Ratgeber

Bloß kein Brainstorming! Was Kreativität wirklich braucht

Masse statt Klasse: Brainstormings bringen in der Regel keine neuen Ideen hervor. Echte Innovationen entstehen nebenbei. (Foto: Redpixel.PL/Shutterstock)

Kreativmeetings sind beliebt. Gerade Brainstormings stehen in der Erwartung innovativer Ideen ganz oben. Warum der Plan nicht aufgeht und wie Kreativität stattdessen entsteht.

Es ist Dienstagmorgen, elf Uhr. Das Team der Produktentwicklung sitzt im Konferenzraum der Firma zusammen, um an einem neuen Feature zu arbeiten. Sie müssen dem Wettbewerb etwas besonders Kreatives entgegensetzen, sonst verliert die Firma wichtige Marktanteile. Post-its liegen parat, das Whiteboard ist frisch geputzt. Los gehts. Nach zwei Stunden rauchen die Köpfe. Ein Blick auf die Ergebnisse zeigt jedoch größtenteils die üblichen Verdächtigen. Die Vorschläge bleiben nah an der Realität. Ein echter Kracher ist irgendwie nicht dabei. Warum denn nicht?

Optimierungseinerlei

„Grandiose Einfälle kommen häufig in den Momenten, in denen wir loslassen – unter der Dusche oder bei einem Glas Wein“, ist Matthias Kolbusa, Experte für High-Performance-Management, überzeugt. Unerwartet lichte sich der Schleier, und die Lösung liege auf der Hand. Für freies, ungezwungenes Denken bleibe jedoch im Arbeitsalltag zu wenig Zeit. „Lieber ballern wir unseren Kalender mit Terminen zu“, so Kolbusa.

Kreativität werde in enge Zeitfenster gepresst, Brainstormings sollen zu innovativen Ideen führen. Doch diese ließen sich nicht auf Kommando herleiten. So blieben die Ergebnisse in der Regel hinter den Erwartungen zurück. „Will ein Ressortleiter etwa seinen Bereich neugestalten, werden im eigens einberufenen Workshop bestenfalls die üblichen Floskeln breitgetreten, um ein paar Prozesse minimal zu verändern“, weiß der Buchautor und Vortragsredner aus Erfahrung. „Auf die Idee, wie sich die Zusammenarbeit grundsätzlich verbessern lässt, kann oder will im gewohnten und ideenbefreiten Optimierungseinerlei keiner kommen.“

Muße ist wichtig

Was wäre passiert, wenn sich jeder die Zeit genommen hätte, seine Gedanken ganz entspannt um das Thema kreisen zu lassen? Genau das sei der springende Punkt. Besondere Ideen bräuchten vor allem Muße. So sei Isaac Newton die Erleuchtung zur Gravitationstheorie gekommen, als er im heimischen Obstgarten versonnen einen Apfel betrachtete. Auch der Klettverschluss sei ein Zufallsprodukt.

Der Schweizer Ingenieur Georges de Mestral sei bei einem Hundespaziergang auf die Idee gekommen. Im Fell blieb eine Klette hängen, das brachte ihn darauf, dieses Naturphänomen nachzubilden. „Für kreative Lösungen muss sich vorhandenes Wissen mit neuen Wahrnehmungen und Erfahrungen verbinden“, so Kolbusa. „Damit das gelingt, müssen wir der Routine den Rücken kehren.“ Nur so ließe sich dem eigenen kreativen Potenzial ohne Druck Raum geben.

Struktur oder Freiraum? Beides!

Um Möglichkeiten für kreative Ideen zu bieten, sollten Unternehmen bewusst Freiräume im Arbeitsalltag zulassen. Das bedeute jedoch nicht, dass nun jeder planlos den Tag verträumen solle. „Die meisten erfolgreichen Künstler leben nicht in den Tag hinein, um ihre Inspiration dem Zufall zu überlassen“, so Kolbusa. „Vielmehr steuern und planen sie ihr freies Denken bewusst, um sich Raum und Zeit dafür zu geben.“

Solide Strukturen und kreative Freiräume seien damit keine Gegensätze, sondern gehörten zusammen. Besonders innovative Unternehmen wie 3M oder Google würden bewusst mit konkreten Freiräumen arbeiten. Hier dürften Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung 15 oder auch 20 Prozent ihrer Arbeitszeit ohne Chefabsprache auf selbstgewählte Vorhaben verwenden. Die besonders hohe Anzahl an Produkten und Patenten bestätige den Erfolg dieser Methode.

Schaffe ein Ritual

„Kreativität und freies Denken brauchen einen festen Rahmen und sollten Teil eines verlässlichen Alltagsrituals sein“, so Kolbusa. Er empfiehlt eine Art Muße-Ritual – eine Zeit, in der keine konkreten Aktivitäten und Termine stattfinden. Diese Disziplin zur Freiheit sorge dafür, dass kreative Räume bewusst geschaffen und nicht vermeintlich dringenden Projekten weichen.

Kolbusa verordnet sich beispielsweise immer donnerstags um zwölf Uhr zwei Stunden Nichtstun. Dann zeige die Energiekurve sowieso nach unten. Das Gehirn arbeite jedoch trotzdem. „So kommen wir auf Ideen, auf die wir unter anderen Umständen nie gekommen wären“, ist Kolbusa überzeugt. „Als Manager sollten wir uns regelmäßig zur Muße anhalten – und sie vor allem unseren eigenen Mitarbeitern nicht vorenthalten.“

Mehr zum Thema: Arbeit und Psychologie: „Kreativität kann nur entstehen, wenn Menschen etwas zugetraut wird“

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