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Ratgeber

Warum wir künstliche Intelligenz in die Hände der Gesellschaft geben sollten

(Foto: Shutterstock/romrodphoto)

Künstliche Intelligenz wird in unserem Leben eine immer größere Rolle spielen. Durch unser aller Nutzung werden die Systeme smarter. Wäre es nicht gerecht, wenn KI der Gesellschaft gehören würde statt Privatunternehmen?

„Er ist ein schrecklicher Mieter. Er wäscht nie das Geschirr oder saugt wenigstens mal ein bisschen. Im letzten Monat hat er sogar vergessen, die Miete rechtzeitig zu zahlen.“ Meine Friseurin konnte gar nicht aufhören, über ihren Mitbewohner zu jammern. Ich fühlte mich gleich an meine Studentenzeit erinnert, als wir zu zehnt in einem Haus lebten. „Das ist nichts im Vergleich zu meinen Mitmietern“, erwiderte ich. „Gerade letzte Woche hat einer von ihnen einfach sein Essen auf den Boden geworfen, mich danach angelächelt und dann angefangen zu singen. Kein Versuch, den Dreck zu beseitigen.“ Meine Friseurin hörte auf zu schneiden und sah etwas verwirrt aus. Doch nach einem längeren Moment verstand sie meinen Humor – ich sprach von meinem drei Jahre alten Sohn.

Es ist erstaunlich, wie viel wir unseren Kindern verzeihen. Immer wieder erklären wir ihnen, wie sie angemessen reagieren sollten, wie Dinge funktionieren, wie Wörter ausgesprochen werden und was sie bedeuten. Eltern tun das jahrelang, um ihren Kindern viel beizubringen, und sie auf das wirkliche Leben vorzubereiten. Manchmal frage ich mich, warum wir die ganze Zeit in sie investieren. Ist das einfach genetisch bedingt? Hat es mit der Idee der nächsten Generation zu tun, weil sie von uns abstammt? Oder ist es das Prinzip Hoffnung, später im Leben nicht allein zu sein? Vermutlich fragt ihr euch längst, warum ich so viel über Elternschaft spreche. Und was das mit künstlicher Intelligenz zu tun hat?

KI schlauer zu machen ist wie Kindererziehung

Nun, kürzlich habe ich entdeckt, dass ich mehr als zwei Kinder habe. „Kannst du bitte das Licht ausstellen?“ – „Entschuldige, ich habe dich nicht verstanden.“ – „kann ... du ... bitte ... stell ...“ – „Hallo, wie kann ich dir helfen?“ – Spracherkennungssysteme und künstliche Intelligenz im Hintergrund unseres Lebens haben viel mit Kindern gemeinsam. Eigentlich ist ein Lernsystem in beiden Fällen die Kernidee. Jemand muss sowohl Kinder als auch KI für das wirkliche Leben trainieren. Und das tun wir, mit der gleichen Nachsicht und Beharrlichkeit, die wir unseren Kindern gegenüber zeigen. Und da wir alle die gleichen Kiddos trainieren (zum Beispiel Alexa oder die kleine Siri), werden diese „Kinder“ viel früher erwachsen als mit den üblichen 18 Jahren. Aufgrund unserer aller Bemühungen dürften wir in den nächsten Jahren erwachsene Systeme erwarten, die sich durch unsere Beschäftigung mit ihnen kontinuierlich weiterentwickelt haben.

Und das lässt mich zu einer grundsätzlichen Frage kommen: Warum investieren wir all diese Zeit und Anstrengungen in Systeme, die privaten Großunternehmen wie Apple, Amazon, Google und Co. gehören? Warum sollen wir deren Systeme wie Kuckuckseier adoptieren und sie durch unser Training und Coaching verbessern, sodass sie wissen, wie Wörter ausgesprochen werden, was sie bedeuten und wie Dinge funktionieren? Sollte die resultierende künstliche Intelligenz nicht in unser aller Verantwortung und Besitz sein?

Schließlich geht es nicht nur um die Zeit, die wir damit verbringen, die Systeme zu verbessern, sondern vor allem auch um die Daten und das Wissen, das wir zur Verfügung stellen: also unsere Intelligenz. Unsere Daten sind geschützt, aber unsere Intelligenz gehört Amazon oder IBM? Auf der AsiaCC 18 in Südkorea präsentierte IBM bereits Möglichkeiten, KI-Modelle mit Wasserzeichen zu markieren, um sie schützen zu können.

Die Intelligenz von KI gehört der Gesellschaft

Ich plädiere ganz klar dafür, dass Non-Profit-Organisationen wie etwa die Mozilla Foundation oder die Wikipedia Foundation KI-Plattformen entwerfen, die für all jene zugänglich und nutzbar sind, die tatsächlich ihre Intelligenz zur Verfügung stellen, um diese Systeme „smart“ zu machen. Die Idee dahinter ist, eine Non-Profit-KI-Plattform für uns alle zu schaffen, die ähnlich einem Social Network die persönlich trainierten KI mit anderen KI zu lernenden Systemen vernetzt. Diese Plattform würde es uns erlauben, mitzuentscheiden, wie und mit wem diese persönliche künstliche Intelligenz in („sozialen“) KI-Netzwerken interagiert und lernt. Im Gegensatz zu vereinheitlichenden KI-Systemen, die von Konzernen wie Apple, Amazon und IBM entwickelt werden, könnte dieses Non-Profit-System Vielfalt, Transparenz und Zugang zu KI-Systemen garantieren – Grundlagen für eine sich ständig weiterentwickelnde demokratische Gesellschaft.

Wäre es nicht großartig, wenn wir über eine persönliche künstliche Intelligenz verfügen würden? Die KI hätte zwar eine langsamere Lernkurve, da sie nur uns selbst und ausgewählten KI-Co-Trainern „aufgezogen“ wird, es wäre jedoch eine KI aus unserem persönlichen Kontext, mit unserem persönlichen Glaubenssystem, unseren persönlichen Werten. Eine KI also, die tatsächlich Entscheidungen in unserem Sinne vorbereiten, vorhersehen und treffen könnte, und der man vertrauen kann. Eine Zukunftstechnologie in der Hand der Gesellschaft.

Eine KI auf einer vergesellschafteten Non-Profit-Plattform könnte auch helfen, sich im Alter weniger alleine zu fühlen. Weil ganz andere Themen und Interesse eine Rolle spielen würden als auf KI-Plattformen, die Wirtschaftsunternehmen gehören. Stellt euch eure persönliche künstliche Intelligenz als Kumpel im späteren Leben vor, mit dem wir über die Vergangenheit sprechen könnten, der alte Bilder mit uns teilt, uns an liebgewonnene Freunde und emotionale Ereignisse erinnert und weiß, welche Art von Musik wir geliebt haben.

Vielleicht könnten sogar unsere Kinder mit unserer persönlichen künstlichen Intelligenz sprechen, wenn wir irgendwann nicht mehr da sind („was hätte wohl Papa gemacht?“). Die persönliche künstliche Intelligenz wäre dann ein zusätzliches Kind, das unsere echten Kinder nicht ersetzt, sondern eine wundervolle Erweiterung darstellen würde.

Lasst uns also künstliche Intelligenz in unser aller Hände legen und so als Gesellschaft für Vielfalt, Transparenz und Zugang zu KI-Systemen kämpfen!

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Den Ansatz einer community-owned KI verfolgt das Projekt SingularityNET von Ben Goertzel. Das Konzept beinhaltet eine Marktplatz-Platform, auf der KI-Algorithmen angeboten und nachgefragt werden können. Die Algorithmen sollen dabei auch autonom miteinander interagieren können und sich auch selbständig für erbrachte Leistungen bezahlen können (per Blockchain-Token). Ob das am Ende funktionieren wird steht in den Sternen, das Projekt versteht sich aber als dezentralen Gegenpol zu eben den grossen Techfirmen und setzt eher auf interessante Kooperationen (u.a. Projekt Shivom aus Deutschland, Projekt Mindfire Schweiz), als auf die grosse Datensammelwut.

Hier dazu mehr:
https://singularitynet.io

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