Kommentar

Plädoyer für ein kreatives Chaos: Warum Marie Kondo nicht weiterhilft

Zu viel Besitz kann eine Herausforderung sein. Mit der simplen Entscheidungshilfe von Marie Kondo kommt man allerdings auch nicht zum Ziel. (Bild: DGLimages / Shutterstock).

Die japanische Aufräum-Expertin Marie Kondo bekommt gerade reichlich Publicity. Doch müssen wir uns wirklich von so vielen Dingen trennen, wie die Japanerin nahelegt? Ein Plädoyer fürs kreative Chaos.

Mit ihrer Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ und ihren Büchern ist die japanische Ordnungsberaterin Marie Kondo gerade gut im Gespräch – und irgendwie meinen gerade alle, dass das Ausmisten die neue Selbstoptimierung ist. Ihr Credo: „Wenn es keine Freude bringt, keinen Nutzen oder keinen emotionalen Wert hat, kommt es weg.“ Dann bedankt man sich höflich bei dem Gegenstand (hast du dich schon mal bei einem alten Bügeleisen oder den Badelatschen bedankt, bevor du sie aussortiert hast??) und entsorgt ihn danach.

Die Grundidee dahinter klingt erst einmal schlüssig, denn in der Tat haben und horten wir viel zu viele Sachen – und wer schon länger nicht mehr umgezogen ist, bemerkt das an ganz handfesten Dingen wie einem vollen Keller mit allerlei Kram, den man ja vielleicht nochmal brauchen kann (und letzten Endes in den meisten Fällen nie wieder anrühren wird oder dann aus durchaus nachvollziehbaren Gründen neu kauft, weil veraltet).

Vor dem Besitzen kommt das Kaufen

Doch das Problem ist ein anderes: Es heißt bei vielen Black Friday, Cyber Monday, Sale nach Weihnachten oder so ähnlich – es sind die zahlreichen Angebote, die manch einer online oder offline kauft, weil die Sachen gerade im Angebot sind. Die launigen Kommentare in Schnäppchenportalen wie „brauche ich eigentlich nicht, trotzdem mal bestellt“ sind in den seltensten Fällen ironisch gemeint. Die Frage, was man davon wirklich braucht, kommt später – oder gar nicht.

Noch schlimmer ist die Horterei – obwohl oder vielleicht gerade weil sie nicht ins Gewicht fällt – bei Daten. Wann hast du das letzte Mal deine digitalen Fotos ausgemistet und wie viele der kürzlich heruntergeladenen Filme oder Musikdateien hast du jemals wieder angerührt? Also weniger nutzlose Dinge kaufen und mehr der Shareconomy huldigen und Dinge im Bedarfsfall ausleihen? Es kann eine Lösung sein, sich die Bohrmaschine beim Nachbarn auszuleihen, doch schon beim Rasenmäher, den man regelmäßig benötigt, macht das in den meisten Fällen keinen Sinn – ebenso beim Fahrrad, das man zwar regelmäßig per App an der Straßenecke mieten kann, damit dann aber doch weniger zuverlässig und auf die Dauer nicht günstiger fährt.

Davon abgesehen ist die simple Formel „macht das Spaß oder kann das weg?“, mit der Frau Kondo argumentiert, zu simpel. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Dingen, zu denen man keine emotionale Bindung entwickelt oder die halt einfach da sind – und die man dennoch nicht so einfach wegwirft. Auch die Idee, nicht mehr als 30 Bücher sein eigen zu nennen, mag aus Effizienzsicht vertretbar sein (und angesichts kleiner japanischer Wohnungen auch Sinn machen), wird aber nicht bei jedem ungeteilte Freude finden.

Die Ideen von Marie Kondo sind nicht neu

Ehrlicherweise muss man auch sagen, dass die Regeln der japanischen Aufräum-Trainerin nicht wirklich innovativ sind: Werner „Tiki“ Küstenmacher predigt den „Überdruss am Überfluss“ und den Kampf gegen unnötiges inneres und äußeres Gerümpel unter dem Motto „Simplify your life“ seit den Neunzigerjahren und auch andere Autoren haben ähnliche Ideen schon publiziert. Dennoch zeigt gerade letzterer Umstand, dass das Problem zeitlos ist – und wir darüber nachdenken müssen, wie wir unser Leben einfach und dennoch bequem gestalten, ohne etwas wirklich vermissen zu müssen. Und wahrscheinlich sollte man gerade deshalb ihre Bücher nicht kaufen, sondern bestenfalls in der Stadtbibliothek ausleihen.

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13 Kommentare
Markus
Markus

Es scheint, sie haben den Kern von Kondos Message nicht verstanden. Desweiteren sagen Sie nur, sie sind für kreatives Chaos weil man nicht alles wegwerfen kann – ohne wirklich Argumente zu bringen.
Dadurch dass man gezwungen ist, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen und die Frage ‚macht es mich glücklich?‘ Zu stellen, verändert man automatisch auch sein Kaufverhalten.
Beispielsweise hab ich früher massenweise Kleidung gekauft – mittlerweile überlege ich mir sehr gut, was ich wirklich brauche.
Natürlich gibt es schon immer aufräum-bücher und dies konmari Methode ist nicht die erste…Aber zumindest für mich die einzige, die bei mir funktioniert hat.

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Markus
Markus

Mir ging es jetzt sehr ähnlich .. wo ist das Argument für Chaos versteckt.

Wir haben eine sehr simple Methode von meiner Mutter übernommen. Was man zwei Jahre nicht brauchte .. kommt weg. Und wenn ich nicht mehr weiß was ich habe .. kommt es auch weg, merke ich ja nicht mal :-) bewusst. Die Methoden wende ich digital wir analog an.

Und dennoch gibt es Gründe für ein kreatives Chaos. In meiner Werkstatt gibt es einen Haufen mit Restholz. Wenn ich schnell was bauen oder testen möchte, dann mache ich es damit.

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Werner
Werner

Dem kann ich nur zustimmen. Der Autor benötigt etwas Nachhilfe zu verstehen, worum es wirklich geht.

=> Beispielsweise hab ich früher massenweise Kleidung gekauft..
Ich hoffe du hast dir auch Gedanken gemacht warum..

Alles in allem wird Frau Kondo dem Bruttosozialprodukt keinen ernsthaften Schaden zufügen, aber ein paar Menschen werden zufriedener leben. Und das ist ja schon mal was..

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Markus
Markus

Was die Wirtschaft angeht dürfte eher das Gegenteil der Fall sein, denn wer bewusst kauft, konsumiert nicht zwingend weniger und meist sogar teurer, weil bewusster und ausgewählter.

Ben
Ben

Ich habe schon sehr lange keinen so schwachen Artikel bei der t3n gelesen. Für jeden nicht t3n Leser der ausversehen über den Artikel gestolpert ist: Keine sorge dies ist nicht der Normalfall. Schließe diesen Artikel und ließ etwas anderes auf t3n, dieser Artikel ist furchtbar und spiegelt nicht die normale t3n Qualität wieder.

Zum Artikel: Gefühlt hat der Autor nicht eine ganze Folge der Serie gesehen geschweige denn ein Buch von Frau Kondo gelesen. Die oberflächliche an Bild Zeitung erinnernde Zusammenfassung trifft den Kern des Ansatzes überhaupt nicht. Hier wird weder konstruktiv kritisiert noch in irgendeiner Form dagegen argumentiert. Wie beim clickbaiting üblich wird ein populäres Thema gesucht und mit einer Stammtischschlagzeile versucht den Leser anzulocken. Was dann folgt ist pure Enttäuschung. Hier gibt es kein Plädoyer für kreatives Chaos, alles was der Autor sagen wollte ist. Frau Kondo hat sich das nicht ausgedacht, E-Commerce Veranstaltungen sind die Wurzel allen Übels und Sachen loswerden die man nicht braucht ist doch nicht die Lösung.

Verstehe alles davon nicht.

Frau Kondo propagiert das was alle wissen nur viele in ihrem Alltag verdrängt haben. Schon die alten Ägypter haben vermutlich nach solchen Prinzipien ausgemistet. Ich finde die Frau kann das unterhaltsam aufzeigen und ist somit zu Recht gerade populäre. Sie geht ein Problem dieser Wohlstandsgesellschaft an.

Den E-Commerce als Wurzel allen Übels darzustellen befinde ich zu primitiv gedacht. Der Mensch kann dem ganz gut entgegentreten wenn man seine grundlegende Beziehung zu Dingen überdenkt (kann man übrigens durch Frau Kondo lernen egal wer es erfunden hat, die Motivation hinter allem ist sich mit seinem Besitz anders auseinander zu setzen und diesen schätzen zu lernen).

Dinge loswerden die man weder braucht noch schätzt ist ein wichtiger Schritt zur Selbstoptimierung. Natürlich nicht der einzige aber aus meiner Sicht ein elementarer.

Hier wurde viel gemeckert ohne gute Gründe und wenig gesagt warum kreatives Chaos sich seine Vorzüge haben sollte. Der Titel und Artikel ist damit irreführend und passt für mich unter clickbaiting.
Ich hoffe das bleibt ein Einzelfall und geht nicht alles in diese Richtung (aktuell nicht das Gefühl, aber Angst davor :D ).

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Philipp
Philipp

Leider ein sehr schwacher Artikel. Die grundlegende Botschaft hinter Kondos Aufräum-Methoden liegt darin Gegenstände mit Respekt zu behandeln (Deshalb auch das bedanken „Danke Pullover das du mich 3 Jahre warm gehalten hast, aber nun brauche ich dich nicht mehr.“). Außerdem sieht die Frau Kondo das aufräumen als Philososie und nicht als Mittel zum zweck und genau deshalb sehe ich diesen Artikel als eine Beleidigung der Frau Kondo gegenüber.
Der Artikel wirkt sehr undifferenziert alla „ihre Methoden wirken befremdlich, also ist es schlecht“.
Es geht nicht darum möglichst nur das zu besetzen was man braucht, es geht darum Gegenstände zu besitzen die einem Freude machen und die „Seele“ der Gegenstände zu respektieren. „Es ist unfair der Mini-Drone gegenüber, wenn sie bei dir im Schrank vergammelt.“

Im großen und ganzen wirkt es sehr für mich, als ob dieser Artikel nur existiert, damit man „Konmarie“ Tags auf die Website packen kann und somit etwas vom Fame abgreifen kann.
Sorry, aber dieser Artikel zieht das Niveau eurer anderen Artikel runter.

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LK
LK

Wo ist denn in diesem Artikel das Plädoyer für kreatives Chaos? Oder ein Plädoyer für sonst irgendetwas? Die Überschrift hält sicher nicht, was sie verpsricht. Schade, jetzt muss ich wohl doch meinen Schreibtisch aufräumen.

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m a r i a
m a r i a

Für mich ist kreatives Chaos, wie eine bunte wilde Blumenwiese.
Es gibt eine riesige Hülle und Fülle an Pflanzen und Tieren in allen Variationen auf kleinstem Raum,
krabbelnd oder festsitzend auf der Erde, über der Erde fliegende Samen oder Insekten und unter der Erde die Vielfalt des Edaphon im lebendigen Humus. Buchtipp http://www.ddbpage.net/btq/
Dazu finden sich alle Lebensstadien -lebendige und tote Wesenheiten – Werden und Vergehen im Einklang miteinander und nebeneinander.
Eine Farbenvielfalt die Schmetterlinge anlockt, …, zarte Düfte für Wildbienen, Insekten aller Art und Käfer die durch all diese Schönheit und Fülle krabbeln, …
ach ja und Kinder die bunte Blumenkränze binden und einfach auf der Wiese liegen und in den Himmel schauen, …

Ich kenne das Buch von Frau Kondo nicht, verstehe jedoch aus den gelesenen Kommentaren worum es ihr geht. ich persönlich bedauere die Minimalisierung und Gleich-Machung dieser Gesellschaft (Monokulturen, Leben auf 6,4 m², …) und sehe sie als „politisch gewollt“ an, doch das ist ein anderes Thema. Sind wir Pokemon-Menschen, die sich einfah hin- und herlenken lassen oder sind wir bewusste MENSchen, die selbst denken und wahr-nehmen können?!

Wichtig ist doch zu erkennen, dass jeder MENSch die Möglichkeit hat für sich SELBST herauszufinden, was gut für ihn ist, was ihn erfüllt und nährt und in Liebe und Achtung mit seinen Dingen und seinem Umfeld im Einklang SEIN lässt.
Dazu braucht keine Bücher, keine Medien, keine Politik, keine Religion, … sondern „einfach“ ;) nur
SELBST-LIEBE.

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x
x

Vielen Dank für diesen Kommentar auf den obigen Artikel. Besonders gefallen hat mir der nicht ganz unterschwellige Rassismus und die vollkommene Ignoranz gegenüber einer Kultur mit der Sie sich offensichtlich noch nie befasst haben. Ihnen und den anderen MENSchen die gerne in ihrer Blumenwiese versinken wünsche ich noch viel Spaß.

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m a r i a
m a r i a

Domo arigato
besonders für IHRE Interpretationen X.

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Also wenn sie mich mit schlechtem „Urban Dictionary-Japanisch“ davon überzeugen wollen dass dies nicht so ist, hätten sie die MENSchen wie sie so gerne schreiben nicht als Pokemon-Menschen bezeichnen sollen.

ばか… (viel Spaß beim googeln was das heißt, das sollten sogar SIE hinbekommen.

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Alena
Alena

Sehr oberflächlich. Ich bin mir nicht sicher, ob der Autor von diesem Artikel das Buch von Marie Kondo selbst komplett gelesen, geschweige denn angewendet hat oder nur die Serie gesehen und entschieden, dass es alles Schwachsinn ist und er fühlt sich in seinem Saustall auch so wohl… FYI: Marie Kondo hat ein zweites Buch veröffentlicht, in dem sie einige ihrer Ideen wieder relatviert. Trotzdem bleibt sie ihren Prinzipien treu. Ich wende diese auch so weit ich kann an und habe seitdem viel mehr Ordnung Zuhause.

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hans
hans

stimme dir zu vorallem scheint er nicht mal die schlagworte wirklich verstanden zu haben…..

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