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Im Test: Warum die Linux-Distribution Pop OS das Lob nicht verdient hat

Die Linux-Distribution Pop OS ist in Version 21.04 erschienen. (Bild: Pop OS/Smartmockups/t3n)
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Vor kurzem erschien Pop OS 21.04. Die Linux-Distribution hatte in den letzten Jahren viele freundliche Bewertungen erhalten, allerdings stellt sich die Frage: Warum eigentlich?

Hinter Pop OS steckt der amerikanische Computer-Hersteller System 76, der sich auf Hardware mit vorkonfiguriertem Linux spezialisiert hat. Die hauseigene Distribution mit dem offiziellen Namen „POP!_OS“, der sich einschließlich Ausrufezeichen und Unterstrich schreibt, basiert auf Ubuntu und folgt dessen Release-Zyklus mit gewissem Abstand.

Neu in der aktuellen Version ist eine überarbeite Benutzungsoberfläche, die auf Gnome basiert, aber angeblich so viele Änderungen enthält, dass die Entwickler ihr mit Cosmic einen eigenen Namen gegeben haben. Das wirkt beim konkreten Arbeiten dann doch etwas großspurig, denn am Ende ist es Gnome mit leicht veränderter Benutzerführung und einem Dock am unteren Rand, wie es von macOS bekannt ist. Besonders hervorzuheben sind die Gesten für Trackpad-Nutzer, die für angenehmes Arbeiten auf Laptops sorgen, ähnlich wie man es von Macbooks gewohnt ist.

(Screenshot: Enno Park)

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Fast schon ein Alleinstellungsmerkmal ist das zuschaltbare Auto-Tiling. Ist es eingeschaltet, nehmen Fenster immer den kompletten Bildschirm ein. Werden neue geöffnet, wird dafür automatisch immer ein anderes Fenster halbiert. Auto-Tiling-Fenster-Manager wie i3 und bspwm erfreuen sich unter Puristen und Softwareentwicklern einiger Beliebtheit und erlebten vor ein bis zwei Jahren einen kleinen Hype.

Ein weiterer Unterschied zwischen Pop OS und Ubuntu besteht darin, dass diverse Pakete vorinstalliert sind oder sich aus dem eigenen Software-Repository ohne größeren Konfigurationsaufwand installieren lassen. Wer beispielsweise Windows-Games aus einem Steam-Account mit Wine unter Linux spielen möchte, wird unter Ubuntu mit Fehlermeldungen konfrontiert und muss manuell das eine oder andere Paket nachinstallieren, was unter Pop OS automatisch geschieht. Ähnlich vereinfacht ist die Installation des Machine-Learning-Frameworks Tensor-Flow.

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Allerlei Verschlimmbesserungen im Vergleich zu Ubuntu

Insbesondere Mac- und Windows-Nutzer wollen sich nicht mit der Kommandozeile herumschlagen, sondern erwarten, dass Software nach dem Installieren einfach läuft. Hier hat Linux in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Mehrere Kommentatoren halten Pop OS wegen Features wie der vereinfachten Installation von Wine für eine Linux-Distribution, die sich besonders gut für Einsteiger eignet. Das ist schwer nachzuvollziehen, da trotz der genannten Vereinfachungen in Pop OS ziemlich viel verschlimmbessert wurde.

Das beginnt bei Kleinigkeiten wie den Buttons zum Minimieren, Maximieren und Schließen von Fenstern: Der mittlere Button zum Maximieren fehlt. Immerhin funktioniert stattdessen weiterhin der Doppelklick auf den Fenstertitel. Solche exzentrischen Usability-Entscheidungen schaffen genau die Art von Irritation, die bei Anfängern schnell dazu führt, das gewohnte Windows oder macOS wiederhaben zu wollen. Wer das beheben will, muss sich erst einmal ein Tweak-Tool installieren und dort die jeweilige Einstellung vornehmen.

Gerade für Einsteiger typisch ist der Wunsch, Linux und Windows parallel zu installieren, um nicht sofort gänzlich ins kalte Wasser springen zu müssen. Ubuntu und Abkömmlinge sind hier besonders freundlich, erlauben klaglos eine Installation neben Windows und hinterlassen ungefragt ein Boot-Menü. Nicht so Pop OS. Die erste Hürde, an der Anfänger scheitern dürften, ist eine Fehlermeldung, dass die EFI-Partition zu klein sei. Die Lösung, eine zweite EFI-Partition anzulegen, die aber unbedingt am Ende der Festplatte liegen muss, ist leider genau die Sorte Frickellösung, wie sie Linux einen schlechten Ruf eingebracht hat. Wer die Hürde nimmt, muss feststellen, dass Pop OS so tut, als habe es den Rechner für sich alleine: Wer ein Boot-Menü will, darf rauskriegen, wie das manuell auf der Kommandozeile einzurichten ist.

Einsteigerfreundlich soll auch sein, dass System 76 Installationsmedien in zwei verschiedenen Varianten anbietet: für Leute mit Nvidia-Grafikkarte und alle anderen. Vielleicht war das vor einigen Jahren mal eine gute Idee, als Nvidia-Grafikkarten im Betrieb mit Linux regelmäßig für Ärger sorgten. In der heutigen Zeit, in der sich die nötigen Treiber unter Ubuntu und Ubuntu-Abkömmlingen mit wenigen Mausklicks auswählen und installieren lassen, wirkt die Entscheidung für zwei getrennte Installationsmedien etwas seltsam und antiquiert.

Nicht sehr einsteigerfreundlich und nicht besonders stabil

Pop OS ist also kein einsteigerfreundliches System, sondern eher etwas für Linux-Veteranen, die wissen, was sie tun, und die es gewohnt sind, Dinge nach eigenen Wünschen zu konfigurieren, und dafür gerne mit einer Kommando-Shell arbeiten. Doch für genau diese Leute gibt es kaum einen Grund, Pop OS einzusetzen. Die können sich genauso gut direkt Ubuntu schnappen, wenn sie nicht sowieso zu Debian, Arch-Linux oder ähnlichem greifen.

Bleibt das ebenfalls häufig genannte Argument, Pop OS sei besonders stabil. Aus meiner Erfahrung kann ich das leider nicht bestätigen. So hatte die Version 20.04 auf vielen Rechnern Probleme mit dem Sleep-Mode: War der PC im Ruhezustand, wachte er nicht mehr auf und musste mit einem harten Reset neu gebootet werden. In Version 20.10 war das behoben, dafür liefen alle meine Druckaufträge an den Netzwerkdrucker ohne Fehlermeldung ins Leere. In der aktuellen Version 21.04 funktioniert das wieder, dafür stürzt das Programm Gnome-Aufgaben, eine To-do-Listen-App, die mit einem Google-Kalender verbunden werden kann, nach einigen Klicks sang- und klanglos ab. Stabil geht anders.

Unterm Strich ist Pop OS eine Linux-Distribution mit etwas exzentrischen Design-Entscheidungen und unklarer Daseinsberechtigung, die sich vielleicht am ehesten noch an Gamer wendet. Interessierte Umsteiger und Linux-Neulinge sollten die Finger von Pop OS lassen. Frust ist damit einprogrammiert.

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6 Kommentare
Topse
Topse

Ich habe nicht die Zeit/Lust.
Hier einen 2 seitigen Kommentar abzulassen..
Aber ich bin komplett von dieser distro überzeugt.
Ich muss dazu sagen ich habe die Nvidia Variante nicht installiert habe.
Da ich entgegen der Erfahrung des Autors. Sehr viel schlechte Erfahrung mit Nvidia und Linux gesammelt habe. Für mich ist diese Firma erledigt.
Ansonsten verlief meine Installation Linux/Ubuntu typisch.Da ich leider wieder gezwungen bin zusätzlich Windows einzusetzen. Ich hatte mich diesmal entschieden das ganze relativ hardwaremäßig getrennt zu installieren. Bootpartition verschiedene Festplatten über BIOS geregelt.
Windows hatte mir mit meinen zurückliegenden Ubuntu distros Installationen zuviele Steine im Nachhinein immer wieder zwischen die Beine geworfen……
Lange Rede kurzer Sinn ich bin begeistert von dieser distro.
Die tilling Geschichte ist für mich perfekt.
Ich setzte als Monitor einen relativ hochwertigen 55 Zoll TV ein von LG.
Es macht Spaß mit diesem riesen TV vor der Nase. Fühlt sich an wie mit einer Wand voll 19 Zöller.wenn man produktiv mit mehreren Fenster arbeiten will -top-. Unglaubliche Erleichterung. Mit diversen Tasten Kombination lässt sich das ganze nach kurzer Einarbeitungszeit perfekt jonglieren.
Die gaming Geschichte dieser distro habe ich nicht getestet. Ich nutze Stadia oder meine alte ps4pro..
Mittlerweile habe ich 2 große Upgrades mit meiner popos Installation mitgemacht. Lief immer reibungslos.
Auch mit den regelmäßigen Updates keinerlei Probleme.

Antworten
Leif Niemczik
Leif Niemczik

Dinge wie die Fensterknöpfe sind auch in anderen Distros mit einer 2-Knopf Lösung aufgebaut, aber eben auch konfigurierbar.

Der beschriebene Frust über Einsteigerfreundlichkeit ist allerdings zu verstehen. Ich finde zum Beispiel Pop erleichtert gezielt größeren Gruppen den Einstieg, anstatt mittelmäßige Lösungen für alle zu bieten. Das merkt man ja an gezielten Maßnahmen für Gamer, Entwickler oder eben Leute die eine anpassbarere Oberfläche suchen als MacOS oder Windows.

Kurz gesagt: Es baut eine Brücke zwischen einem Basic Ubuntu, was vielen zu lauwarm ist um den großen OS Konkurrenz zu bieten und dem full fledged Arch Linux, dass man nur noch per VIM-Hotkeys bedienen kann. Quasi einfach ein Ubuntu für Leute die mehr als Office und Browsing betreiben.

Antworten
Christian Becker
Christian Becker

Ohne jetzt Pop!_OS ausprobiert zu haben, kommt mir der Artikel doch etwas gekünstelt negativ vor.
Zum einen wird kritisiert, dass die Entwickler eigentlich nur Gnome etwas verändert haben und das Ganze dann Cosmic Desktop nennen. Dabei werden die entsprechenden Änderungen aber positiv hervorgehoben.
Letztendlich könnte man auch Cinnamon vorwerfen, nur ein abgewandeltes Gnome zu sein.

Zur Einsteigerfreundlichkeit (oder deren Nichtvorhandensein) möchte ich anmerken, das Pop! ja zunächst mal die Distribution von System76 ist, die vorinstalliert auf deren Produkten kommt. Dass da Dual-Boot vielleicht nicht von vornherein vorgesehen ist, kann man, denke ich, verschmerzen. Außerdem wird hier vorausgesetzt, dass Einsteiger das gleiche sei wie Umsteiger – die Leute also von Windows oder MacOS kommen… – das könnte mit Einsteiger gemeint sein, muss aber nicht. Es gibt ja mittlerweile auch genug Leute, die vorher nur ein Tablet oder Smartphone hatten… oder gar keinen Computer.

Die Aufteilung der Installationsmedien in NVidia und nicht-NVidia finde ich eigentlich sinnvoll, denn ich gehe mal davon aus, dass die NVidia-Variante gleich die proprietären Treiber installiert und man das nicht mehr nachträglich machen muss. Bei AMD und Intel gibt es ja hervorragende open source Treiber.

Aussagen zur Stabilität sind bei einer Stichprobengröße von 1 etwas gewagt.

Ich will nicht behaupten, Pop!_OS sei ein besonders einsteigerfreundliches und stabiles Linux – die Art der Berichterstattung hier erscheint mir allerdings etwas gewollt negativ.

Antworten
Kay
Kay

Ein Maximieren Button als exzentrische Maßnahme zu bezeichnen zeigt, hier ist kein Linux erfahrener Autor.
Und „verschlimmbesserungen im Vergleich zu Ubuntu“ ist 100% Geschmackssache.
Man sieht klar, dass der Autor nicht in der Lage ist persönliches von objektiven Kriterien zu trennen. Ubuntu ist förmlich zum Apple der Linux Community geworden, will auf die Entscheidungen von canonical nicht an dieser Stelle eingehen.
Linux User seit 15 Jahren. Und Pop ist die distro die ich jedem Anfänger uneingeschränkt geben würde – und bin damit nicht allein.
Bei allem Respekt, jeder hat seine Meinung und darf diese vertreten – die Art der Formulierung klingt jedoch sehr nach Fanboy-ism.
VG

Antworten
Peter
Peter

Ich schließe mich der Aussage von Christian an, dass der Artikel gekünstelt negativ verfasst ist.

Alles in Allem ist Pop OS eine von vielen Distribution. Jede mit Vor- und Nachteilen in der Bedienbarkeit.
Meiner Erfahrung nach macht Pop OS vieles richtig, vielleicht nicht alles, aber das entschiedet eben wie so oft der Anwendungsfall.

Pop OS besitzt eine Recovery Partition, vereinfacht die Oberfläche von Gnome 3 etwas, setzt auf Shortcuts und die FAQ auf der Seite des Herstellers sind sehr gut .. falls man mal nicht weiterkommt.

Das ist leider nicht überall so.

Antworten
Torsten
Torsten

Naja, mir persönlich sagt mir PopOS gar nicht zu. Aber ich muß zugeben, daß diese Distro schon ihre Daseinsberechtigung hat und auch relativ beliebt ist. Ubuntu war einmal der „Renner“ in Sachen Linux für Ein- und Umsteiger. Aber Canonical (die Firma hinter Ubuntu) hat sich in den letzten 10-12 Jahren zuviele Schnitzer erlaubt und ihre Nutzer mit fragwürdigen Entscheidungen vergrault (auch mich). Da halte ich PopOS schon für die bessere Alternative, so wie zB auch Linux Mint, MX Linux, Debian oder Manjaro. Soll doch jede(r) nutzen, was er/sie mag. Punkt.

Antworten

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