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Interview

Arbeit und Psychologie: „Kreativität kann nur entstehen, wenn Menschen etwas zugetraut wird“

„Kreativität ist eine Fähigkeit, die uns allen angeboren ist“, erklärt die Forscherin Beatriz Arantes. (Foto: Steelcase)

Originalität braucht bestimmte Rahmenbedingungen. Die Forscherin Beatriz Arantes erklärt im Interview, wie Kreativität funktioniert und was sie unbedingt benötigt.

Nicht kreativ zu sein, behaupten viele Menschen von sich. Laut Beatriz Arantes, Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe „Work Space Futures“ beim Arbeitsplatzexperten Steelcase, ist Kreativität jedoch uns allen angeboren und etwas, das jeder Mensch in sich trägt. Egal ob Designer, Kellner oder Banker – wir alle müssen kreativ sein, sind wir doch mit einer Welt konfrontiert, die sich rapide ändert und die ständig neue Lösungen von uns fordert. Nur wenn Kreativität gelebt und gefördert wird, bleiben wir zukunftsfähig und werden nicht von künstlichen Intelligenzen oder automatisierten Prozessen abgehängt. Doch wie funktioniert Kreativität? Was benötigen wir, um kreativ arbeiten zu können? Und wie können Führungskräfte diesen Denkprozess fördern? Beatriz Arantes erklärt es euch.

t3n.de: Beatriz, du hast dich als Psychologin und Forscherin vor allem auf die Förderung von Kreativität am Arbeitsplatz spezialisiert. Bist du denn selbst kreativ?

Beatriz Arantes: Ja, mein Job erfordert tagtäglich Kreativität. Unser Team führt Studien, Beobachtungen und Forschungen durch, um herauszufinden, wie und wohin sich die Arbeitswelt entwickelt. Was wiederum dabei hilft, sich besser vorzustellen, wie unser Arbeitsplatz künftig aussehen kann. In diesem Dschungel kann mir keiner vorher sagen, worauf ich mich konzentrieren soll, wie ich an die Informationen komme, was am wichtigsten ist oder was am Ende dabei herauskommt. Forschungsarbeit erfordert immer kreatives Denken.

Wie funktioniert Kreativität?

Kreativität ist ein Prozess, jedoch kein linearer oder vorhersehbarer. Es wird ein Problemraum identifiziert, Informationen gesammelt, Lösungen gesucht und schlussendlich versucht, genau diese zu realisieren und weiter zu verbessern. Jede dieser Phasen erfordert eine andere Denkweise und andere Werkzeuge. Dabei geht es gar nicht darum, diese Abfolge strikt einzuhalten, aber das Verständnis für die einzelnen Komponenten kann natürlich dabei helfen, sich besser zu strukturieren.

Worauf kommt es dabei am meisten an?

Wichtig dafür ist ein hohes Maß an Eigenverantwortung, aber auch die Freiheit, Fehler machen zu können. Und natürlich, sich mit anderen auszutauschen und von ihnen neue Impulse zu erhalten. Ohne Anregungen von Außen, ist es schwer Neues zu erschaffen.

Der Maler Henry Matisse hat einmal gesagt, dass Kreativität vor allem Mut braucht und meint damit, dass Einheitsbrei nichts Neues hervorbringen würde. Werbung besteht heute gefühlt aber nur noch aus aalglatten Familienvätern und lächelnden Müttern. Und Kreative im Produkt- und Webdesign folgen stoisch vorgegebenen Trends anstatt für Aufregung zu sorgen. Ist Kreativität zur Stangenware verkommen?

„Kreativität ist ein Prozess, jedoch kein linearer oder vorhersehbarer.“

Kreativität erfordert Mut, da hat Matisse völlig Recht. Kreativität bedeutet, etwas Anderes und Neues vorzuschlagen. Doch mit unserer sozialen Prägung ist es oft riskant, etwas anderes als die Norm zu befürworten. Vielmehr tendieren wir dazu, Dinge in bekannte Kategorien und Schubladen zu stecken. Wir verlassen uns gerne auf Lösungen, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben. Zurückweisung schmerzt, egal ob sozial oder finanziell. Die Masse der Marken wählt somit auch den sicheren Weg und hält an Dingen fest, mit denen sie nicht anecken.

Wie schaffen wir es, diese Denkweise hinter uns zu lassen?

Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern einfach wieder mehr Vertrauen schenken. Kreativität kann nur entstehen, wenn Menschen bei der Lösungsfindung etwas zugetraut wird. Es geht um eine Kultur des Wohlbefindens, in der sich Kreative frei entfalten können: Sind sie motiviert, können sie auch ihr Bestes geben. Fühlen sie sich wohl dabei, gegenüber Kollegen oder dem Chef auch mal einen ungewöhnlichen Vorschlag zu machen? Haben sie Zeit, über ihre Arbeit nachzudenken oder reagieren sie einfach und löschen nur den dringesten Brand? Erst wenn unsere Arbeitsumgebung uns stimuliert, kann Kreativität entstehen und erfolgreich sein. Ein Kontrollwahn macht hingegen alle Originalität zunichte. 

Inwieweit spielt Unproduktivität eine Rolle beim Entstehungsprozess kreativer Gedanken? 

Der kreative Prozess kann von außen gesehen schon sehr unproduktiv wirken, wenn man ihn rein rational und unter Effizienzpunkten betrachtet. Kreativität braucht aber Freiraum und Freizeit, um auf Erkundungstour zu gehen. Und dabei kann man nicht wissen, wo man am Ende herauskommt oder welcher der effizienteste Weg dahin ist. Aber ohne diese Erkundungstour, können schlicht keine neuen Ideen entstehen.

Kann kommerzielle Arbeit dann überhaupt mit Kreativität einhergehen? Welches Unternehmen leistet sich schon Unproduktivität?

Der kommerzielle Kontext sollte immer nur die Art des Problems, das gelöst wird, verändern. Nicht aber die grundsätzliche Arbeitsweise. Man kann keine brillanten neuen Gedanken in einem engen Zeitplan fordern. Es muss einen gewissen Puffer geben, um Neues zu entdecken, zu forschen und natürlich auch etwas Zeit zu verschwenden. Wenn die Priorität auf der strikten Einhaltung eines Prozesses liegt, dem Zeitplan oder dem Budget, braucht man die neue Idee gar nicht erst weiterverfolgen. Da wird jeder kreative Funken sofort im Keim erstickt.

Nun gibt es ja viele Techniken und Methoden, um Kreativität anzuregen. Welche würdest du empfehlen?

Im Grunde folgen sie allen den gleichen Prinzipien und Mustern. Grundsätzlich gilt, sich Zeit zu nehmen, um über die Aufgabe nachzudenken, sie gegebenenfalls aus einer neuen Perspektive zu betrachen und zum Kern des Problems vorzudringen. Die richtige Frage zu stellen, ist dabei entscheidend. Kreative sollten sich von Orten inspirieren lassen, die rein gar nichts mit der Aufgabe zu tun haben. Ein Brainstorming im Konferenzraum bringt es nicht. Sie sollten erst einmal so viele Ideen wie möglich formulieren. Die Gedanken mit anderen aufgeschlossenen Menschen teilen und Meinungen einholen. Ansätzen dann genauer nachgehen, sie auszuprobieren, verbessern und wiederholen. Und wenn sie in eine Sackgasse geratet, einfach mal eine andere Idee ausprobieren.

Das klingt ein wenig so, als könnte jeder kreativ sein und als sei Kreativität erlernbar?

Kreativität ist eine Fähigkeit, die uns allen angeboren ist und die uns, betrachten wir die menschliche Evolution, von allen anderen Spezies unterscheidet. Nachdem immer mehr Prozesse von neuen Technologien automatisiert werden, bleiben uns Menschen mehr und mehr unstrukturierte Tätigkeiten, die ein hohes Maß an kreativem Denken erfordern. Um dieses zu unterstützen, müssen wir die richtigen Umgebungen und Voraussetzungen schaffen. Es geht also weniger darum, Kreativität zu erlernen, vielmehr darum, sie durch die richtigen Rahmenbedingungen freizusetzen.

Danke für das Gespräch!

Die Wahrheit über Kreativität.
Die Wahrheit über Kreativität: Wann Ideen einschlagen. (Grafik: The Bold Italic)

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