Analyse

Was sich seit der ersten Cebit geändert hat

Tennisspieler Boris Becker lässt sich auf der ersten Cebit 1986 einen Computer zeigen. (Foto: dpa)

Als 1986 die Cebit aus der Hannover Messe ausgekoppelt wurde, war die Welt eine andere. Im Zentrum der IT stand das Büro – und Unternehmens-Hardware war der Treiber der Digitalisierung. Die heutige IT-Welt funktioniert nach komplett anderen Regeln. Was die neue IT-Ära ausmacht.

Die Cebit ist Geschichte – die Ära, in der sie geboren wurde, ist schon länger vorbei. Als „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“ stellte 1986 die Cebit das Thema Computer in den Mittelpunkt – damals ohne Frage wegweisend. Schon das damalige Akronym zeigte, um wen sich die Computerwelt damals drehte: Das Büro war der Innovationstreiber jener Zeit, da Büros die Hauptabnehmer von Computer-Hardware waren.

In den Zeiten, in denen sich der Begriff elektronische Datenverarbeitung (EDV) in Deutschland endgültig etablierte, waren Computer noch respekteinflößende, komplizierte und teure Maschinen für wichtige Aufgaben in Unternehmen und Verwaltungen. Für den Heimgebrauch waren sie den meisten noch zu teuer – nur günstige sogenannte Heimcomputer wie C64, Atari ST und Amiga 500 fanden in Wohn- und Kinderzimmern größere Verbreitung.

Smartphones sind Treiber der IT – und darüber entscheiden vor allem Konsumenten

Die Welt der ernstzunehmenden, großen Computer war damals noch für Büros reserviert. Daher war es für die Cebit auch folgerichtig, die Büroausstattung mit Computern in den Mittelpunkt der Messe zu stellen. Die Zeiten aber, in denen die EDV von Unternehmen der Innovationstreiber der IT-Branche insgesamt war, sind lange vorbei. Nicht mehr PCs treiben die Entwicklung, sondern Smartphones – und immer seltener entscheiden IT-Verantwortliche in Unternehmen über die Anschaffung, sondern private Konsumenten.

Oberflächlich betrachtet wurde die Ära der klackernden Tastaturen durch geräuschlose Smartphones abgelöst – doch dahinter steht ein noch fundamentaler Wandel: Waren früher die teuren Rechner im Büro die technologische Avantgarde, deren Technik Jahre später auch für Verbraucher leistbar wurde, werden heutige Hard- und Software-Innovationen vor allem und in erster Linie für Konsumenten auf den Markt gebracht – und Büro-IT dagegen hinkt den Innovationen im privaten Bereich häufig Jahre hinterher.

Hochgezüchtete Spezial-Hardware wie beispielsweise die Grafik-Monster von SGI aus den 1980er und 1990er Jahren sind ebenso Geschichte wie spezielle Unix-Maschinen für besonders leistungsfähige Server mit Enterprise-Betriebssystemen wie HP-UX – von einigen Legacy-Systemen beispielsweise in Banken abgesehen. Selbst wer heute einen Supercomputer bauen will, nimmt Consumer-Hardware von der Stange und schaltet sie zusammen. Konsumenten sind heute der größte und wichtigste Abnehmer von Hardware – entsprechend stehen sie auch im Mittelpunkt des Denkens der meisten Hersteller.

Entsprechend war die lange am B2B-Konzept festklammernde Cebit schon lange kein Ort mehr für Neuigkeiten, sondern vor allem einer für die Anbahnung von Geschäften. Neue Hardware wird seit vielen Jahren schon vor allem in Barcelona auf dem Mobile World Congress (MWC) und auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vergas vorgestellt.

Und mit der Alltäglichkeit von Computern im Geschäftsleben wurden insbesondere industrielle Anwendungen zunehmend auf der internationaleren Hannover Messe gezeigt, statt sie getrennt auf der Cebit zu präsentieren. Große und langjährige Cebit-Partner klagten über wenige bis keine Leads auf der Messe – womit diese an Legitimation verlor.

Zuletzt hatte die Cebit das alles erkannt. Die Grenzen zwischen Business- und Consumer-Welt sollten wieder durchlässiger werden, die Fachmesse zu einem Tech-Festival mit Musik umgebaut werden. Die Ansätze dazu auf der Cebit 2018 waren vielversprechend, reichten aber offenbar den Ausstellern nicht – und die Messeleitung zog die Reißleine.

Die Ära, für die die Cebit stand, endete spätestens mit dem iPhone

Doch die Ära, für die die Cebit stand, war schon länger vorbei – und spätestens mit der Vorstellung von Apples iPhone 2007 zu Ende gegangen. Spätestens ab dann wurde ersichtlich, dass Unternehmen und Büros nicht der Innovationstreiber der IT-Entwicklung sind.

IT-Lösungen insbesondere für die Vernetzung der Industrie – auch bekannt als Industrie 4.0 – werden wir jetzt vermutlich noch verstärkt auf der Hannover Messe sehen. Damit wird eine frühe Prophezeiung des deutschen Computerpioniers Heinz Nixdorf doch noch bestätigt. Vor dem Start 1985 warnte er nämlich vor dem „Experiment“ Cebit. Die Vorstellung, dass sich Vorstände von Unternehmen künftig zwei Mal im Jahr aus dem Unternehmen verabschieden, um mehrere Tage Messen zu besuchen, erschien ihm damals absurd.

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Eine Reaktion
Niels Dettenbach

Ich sehe den Niedergang der CeBIT eher als typisches Symptom übergeordneten Zerfalles hierzulande.

Die CeBIT war nie ganz ein privates Unternehmen - und wie viele staatsnahen/staatliche Unternehmen spielen Kunden- und Marktaffinität nur untergeordnete Rollen. Die Management-Posten werden immer öfter mit "zuverlässigen" Parteifunktionären als echten, kompetenten Experten besetzt. Was innerhalb des Staatswesens als Monopol funktioniert, hat im echten Wettbewerb kaum echte Chancen.

Gerade Mittelständler - für die die CeBIT sehr teures Pflaster war - die mit beiden Beinen auf dem Boden des Marktes stehen, zählen am Ende nicht nette Worte und schöne Bilder, sondern erzielte Abschlüsse / neue Kunden und Partner. Das scheint die Leitung "irgendwie übersehen" zu haben.

Die Versuche, die CeBIT zu "modernisieren" waren peinlich. Statt Fachpublikum wurden Konsumenten angesprochen - die die CeBIT als "Unterhaltung" verstehen sollten bzw. taten.

Nach der Schließung des letzten Computerproduzenten in Deutschland und dem absehbaren Niedergang der übrigen, noch deutschen Chipindustrie sowie einer SAP, die längst mehrheitlich US-Investoren gehört, dürfte Deutschland vom IT-Weltmarkt ganz abkoppeln, ja nicht mal mehr zweite Reihe erreichen.

Die Ursachen liegen dabei nicht in einem Mangel an staatlichen Subventionen und immer neuen Regierunsprogrammen, sondern deren Kontraproduktivität. Der Staat ist eben der schlechteste, weil ineffizienteste Anbieter an Märkten, doch statt Märkte endlich zu öffnen und damit attraktiv zu machen, sollen noch mehr Subventionen in immer fragwürdigere - meist ideologisch geprägte und planwirtschaftlich angegangene - Projekte und noch mehr "Regulierung" den Gap schließen, was absehbar noch schiefer gehen wird.

Aber Hauptsache es gibt noch mehr Posten für Parteischranzen, die Gelder im Sinne ihrer Partei "fairteilen" und stetig neue "Erfolge" verkünden, noch mehr Unternehmen in ihrer Arbeit rumfuhrwerken, die nur auf dem Papier/für Laien welche sind.

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