Interview

Headspace-Gründer: „Wir finden Glück nicht auf der Suche nach Glück“

Die Headspace-Gründer Richard Pierson und Andy Puddicombe: „Es geht nicht um den Zustand: Uhhhh huuuuu, bin ich glücklich!“ (Foto: t3n.de)

Andy Puddicombe flüstert 42 Millionen Menschen beim Meditieren ins Ohr. Wir haben ihn gefragt, wie viel Glück man für 12,99 Euro erhält und ob man die Wirksamkeit von Meditation beweisen kann.

„Glücklichkeit“

Reine, ungestreckte Glücklichkeit. Per App für 12,99 Euro im Monat. Jederzeit kündbar.

Es ist schon sehr mutig, wenn eine Tech-Firma einfach nur Glück auf den großen Bildschirmen der Berliner U-Bahnstationen bewirbt. Das sind keine besonders glücklichen Orte. Die Menschen dort machen Gesichter, als seien sie schon seit Jahren unter Tage eingesperrt. Es sei denn, der sogenannte „Schreier“ steigt ein. Der Schreier ist ein mittelalter, etwas zerzauster Mann, der sich meist zwischen Friedrichstraße, Stadtmitte und Französische Straße herumtreibt und in Französisch wirre politische Parolen schreit. Diese Woche trägt er dabei einen etwa einen Quadratmeter großen Pappausschnitt mit einer Charles-de-Gaulle-Zeichnung darauf um den Hals. Und einen weißen Umhang mit aufgenähtem rotem Kreuz auf dem Rücken, das nach den drei Musketieren aussieht. Als die U-Bahn-Tür schließt, ruft er noch von draußen ein paar französische Parolen zum gekippten Fenster herein.

Glück jedenfalls könnten in der U-Bahn einige der Mitfahrenden gebrauchen, und 12,99 Euro ist eigentlich ein guter Preis für einen Monat Glück per App.

Man sieht die Werbung für Glück, illustriert mit breit grinsenden orangenen Zeichentrickfiguren, auf dem ganzen Weg vom Moritzplatz bis hin zum Rosa-Luxemburg-Platz. Dort um die Ecke, in der Torstraße 1, der ehemaligen SED-Zentrale, die jetzt das Hotel Soho-House ist, wirken die Leute dann auch schon um einiges glücklicher. Im Erdgeschoss schauen sich mittelalte Männer mit tätowierten Armen, dunklen Bärten und ironisch getragenen Louis-Vuitton-Rücksäcken Balenciaga-Turnschuhe nördlich der 700 Euro an.

Ein paar Stockwerke über der Lobby sitzen Andy Puddicombe und Richard Pierson, die Gründer der App Headspace, an einem langen, dunklen Holztisch vor Tablets mit aufwendigem Konfekt. Headspace ist die zahlenmäßig größte Meditationsapp der Welt. 42 Millionen Leute, sagt Puddicombe, seien auf der Plattform. Ungefähr eine Million davon zahlt monatlich zwölf US- Dollar – oder jetzt 12,99 Euro – für Glück. Headspace startet gerade gerade auf Deutsch, daher die Werbung in der U-Bahn.

Mit der englischen Version von Headspace habe ich 137 Stunden  verbracht, sagt mir die Statistikfunktion der App. 433 Sitzungen mit durchschnittlich 19 Minuten hat Andy Puddicombe mich bereits besprochen. Ich fand es immer ganz nett, frage mich aber trotzdem, ob ich mit 20 Minuten mehr Schlaf pro Tag nicht besser beraten wäre. Und ich frage mich, ob das 12,99-Glücks-Abo nicht einfach nur die beste Marketingidee seit Leitungswasser in Plastikflaschen ist.

Puddicombe hat zehn Jahre in diversen Klöstern verbracht. Sein Alter lässt sich schwer schätzen, sein Schädel ist bis auf die Augenbrauen absolut kahl rasiert und er wirkt, als ob er es bisweilen recht anstrengend fände, immer glücklich zu wirken. Man erkennt sowas in Interviews daran, dass Menschen lange und tief Luft holen, als wollten sie sagen „Mein Gott, ich hab’s dir doch schon tausendmal erklärt“, aber dann doch freundlich bleiben und den Satz mit „Schau, für mich ist es so …“ beginnen.

Richard Pierson, Puddicombes Mitgründer und CEO von Headspace hingegen wirkt tatsächlich gelöst, als säße er gerade in einer Strandbar irgendwo in der Sonne.

t3n.de: Andy, ihr plakatiert in Berlin „Glücklichkeit“. Ich habe 137 Stunden mit eurer App verbracht. Ich bin noch nicht restlos glücklich. Seid ihr denn so glücklich wie die Figuren auf euren Plakaten?

Andy Puddicombe: (Lacht, und es wirkt ehrlich) An Aufnahmetagen meditiere ich mit dir. Wirklich. Es gibt nicht viele Leute, die an die Arbeit gehen und einfach nur in Stille sitzen, für einen Tag, und meditieren. An diesen Tagen fühle ich mich natürlich viel ruhiger. Wenn ich in das Hauptquartier gehe und da Hunderte von Leuten herumrennen, ist das natürlich weniger beruhigend.

„Wir finden Glück nicht auf der Suche nach Glück.“

t3n.de: Auf eurer U-Bahn-Werbung steht tatsächlich „Glück“. Ist das nicht ein gewagter Claim? Meiner Erfahrung nach ist es nicht so einfach: Kopfhörer rein und es fließt Glück.

Andy Puddicombe: Das ist eine größere philosophische Frage: Wir finden Glück nicht auf der Suche nach Glück. Sondern eher, wenn wir die Mühen unseres Bewusstseins verstehen. Da entdecken wir Glück. Es ist nicht: Du drückst einen Knopf und bist glücklich. Du drückst einen Knopf und plötzlich bist du Zeuge deiner Gedanken. Und für die meisten Leute ist das ein absoluter Schock.

t3n.de: Wieso sind unsere Gedanken ein Schock für uns?

Andy Puddicombe: Weil wir mit unseren Gedanken schon unser ganzes Leben leben und sie trotzdem noch nie wirklich gesehen haben. Und plötzlich denken wir: Wow, mir war nie bewusst, dass ich so viel nachdenke. Und durch diesen Prozess entdecke ich eine andere Art der Zufriedenheit. Ich glaube, Zufriedenheit (contentment) und Glück (happiness) werden im Westen oft austauschbar verwendet.

„Es geht nicht um den Zustand:‚Uhhh huuuuuu, bin ich glücklich!‘“

t3n.de: Und worum geht es euch? Glück oder Zufriedenheit?

Andy Puddicombe: Glück kommt und geht. Ich bin auch nicht glücklich, wenn ein Freund von mir leidet. Ich bin dann traurig. Als Gefühl kommt und geht Glück. Aber unter dem Gefühl ist ein Ort der Zufriedenheit, der sich niemals ändert. Das ist, was mich interessiert. Es geht mehr um das zufriedene Bewusstsein, das mit mir ist, wenn ich glücklich und aufgeregt bin, aber auch dabei ist, wenn ich traurig und gestresst bin. Das ist, wo ich hin will. Und nicht der Zustand: ‚Uhhh huuuuuu, bin ich glücklich!‘

t3n.de: Andy, du meditierst beruflich und hast zehn Jahre im Kloster verbracht. Da überrascht mich eine gewisse Gelassenheit nicht. Wie lange meditierst du in der Regel, Richard?

Richard Pierson: Eine Stunde pro Tag.

t3n.de: Und, kommst du damit an das Glück heran, das die Figuren auf den Plakaten ausstrahlen, oder hast du noch ähnliche tägliche Probleme wie alle anderen auch?

Richard Pierson: Meine Erfahrung ist, dass ich immer noch all diese täglichen Probleme habe. Die verschwinden nicht, aber man hat vielleicht eine andere Beziehung dazu.

Andy Puddicombe: Manche Menschen glauben, alles würde sich durch Meditation ändern, innerlich. Manche Menschen glauben sogar äußerlich, dass alle ihre Probleme verschwinden werden. Aber das ist nicht, worum es in Meditation geht. Bei Meditation geht es darum, unsere Beziehung zu unseren Gedanken und damit unsere Erfahrung des Lebens zu ändern.  Wenn dann etwas passiert, ist es weniger schmerzhaft.

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2 Kommentare
Marcus Sandberg
Marcus Sandberg

„Wir nähern uns auch einer Zulassung der Arzneimittelbehörde“ …. Wozu braucht eine App zur Meditationsunterstützung eine FDA Zulassung als Arzneimittel? Und das Intro startet dann mit „…. zu Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker ….“
Ob das mal nicht kontraproduktiv ist. Denn sobald es als Medikament zugelassen ist, kann ich Headspace zumindest in D nicht mehr frei verkäuflich anbieten …. und damit hätte Headspace zumindest die die Aufmerksamkeit der gesamten Presse garantiert: Eine App, die nur in der Apotheke verkauft werden darf …..

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Guru
Guru

Ich empfehle die kostenlose (Fremium Modell) App Insight Timer , die ich seit Jahren nutze. Timerfunktion und geführte Meditationen in vielen Sprachen.

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