich das, denn in allen Kategorien tauchen jetzt bei Amazon Artikel mit niedrigen Preisen unterhalb der Fünf-Euro-Grenze auf. Das Sortiment wächst jetzt wieder.
Rund 100 Millionen Produkte sind laut Amazon auf Amazon.com mit einem Zweitagesversand, rund zehn Millionen für den nächsten Tag und etwa drei Millionen für den selben Tag verfügbar. In der Kategorie „Unter 10 US-Dollar“ finden sich aktuell über 500.000 Artikel in 34 Kategorien – und täglich werden es mehr.
Wieso Amazon auf einen Mindestbestellwert verzichtet
Irgendwie wollte Amazon das Problem der Niedrigpreis-Artikel beheben. Vor einiger Zeit führte Amazon deshalb die Strategie ein, solche Niedrigpreis-Artikel als Addon zu Bestellungen ab einem Mindestbestellwert von 25 Dollar einzuführen – in Deutschland unter dem Namen Plus-Produkt mit einem Mindestbestellwert von 25 Euro bekannt. Bei Lieferanten und Händlern war dieses Symbol gefürchtet, denn vielfach sorgte es für einen sofortigen Umsatzabsturz, sobald Amazon einen Artikel als Plus-Produkt deklarierte.
Der Kunde findet das Konzept vielleicht zu umständlich, versteht es nicht richtig, hat gerade nur Waren für 20 Euro und nicht für 25 Euro im Warenkorb oder hat keine Lust 20 Packungen Duschgel auf einmal zu kaufen oder zu abonnieren. Was auch immer, umsatzfördernd ist die Einschränkung nicht. Nur ertragserhaltend.
Amazon mag aber keine komplizierten Dinge, die dem Kunden nicht gefallen. Das Verfallsdatum klebte also schon immer an den Plus-Produkten.
Ein riesiger Schritt für Amazon
Mutmaßlich Millionen Artikel kommen in den kommenden Monaten im Niedrigpreis-Segment ins Sortiment von Amazon und werden von Kunden aufgrund der weggefallenden Barrieren auch gekauft. Amazon und Händler werden ihren Teil zum wachsenden Sortiment beitragen.
Den größten Einfluss wird die Veränderung auf den Drogeriemarkt ausüben, aber damit ist es nicht zu Ende. Wie oben erwähnt sind es dutzende Kategorien, die betroffen sind: Büroartikel, Haushaltsartikel, Spielzeug, Kleidung – um nur einige zu nennen.
Das ist der letzte Lückenschluss zum Einzelhandel. Bisher mussten Kunden ihre 50-Cent-Brillenputztücher noch im Laden kaufen. Amazon bringt das Umsatz. Und es zahlt auf die Marke ein, wenn es buchstäblich alles bei Amazon gibt.
Schrecklich, weil wahrscheinlich zahlreiche Kunden jetzt auch für so ein Brillenputztuch eine Bestellung auslösen werden.
Das wird noch mehr unnötige Fahrten produzieren, wobei wohl nicht im gleichen Maße die Retouren steigen werden, denn für einen Kleinstartikel läuft niemand mehr die 300m zum nächsten Pakteshop, zu viel Aufwand! Also noch mehr Wegwerfgesellschaft.
Wenn dann einige wenige Verzicht fordern zugunsten unserer Umwelt, wird dann wieder von Repressalien durch Ökos gesprochen…