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Kommentar

Ende einer Ära: Was das Ende des Otto-Kataloges über unsere Gesellschaft aussagt

Der Versandhauskatalog von 1953, einer der ersten vollwertigen Kataloge in Deutschland. (Foto: Otto Group)

Das wars. Das Symbol des deutschen Wirtschaftswunders ist tot: Der Versandhauskatalog. Eine Ära endet und läutet mit der Digitalisierung gleichzeitig eine neue ein. Ein Nachruf ohne Wehmut, ein Essay über die Warenpräsentation als Spiegel der Zeit.

Der Versandhauskatalog ist ein Symbol für das Wirtschaftswunder und der Otto-Katalog ein Symbol dafür. Nach fast 70 Jahren ist jetzt der letzte, große deutsche Versandhauskatalog in die Haushalte unterwegs. Neckermann und Quelle sind schon längst vergangen. Nun stellt auch Otto den dicken Hauptkatalog ein, die Kunden wollen das Ungetüm nicht mehr. Einst bestellte mehr als die Hälfte der Bundesbürger Waren aus den Katalogen, heute will der Kunde online shoppen. Vielleicht ist das auch ganz gut so, vielleicht ist das ein Zeichen, dass manche Prioritäten neu geordnet werden.

Der Versandhaus-Katalog: Rund 70 Jahre Konsumgeschichte

Das Aufkommen der Versandhauskataloge weckte die selben Sitten- und Moralwächter, wie heute der Siegeszug des Onlinehandels. Hans Magnus Enzensberger schrieb damals: „Das deutsche Proletariat und das deutsche Kleinbürgertum lebt heute, 1960, in einem Zustand, der der Idiotie näher ist denn je zuvor.“ Und verdammte die Kataloge als Zeichen der Verdummung durch Konsum und Materialismus. Dazu passend galt auch in den ersten Jahren, dass es „unfein“ sei, im Versandhauskatalog zu bestellen. Die feine Gesellschaft rümpfte die Nase über den Pöbel, der sich Schuhe und Textilien aus dem Katalog bestellte. Den Ruf des Durchlauferhitzers für die Volks- und Massenware streifte der Katalog erst ab, als die Waren exklusiver wurden. Als Delikatessen und edler Schmuck in den 60er-Jahren Einzug hielt, hatte der Katalog auch die „oberen Zehntausend“ für sich eingenommen. Natürlich nur für exklusive Waren, versteht sich. Das Beinkleid kaufte der Herr von Welt weiterhin im Mode-Fachgeschäft. Oder heimlich bei Otto.

Otto-Katalog Herbst/Winter 1953. (Foto: Otto.de)

Im Osten war der Katalog ein begehrtes Objekt, schier unfassbar schien die reiche Fülle an Waren und Angeboten für die DDR-Bevölkerung, die sich schon für Alltagswaren in die Schlange einreihen musste. Trotz des Umstandes, dass keine Bestellungen und Lieferungen in den Osten möglich waren, nutzen die DDR-Bürger den Katalog nicht zur reinen Belustigung. Moderne Kleider wurden beispielsweise auch mal nach einem Katalogmuster nachgenäht. Die DDR-Führung versuchte sich selbst an dem Versandhandelsgeschäft. Die meisten Waren kamen aber erst ein bis zwei Jahre nach Verfügbarkeit im Westen in den Centrums-Ostkatalog – und waren dann des öfteren schon vergriffen. Schließlich wurden nicht nur die Waren, sondern auch das Papier zu knapp und 1976 wurde er eingestellt.

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4 Reaktionen
Patrick

Da bin ich mal gespannt ob es der richtige Schritt ist. Als EX-Freelancer von Neckermann kann ich nur sagen dass das Einstampfen des Kataloges zu Umsatzeinbrüchen führte. Der Grund: Viele Kunden haben im Katalog ausgesucht und dann online bestellt.

Hoffen wir mal dass Otto den Nutzerfluss besser analysiert hat.

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SW

Inzwischen kommen die "schönen inszenierten" Fotos von den Usern selbst, Bei H&M zum Beispiel haben Kunden die Möglichkeit die Outfits in Aktion zu zeigen. Und dass es nur nicht nur um die reine Produktdarstellung geht zeigen auch die "Get the Look" oder Lookbook Rubriken. Man kann im übrigen in jedem Bild Farben fälschen, egal ob einzeln oder im Kontext. ;)

Es war abzusehen, dass der dicke Wälzer geht. Die reinen Onlinemarken graben den klassischen Versandhäusern das Wasser ab, wie man an Quelle und Neckermann gesehen hat. Otto hat sich zumindest davor bewahrt.

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Ralf Schambier

Der Katalog ist tot - das lese ich seit 20 Jahren. Genauso wie die Mär vom papierlosen Büro...Fakt ist, dass beispielsweise für die Tourismusbranche mehr Kataloge denn je gedruckt werden. Der Grund? Sie funktionieren.

Einfach aufklappen, Urlaubsziel suchen, "Öhrchen machen" und das gewünschte Ziel dem Partner oder der Familie zeigen. Bis heute funktioniert das und wird die kommenden 10 Jahre weiterhin so funktionieren.

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Daniel B.

Wenn jetzt noch dieser dicke Wälzer "Gelbe Seiten" eingestellt würde...

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