Porträt

Dieses DHDL-Startup vermietet Autos für einen Euro – wie ist das möglich?

Die Flipcar-Gründer Sven Gunkel (30) und Okan Gürsel (30). (Foto: Flipcar)

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Mietwagen für einen Euro: Mit diesem unglaublichen Versprechen wirbt das Bremer Startup Flipcar neuerdings um Kunden. Doch für die hat der Dienst auch zwei entscheidende Nachteile.

Von München nach Düsseldorf für einen mickrigen Euro: Gegen die Preise von Sven Gunkel und Okan Gürsel sehen selbst die Sparangebote von Milliardenunternehmen wie Flixbus oder der Deutschen Bahn alt aus. Vor wenigen Tagen haben die Jungunternehmer aus Bremen ihren Dienst Flipcar gestartet, einen neuartigen Mietwagenservice, mit dem sie den Mobilitätsmarkt „revolutionieren“ wollen.

Nutzer können per App nach Fahrzeugen in ihrer Umgebung suchen und für eine Gebühr von einem Euro zu ihrem Wunschort fahren. Sogar die Kosten für Sprit und Versicherung sind bereits enthalten. Einzige Voraussetzung: Die gewünschte Kombination aus Start- und Zielort muss gerade verfügbar sein.

Flipcar hilft Autovermietern beim Kosten sparen

Denn das Startup ist auf die Aufträge von klassischen Autovermietungen angewiesen. Um etwa Reservierungen von Kunden bedienen zu können, müssen Fahrzeuge deutschlandweit zwischen Städten und Stationen hin und her kutschiert werden. Den Job übernehmen häufig Studenten, die nach Abgabe des Fahrzeugs per Zug wieder zu ihrem Heimatort zurückfahren. Ein teures und aufwendiges Prozedere, das für Autovermieter mit begrenztem Fuhrpark jedoch unvermeidbar ist. Vor allem dann, wenn es mal wieder zu Flug- oder Bahnausfällen kommt.

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So sieht die Mietwagen-App von Flipcar aus. (Screenshot: Flipcar)

So sieht die Mietwagen-App von Flipcar aus. (Screenshot: Flipcar)

Als ihnen ein gemeinsamer Freund davon erzählte, wurden Sven Gunkel und Okan Gürsel sofort hellhörig. „Dabei ist uns aufgefallen, wie ineffizient die Logistik der Autovermietungen ist“, sagt Gürsel. „Da kam die Idee auf, diese Leerfahrten einfach an Privatleute zu vermitteln, die sowieso an das Ziel der Logistikfahrt reisen wollen. Etwa, um den Partner oder die Familie zu besuchen.“ Für die Vermittlung der Überführungsfahrten erhalte Flipcar von den Vermietern eine Provision, die Vermieter wiederum müssten keine 400-Euro-Jobs mehr ausschreiben. „Die Autovermieter sparen damit im Schnitt bis zu 80 Prozent ihrer Überführungskosten“, erklärt Gürsel. Zu seinen Partnern gehört unter anderem Branchenprimus Europcar.

Auch Experten finden die Idee auf den ersten Blick spannend. „Mit einem Angebot, wie Flipcar es bewirbt, kann es zu einer Win-win-Situation kommen“, sagt Frieder Bechtel vom Vergleichsportal billiger-mietwagen.de. „Der Kunde bekommt einen Wagen zu einem ungewöhnlich günstigen Preis, der Vermieter bekommt das Auto ohne Einsatz eigenen Personals zum gewünschten Zeitpunkt transportiert“. Ein Nachteil gegenüber normalen Mietwagenanbietern sei allerdings, dass Nutzer ihr Fahrzeug eben nur für den Hinweg zum Zielort nutzen könnten. Für die Rückkehr, so Bechtel, müsse dann meistens auf andere Transportmittel ausgewichen werden.

Nutzer werden streng überwacht

Das Flipcar-Konzept ist nicht neu. Anbieter wie freifahrt.de oder Starcar bieten kostenlose Überführungsfahrten bereits seit einigen Jahren an. Mitgründer Gürsel sieht sich dennoch im Vorteil. „Im Gegensatz zu unseren Mitbewerbern ist bei uns die App die Plattform, um Fahrten zu suchen und zu buchen“, sagt der studierte Medienwissenschaftler. So werde die spontane Buchung von Fahrzeugen etwa durch Push-Benachrichtigungen auf dem Smartphone und den „Städtealarm“ vereinfacht.

„Außerdem erhalten Nutzer bei uns sogenannte Flipcoins“, sagt Gürsel und meint damit eine spezielle Digitalwährung, die sich App-Nutzer für kürzere Fahrzeiten, wenig Umwege und gewissenhaften Fahrstil verdienen können. Die gesammelten Coins können dann für Fahrten mit Luxuskarossen eingelöst werden. „So kann man in Zukunft dann auch mal einen Porsche für einen Euro mieten“, so Gürsel.

Hier ist allerdings auch Vorsicht geboten, denn: „Kunden müssen sich gewahr sein, dass ihre Flipcar-Fahrten intensiv getrackt werden“, warnt Mietwagen-Experte Bechtel. Er geht davon aus, dass vor allem Fahrtrouten und Beschleunigungen elektronisch erfasst werden. Bechtel verweist dazu auf die Website von Flipcar, wo das Startup selbst nur lapidar von einer „super fancy Technologie“ spricht.

Auf Nachfrage geht Flipcar-Mitgründer Gürsel ins Detail: „Wir greifen auf die Bewegungssensoren des Smartphones zu, um neben der Geschwindigkeit über GPS auch das Anfahr-, Abbrems- und Kurvenverhalten erfassen zu können“, erklärt der Jungunternehmer. „So stellen wir die Qualität der Überführungen sicher und können Fahrer über die Flipcoins mit einer größeren Auswahl an Premiumfahrzeugen belohnen.“ Die Daten würden dabei lediglich lokal auf dem Smartphone ausgewertet – Partner oder andere Dritte erhielten hingegen keinen Zugang.

Auch allzu harte Sanktionen für Fehlverhalten müssten Nutzer vorerst nicht fürchten, versichert Gürsel. „Kleine Umwege wie Kaffeepausen sind natürlich kein Problem und sogar erwünscht. Flipcar und unsere Partner sind hier sehr kulant, lediglich große Umwege, die vorsätzlich gefahren werden, können unter Umständen von den Partnern mit Zusatzkosten für Sprit berechnet werden.“

Flipcar peilt Hunderttausende Nutzer an

Dass Experte Bechtel neben der Transparenz etwa auch das noch sehr begrenzte Fahrzeugangebot bemängelt, sieht Gürsel nicht so eng. Es gebe bereits Gespräche mit weiteren Autovermietern, auch wenn er noch keine Namen nennen dürfe.

Nur soviel: „Bis Jahresende wollen wir eine sechsstellige Zahl an Nutzern erreichen und täglich mehrere Hundert Fahrzeuge über die App anbieten“, sagt Gürsel. Er und Mitgründer Sven Gunkel schätzen, dass jedes Jahr etwa eine Million Leerfahrten mit überführten Mietwagen absolviert werden. Je nach Preismodell ergebe sich allein in Deutschland ein Umsatzpotenzial im mittleren siebenstelligen Bereich. Die Fahrt der beiden Jungunternehmer aus Bremen hat also gerade erst begonnen.

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