Analyse

Heiße Diskussion über Nerd-Klischee: Was ist dran am „10X Engineer“?

(Foto: REDPIXEL.PL / Shutterstock)

Am vergangenen Wochenende war der kontroverse Begriff des „10X Engineer“ Gegenstand heißer Diskussionen. Doch was ist das überhaupt?

Der sogenannte 10X Engineer ist ein Entwickler, der der Legende nach zehn Mal so produktiv arbeitet wie der 1X Engineer, der in diesem Szenario der Unproduktivste im Team ist. Auslöser für die Diskussion war ein Tweet des indischen Investors Shekhar Kirani. In diesem Thread definiert Kirani elf Eigenschaften, an denen man einen 10X Engineer erkennen können soll:

Alles beginnt damit, dass er Gründern von Startups empfiehlt, gezielt nach 10X Engineers Ausschau zu halten, weil es seiner Meinung nach die Überlebenschancen des Startups deutlich steigere. Zudem handele es sich um Angehörige einer seltenen Spezies, die man schnell ans eigene Unternehmen binden muss, bevor sie nicht mehr verfügbar sind.

Es dauerte nicht lang, bis sich immer mehr Timelines von Entwicklern weltweit mit den Thesen des Investors füllten und dort auf Ablehnung und Zustimmung zugleich stießen. Gegner und Befürworter der These lieferten sich kontroverse Schlagabtausche, die selten sachlich blieben.

10X Engineer – wichtigster Mitarbeiter oder auf der Kündigungsliste?

In der Essenz stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber, weil die einen glauben, dass der Begriff 10X Engineer ähnlich negativ konnotiert ist, wie der des Rockstars. Danach seien solche Personen unfähig, nicht nur zur Teamarbeit sondern auch jeder anderen Form von Kollaboration. Stattdessen handele es sich um ausgeprägte Einzelgänger mit einem Hang zur Selbstüberschätzung, die sämtliche anderen Projektteilnehmer mindestens für intellektuell benachteiligt hielten. Dabei seien sie selber nicht so viel besser, dass sie eine zehnfache Produktivität tatsächlich nachweisen könnten. Im Ergebnis raten jene, die dem Begriff 10X Engineer negativ gegenüberstehen, davon ab, Personen mit den beschriebenen charakterlichen Eigenschaften einzustellen. Der Begriff an sich sei damit auch obsolet, denn die vermeintlichen positiven Fähigkeiten seien entweder nicht da oder nicht relevant.

Die andere Gruppe der Diskutanten hingegen definiert die von den Gegnern beschriebenen Nachteile teils zu Vorteilen um, teils negiert sie sie ganz. Danach seien 10X Engineers durchaus teamfähig und hätten auch ansonsten alle erforderlichen fachlichen und sozialen Kompetenzen. Alles andere sei bloß Wahrnehmung von Leuten, die an das hohe Leistungsniveau eines 10X Engineers aus den unterschiedlichsten Gründen nicht herankommen. Sie definieren den Streit als eine Neid-Debatte und sind felsenfest der Überzeugung, dass es den Begriff natürlich geben sollte, denn der 10X Engineer sei ein real existierender Fakt.

Der 10X Engineer auf der Sachebene: Was ist dran am Klischee?

Jason Crawford, leitender Entwickler bei der Logistik-Plattform Flexport, hat sich die Zeit genommen, Struktur in die Debatte zu bringen und sich neutral mit dem Thema zu befassen.

Dabei weist er darauf hin, dass das Klischee nicht eine bloße Erfindung darstellt, sondern durch diverse Studien belegt ist, die natürlich in sich nicht ohne Schwächen seien. Dabei gelte es indes verschiedene Aspekte im Blick zu behalten.

Der durchschnittliche Entwickler ist nicht 1X

So sei 10X nicht etwa der Unterschied zwischen dem besten und dem durchschnittlichen Entwickler, sondern jener zwischen dem besten und dem schlechtesten. Hieraus ergäbe sich ein Faktor von etwa 3X, bezogen auf den durchschnittlichen Entwickler. Der Abstand wirke schon weit weniger groß und daher eher glaubhaft.

In den diversen Studien, die zwischen 1968 und 2000 durchgeführt wurden, konnten Leistungsunterschiede bezogen auf definierte Aufgaben von individuell 5X bis 25X nachgewiesen werden. Diese breite Spanne zeige, dass jedenfalls große Produktivitätsunterschiede bestünden, unabhängig davon, ob man konkrete Ergebnisse einzelner Untersuchungen unbedingt auf 10X herunterbrechen könne.

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