Kolumne

Portfolio auf- und ausbauen: Macht es einfach, aber nicht für umsonst

(Grafik: t3n)

Keine Frage, gute Referenzen und ein überzeugendes Portfolio sind das A und O bei der Akquise, Kontakte und Netzwerke sind das i-Tüpfelchen – das gilt natürlich auch für digitale Nomaden. Für die von euch, die schon einige Berufserfahrungen haben sammeln können, sollte das kein Problem sein. Was aber, wenn ihr noch ziemlich am Anfang steht?


Auch ein Dauerbrenner in vielen Foren und Coworking-Places sind solche Angebote „Ich arbeite kostenlos für euch, ich brauch was für mein Portfolio!“. Zumeist bieten das eher Berufseinsteiger oder Umsteiger an. Die gestalten Websites, setzen Shopsysteme auf, texten, übersetzen, führen Shootings durch oder arbeiten irgendwelche Jobs ab – ohne Bezahlung. Und solche Angebote nehmen gerne Leute in Anspruch. Was auf den ersten Blick wie eine Win-win-Situation aussieht, ist meiner Meinung nach völlig falsch und daneben. Jemand braucht eine Website, fein, State-of-the-Art, sleek, top programmiert. Und jemand braucht was für seine Mappe, um damit dann vielleicht bei Upwork oder Fiverr einen Job für fünf Euro die Stunde zu pitchen. Nee, nee, nee…

Win-lose-Situation

Der Einzige, der bei solchen Deals profitiert, ist der, der für lau teils große und komplexe Projekte umgesetzt kriegt, die er dann teuer an Kunden weiterberechnen kann. Da gibt es eine ganze Menge von. Sie verkaufen Webprojekte, App-Entwicklungen und so weiter für teuer Geld, lassen das aber von denen machen, die was für die Mappe brauchen. Da geht es um viel Geld. Oftmals gehen solche Deals einher mit dem Versprechen, dass es viele weitere und gut bezahlte Jobs geben wird, wenn das Projekt gut läuft. Was nie der Fall ist. Statt jemandem dann wirklich die versprochenen bezahlten Jobs zu geben, wird der nächste Freiwillige rausgepickt. Es gibt täglich viele, viele neue solcher Work-for-free-Angebote.

Und macht euch nichts vor: Solche Jobs sind kein Kindergeburtstag. Am Anfang ist alles noch total super, dufte, geile Chemie und so. Im Laufe solcher Projekte entpuppen sich die „Auftraggeber“ oftmals als Kunden aus der Hölle. Unzählige Schleifen, Änderungswünsche, neue Features und der Ton wird rauher. Nicht selten kommt es auch vor, dass ein Projekt bei 95 Prozent gestoppt wird. Den Rest macht der Auftraggeber dann selber, sodass der „Auftragnehmer“ letztlich mit gar nichts in der Hand dasteht. Kein Geld, okay, war so abgemacht, aber auch nichts für das Portfolio. Plötzlich flattert nämlich zusammen mit der Aufkündigung der Zusammenarbeit noch eine Unterlassungserklärung ins Postfach, damit nicht werben zu dürfen, schließlich hat jemand anderes das Projekt beendet. Vier Wochen Arbeit für die Katz und Kohle für das A********.

Erst das Fressen, dann die Moral?

Ganz abgesehen davon, dass ich so etwas seitens der „Auftraggeber“ für widerlich und sittenwidrig halte, schadet es allen (bis auf denen natürlich, die damit Kohle scheffeln). Gestandene Designer, Programmierer, Texter, Social-Media-Manager, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, haben das Nachsehen. Denn ihnen wird so die Existenzgrundlage entzogen und der Markt wird ruiniert. Gäbe es nicht unzählige solcher For-free-Angebote, müssten Leute ganz normal Freelancer buchen und bezahlen. Fertig. Selbst wenn jemand mit hehren Absichten auf so ein Work-for-free-Angebot eingeht, schadet das letztlich all denen, die hart arbeiten. Und die Preisspirale dreht sich weiter nach unten. Was dazu führt, dass Leute mit 15 Jahren Erfahrung zwangsweise unterirdische Preise aufrufen müssen, um mit Berufseinsteigern konkurrieren zu können. Das Thema Qualität spielt dabei so gut wie keine Rolle. Letztlich wollen Kunden ein fertiges Projekt. Ende. Was dahintersteckt, wissen sie in seltenen Fällen und können das schwer beurteilen – dafür engagieren sie ja schließlich Profis, die sich damit auskennen. Spät, meist zu spät erkennen sie dann, dass das Billige später doch das Teure ist. Aber na ja, so war das schon immer und so ist es, werden manche sagen. Aber ihr müsst da ja nicht mitspielen und noch mehr Karten auf den Tisch werfen.

Perspektivwechsel

Ganz gleich, ob ihr euch noch in der Vorbereitung auf das digitale Nomadentum befindet oder schon unterwegs seid: Wenn ihr euer Portfolio aufbauen, aufhübschen oder ausweiten wollt, könnt ihr andere Wege gehen. Bessere, bei denen ihr euren Kollegen, denn das sind sie letztlich, nicht Konkurrenten, nicht das Wasser abgrabt. Ja, es sind Kollegen. Wenn ihr die Konkurrenzdenke abschaltet, kommt ihr wesentlich weiter. Ich arbeite mit einigen Textern zusammen und wir versorgen uns immer wieder mal gegenseitig mit Jobs. Entweder, weil der Workload zu viel ist, einem das Thema partout nicht passt oder man schlichtweg keine entsprechende Expertise hat. Das Prinzip dahinter kennt jeder: netzwerken. Allerdings würde ich aus meinen Netzwerken sofort rausfliegen, wenn rauskommt, dass ich statt mit Tages- oder Projekthonorar plötzlich mit 0,01 Cent pro Wort abrechnen würde (was ich nicht mache und aufs Schärfste verurteile und ablehne!).

Worum geht’s jetzt?

Als Creative Director habe ich im Laufe der Jahre viele, viele Mappen gesehen. Und welche haben mich am meisten angesprochen? Oder was darin? Nicht das, was 99 Prozent der Bewerber glaubten. Blue Chips wie Adidas, BMW, Deutsche Bank und so: Darin sah ich nur, dass die Leute wohl Nerven wie Stahlseile haben mussten. Die großen Namen sagten aber absolut nichts über die persönlichen Fähigkeiten aus. Jeder von euch, der mal für solche Kunden gearbeitet hat, weiß, wovon ich spreche… Die interessantesten und aufschlussreichsten Arbeiten waren meist auf den letzten Seiten unter „ferner liefen“ und es war den Leuten schon fast peinlich, dass sie das noch in ihrer Mappe hatten.

Es geht anders. Und besser

Die Website des Kegelvereins des Vaters, die Website mit Onlineshop-Anbindung des örtlichen Getränkemarktes, das Corporate Design des Tierarztes, also Sachen, die man meist zu Beginn seiner Karriere mal gemacht hat – hey, das waren die Knaller. Da haben Leute gezeigt, was sie konnten. Das hat überzeugt. Lufthansa, Telekom und Co., das zeigte nur, dass sie stumpf und ohne zu fragen abarbeiten konnten. Was für mich in Agenturen galt, gilt eigentlich auch für euch. Zeigt, was ihr könnt, lasst das mit Namedropping sein. Noch in Deutschland? Fragt herum im Bekanntenkreis. Fragt kleine Einzelhändler um die Ecke, ob ihr für die was auf die Beine stellen könnt. Sie werden euch sehr dankbar dafür sein, denn eine teure Agentur können sie sich meist nicht leisten. Wenn sie online sind, dann hat das meist irgendein Sohn oder eine Tochter eines Freundes hingeschustert. So sieht es dann meistens auch aus… Da habt ihr viel zu tun – und viel im Portfolio. Wirklich, ein echt geiles Logo-Design für eine kleine Buchhandlung haut eher aus den Socken, als die Ein-Prozent-Farbanpassung des Lufthansa-Logos. Das überzeugt. Und ihr entzieht euch dem Preiskampf, der online tobt. Damit nehmt ihr echt niemanden Jobs weg und ihr ruiniert nicht den Markt. Ihr seid aber schon im Ausland unterwegs?

Noch besser: Bartering

Was für Deutschland gilt, gilt für das Ausland umso mehr. Kleinstbetriebe und kleine bis mittelgroße Unternehmen hängen digital weit hinterher. Nur als Beispiel: Die letzten drei Unterkünfte, in denen ich war – privat, klein und mittelgroß -, hatten alle keine eigene Website. Keine Ahnung davon, zu kompliziert, zu teuer. Im Web sind sie nur bei Airbnb gelistet, mit Briefmarkenbildchen und schlechten Texten. Ebenso Restaurants, Touranbieter, Tauchschulen. Wenn sie was haben, dann erinnert das stark an Microsoft Frontpage. Dabei kann es doch so einfach sein – für euch. Ihr setzt denen was auf, was sie sich sonst nie leisten oder zutrauen würden, dafür könnt ihr zwei, drei oder vier Wochen in deren Ressort bleiben. Oder ihr kriegt einen Monat lang jeden Tag ein opulentes Mahl, oder ihr kriegt einen Tauchkurs umsonst, oder… Das ist Bartering. Simples Tauschgeschäft – Dienstleistung gegen Dienstleistung. Und ihr pimpt damit euer Portfolio auf.

Nicht nur was für Webdesigner

Ihr seid Texter, Programmierer, Illustrator, Fotograf oder Social-Media-Crack? Fein! Websites und Design sowie Werbung, da gibt es sicherlich den größten Bedarf. Doch ihr müsst ja nicht alles alleine auf einmal machen – netzwerken… Ein Beispiel: ein mittelgroßes Ressort mit angeschlossener Tauchschule auf einer belebten Insel. Dort wollt ihr, Texterin und Social-Media-Consultant, mal ein paar Tage entspannen und ausruhen. Bei der Suche danach im Netz habt ihr schon gesehen, dass die Website, na ja, grottig ist. URL ist ellenlang und konfus, nur ein paar grobpixelige Bilder, kaum Infos, noch nicht mal gescheite Kontaktdaten, keine Telefonnummer, nur eine Gmail-Adresse. Ihr sprecht mit dem Betreiber und macht einen Deal – drei Wochen Aufenthalt und einen Tauchschein gegen Website und Copy-Strategie bezüglich offline und Social Media.

Auf eurem Rechner habt ihr etwa zehn Templates als Basis – der Betreiber sucht sich das aus, das ihm gefällt, ihr macht Anpassungen hinsichtlich Farbgestaltung und Seitenaufbau. Die Texterin textet, der Social-Media-Crack entwickelt eine Strategie. Aus dem Netzwerk wird eine Webdesignerin hinzugezogen, um das geänderte Template glattzuziehen. Da der Betreiber überglücklich wäre, wenn es irgendeine Art von individueller Buchungsfunktion auf der Seite gäbe, die nicht mit Airbnb kollidiert, und er zudem einen kleinen Onlineshop haben könnte, in dem er handgefertigte Souvenirs seines Bruders verkaufen kann, sprecht ihr mit einem Profi und implementiert das. Dazu ein paar professionelle Bilder, die von einem befreundeten Art-Director überarbeitet werden. Letztlich wird das Ding dann bei Strato oder wem auch immer (deutscher Server und Anbieter ist ein absolutes Verkaufsargument, steht das doch für Sicherheit und Qualität, glaubt mir) gehostet. Dank Templates und Baukastensystem ist das alles kein großer Aufwand. Vielleicht ein paar Tage. Den Rest der Zeit habt ihr dann für euch – und könnt eventuell anderen aus eurem Netzwerk einen kleinen Dienst erweisen. Das Endergebnis:

Ein paar schöne Wochen für umme oder wenig Geld, ein lächelnder Betreiber, der euch jeden Wunsch von den Augen abliest, weil er de facto kaum was bezahlt, sondern nur Zimmer und Essen zur Verfügung gestellt hat – und ihr habt ein weiteres feines Projekt im Portfolio. Alles ohne euch unter Wert zu verkaufen oder in einen ruinösen Preiskampf zu gehen. Drei Wochen Urlaub auf einer Trauminsel für etwas Arbeit – rechnet das mal gegen „Ich arbeite für umsonst!“ auf.

Cheers, Rob

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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Ein Kommentar
Rob
Rob

Tauschgeschäfte sind m. E. steuerpflichtig. Und auch wenn sich unterm Strich ein Nullsummenspiel ergibt, sollte alles dokumentiert werden. Gerade für Einsteiger fehlt mir hier der Hinweis. Ansonsten super Beitrag der es auf den Punkt bringt.

Antworten

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