Analyse

„Für dich immer noch Sie“ – könnte sich der Duzen-Trend umkehren?

Du oder Sie? Es ist nicht egal, wie wir unsere Kollegen anreden. (Foto: fizkes/Shutterstock)

In der Firma zu duzen, gilt nicht mehr als hip, sondern ist längst Standard. Doch ein Du kann auch erzwungen wirken. Ob der Trend zurück zum Sie gehen könnte und warum Unternehmen Mitarbeitern die Wahl lassen sollten.

„Wohnst du noch, oder lebst du schon?“, „Du bist, was du isst“ – es sind längst nicht mehr nur lässige Startups, die Mitarbeiter oder Kunden duzen. Nicht nur bei Ikea ist das Du bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Auch alteingesessene deutsche Firmen wie die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) und Otto beschäftigen sich schon seit Längerem mit der kumpelhaften Anrede. Was damit begann, gleichgestellte Kollegen zu duzen, weitete sich schnell auf die gesamte Belegschaft inklusive Führungsetage aus. Mittlerweile werden sogar in Stellenanzeigen oder Werbespots potenzielle Bewerber und Kunden geduzt.

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Die informelle Anrede als Teil der Firmenkultur

Klar, die informelle Ansprache auf Augenhöhe suggeriert Gleichheit und Offenheit. Ein „Fühl dich wie zu Hause“-Gefühl. Das war jahrhundertelang anders, früher herrschten strenge Hierarchien, die sprachlich zum Ausdruck gebracht werden mussten. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden teilweise sogar die eigenen Eltern noch gesiezt. Dabei gibt es die heutige Form „Sie“ erst seit etwa 200 Jahren. Davor sprach man sich höflich mit „Ihr“ und „Er“ an. Diese Formen klangen dann irgendwann abgedroschen, so wie heute das Sie.

Doch droht das Sie wirklich zu verschwinden wie die anderen Bezeichnungen? Es ist verständlich, dass Unternehmen in Zeiten von Globalisierung sowie weltweiter Vernetzung Offenheit, Gleichheit und somit die informelle Anrede in die Firmenkultur aufnehmen wollen. Es soll das Image entstauben und (Kunden-)Beziehungen auflockern. Immerhin kennt das Englische auch keine Differenzierung. Allerdings schafft das Du auch ein undurchschaubares Hierarchiegefüge, in dem sich nicht jeder einfach zurechtfindet. Duzen klingt nach Vertrauensvorschuss und fördert eine Erwartungshaltung der Kumpanei, wo oft keine ist und es keine geben sollte. So kann es zum Beispiel Druck erzeugen, der Kollegin aus Nettigkeit eine ungeliebte Aufgabe abnehmen zu müssen, oder unbewusst bei der Gehaltsverhandlung ausbremsen – man will dem Kumpel-Chef ja nicht allzu viel Geld aus der Tasche leiern, er muss ja auch von etwas leben können.

Siezen als Zeichen des Respekts

Da verwundert es nicht, dass laut einer Appinio-Studie nur acht Prozent der Befragten das Siezen abschaffen wollen. Für 61 Prozent ist die förmliche Anrede ein Zeichen von Respekt, Höflichkeit und Zurückhaltung. Besonders auffällig: Gerade junge Leute wollen gesiezt werden, um sich ernst genommen zu fühlen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen mit der modernen Du-Anrede also nicht immer automatisch bei jedem punkten. Auch Wirtschaftspsychologen der Hochschule Osnabrück haben in einer Befragung herausgefunden, dass das Anredemodell am populärsten ist, bei dem alle Beschäftigte – egal, ob Praktikanten, Mitarbeiter oder Führungskräfte – die Wahl haben, wen sie siezen oder duzen. Es kann sich also durchaus auszahlen, Mitarbeiter selbst entscheiden zu lassen und nicht allzu krampfhaft auf dem Du zu bestehen. So kann sich jeder selbst einen Rahmen für ein Maß an Intimität stecken, in dem er sich wohlfühlt.

Selbst entscheiden, wer gesiezt und wer geduzt wird

Du-Enthusiasten muss das nicht abschrecken. Ein Zurück vom Du zum Sie erlaubt die Etikette nicht, mag eine Firmenkultur noch so progressiv sein. Wer aber etwa neuen Kollegen einen Spielraum gewährt, beweist wirkliche Offenheit für individuelle Entfaltung – und für alle Kulturen. Denn wo vor einigen Jahren die englische Sprache großen Einfluss auf das Geschäftsleben hatte, könnte es in Zukunft das Chinesische oder Japanische sein – und beide sind sehr höfliche Sprachen mit vielen formellen Anredeformen. Im Chinesischen zum Beispiel wird der Nachname vor dem Vornamen genannt. Zuallererst wird jedoch der Titel oder die Berufsbezeichnung betont. Wo wir Deutschen oft auf die Nennung eines Doktortitels bei der Anrede verzichten, legen Chinesen darauf großen Wert.

Zwar kehrt sich der Duz-Trend momentan noch nicht um. Doch Sprache wandelt sich ständig – der beste Beweis ist die entbrannte Gender-Debatte. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich neben dem Du und Sie auch bald eine dritte Alternative im Geschäftsalltag.

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Ein Kommentar
Junichs
Junichs

Selbstentscheiden finde ich auch nicht richtig. Als ich mich bei meinem derzeitigen Arbeitgeber beworben habe, wurde mir auch vom Chef gleich ein „du“ angeboten. Das fande ich damals seltsam. Ich hätte eher zum „Sie“ tendiert. Auch als ich dann dort neu angefangen habe, hatte ich ein großes Problem damit, fremde Menschen, die ich nicht kenne, zu duzen. Mittlerweile finde ich es befremdlicher wenn ich einkaufen bin und man mitbekommt, wenn sich die Mitarbeiter untereinander mit „Herr XX“ und „Frau YY“ ansprechen.
Es kann sich also auch schnell ändern, wenn man es erst mal so gewohnt ist.
Mit dem „du“ fühlt man sich schneller „dazu“.
Mich hat letztens der Azubi mit „Sie“ angesprochen. Habe mich gleich 20Jahre älter gefühlt.
Nee, in einem Unternehmen in dem „Sie“ gesprochen wird, möchte ich ehrlich ohne Not nicht arbeiten.

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