Kommentar

Sexismus am Arbeitsplatz ist keine Umgangsform, sondern eine Bedrohung!

(Foto: Shutterstock)

Sexismus in Unternehmen bedeutet nicht nur, dass Mitarbeiterinnen weniger verdienen und seltener Chefinnen sind. Er ist eine reale Bedrohung für Frauen. Deshalb muss alles dafür getan werden, Frauenfeindlichkeit in allen Ausprägungen zu unterbinden. Und zwar sofort.

Seit den beiden Hashtags #Aufschrei (2013) und #Metoo (2017) und den sich anschließenden Debatten ist deutlich geworden, wie tief der Sexismus in der Gesellschaft verankert ist und wie viele Frauen darunter leiden. Seitdem haben Frauen mehrfach öffentlich ihre Erfahrungen geteilt. Eigentlich müsste jeder und jede heute Bescheid wissen, über Sexismus, wie er funktioniert und was man gegen ihn tun kann. Schön wär’s.

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Frauen sind immer noch benachteiligt, das belegen etliche Studien regelmäßig. Frauen sind ärmer, müssen länger nach Jobs suchen, bekleiden weniger Chefposten, leisten mehr Care-Arbeit, erhalten schlechtere ärztliche Versorgung, sie sind vor dem Gesetz nicht gleich. Neun von zehn Personen hegen Frauen gegenüber Vorurteile, mehr als ein Viertel findet Gewalt an Frauen okay.

Frauen leben viel unsicherer als Männer. Sie können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass sie in der U-Bahn, im Club, auf der Straße, in der Familie, im Bekanntenkreis oder an der Arbeitsstelle keine körperlichen und psychischen Schäden erleiden. Sie müssen immer und überall damit rechnen, angegriffen zu werden – mit Händen, mit Worten oder mit beidem.

Viel zu oft ist Sexismus Teil der Unternehmenskultur

Viele erzählen, dass sie diese sexistischen Strukturen, die zugegeben abstrakt scheinen, zum ersten Mal ganz praktisch erfahren, wenn sie in den Arbeitsmarkt einsteigen. Zumindest ging es mir selbst so und etlichen meiner Freundinnen auch. Ich war schockiert. Geldverdienen bedeutet eigentlich Unabhängigkeit – von den Eltern, von Hartz IV, von Bafög. Und es bedeutet Ermächtigung. Doch besonders ermächtigend ist die Realität nicht.

Ziemlich schnell wird deutlich, dass Frauen zwar viel sagen dürfen, aber eigentlich nichts zu sagen haben. Sie müssen sich viel mehr anstrengen, viel mehr einstecken und sich sehr gut anpassen. Da ist der 65-jährige Redakteur in Festanstellung, der dir als unbezahlte Praktikantin deine Ideen klaut und sie als die eigenen ausgibt. Da ist der Kollege, der dir auf dem Gang „hm, lecker“ zuraunt, wenn du an ihm in hohen Schuhen vorbeiläufst. Du bekommst mit, dass Frauen im Büro offen als „Schlampen“ und „Bitches“ bezeichnet werden oder hinter ihrem Rücken als „Stuten“. Freundinnen bekommen die leitende Stelle nicht, weil der männliche Mitbewerber ja viel besser geeignet sei. Sie werden von Kollegen gestalkt. Wenn du liebe Kolleginnen hast, warnen sie dich vor bestimmten Mitarbeitern, denen du auf der Weihnachtsfeier besser nicht zu nahekommen solltest. Und du nimmst diese Tipps dankend an. Denn sie ersparen dir unangenehme bis gefährliche Situationen.

Geben sich Männer diese Tipps eigentlich auch? Zum Beispiel: „Hör mal, XY äußert sich ständig frauenfeindlich. Er findet das vielleicht witzig. Aber wir müssen dem echt zu verstehen geben, dass solche Beleidigungen gar nicht gehen.“ Oder: „XY belästigt jüngere Frauen. Wenn du das mal mitbekommst, musst du ihnen sofort deine Hilfe anbieten!“

Schweigen begünstigt Sexismus

Sexismus in Unternehmen ist deshalb so fies, weil er als Hintergrundrauschen oft überhört wird. Und nur denen zu Ohren kommt, die wirklich zuhören möchten. Und es ist auch verständlich. Wer will denn so genau wissen, welche ekligen Vorurteile der Kollege hat, mit dem man eng zusammenarbeitet und abends auch mal gerne ein Bier trinkt? Traut sich die Auszubildende, ihrem Vorgesetzten zu sagen, dass es unmöglich ist, wie er mit Frauen umgeht? Wird sie dann übernommen? Wenn sie mit anderen darüber spricht, ist das nicht illoyal? Vermiest das nicht die Stimmung? Mag sein. Nur: Die Stimmung war auch schon vorher mies. Zumindest unter denen, die von Sexismus betroffen sind.

So sicher wie das sogenannte Amen in der Kirche kann man davon ausgehen, dass das oben beschriebene zu zwei reflexhaften „Aber“ führt.  Von denen, die sich – warum auch immer – angegriffen fühlen. Erstens: „Aber dann sag halt was!“ Zweitens: „Aber vielleicht bist du einfach zu empfindlich.“ Zum ersten: Ja! Sich direkt an die wenden, die Frauen offen diskriminieren, ist eine tolle Idee. Und erfordert einen klaren Blick und viel Courage. Denn: Sexismus ist nicht immer sofort zu erkennen. Er geschieht, ohne dass man ihn erwartet. („Hat er das wirklich gesagt?“, „war seine Hand gerade wirklich da?“). Und vor allem: Er ist peinlich. Eine Bekannte, die potenziell von Rassismus betroffen ist, sagte einmal zu mir, sie schäme sich, wenn sie Rassismus erfahre. Nicht für die andere Person, sondern für sich selbst. Auch wenn Rassismus noch mal eine andere Dimension von Diskriminierung ist, hier wirken Rassismus und Sexismus gleich. Es ist sehr sehr unangenehm für die Betroffenen und viel zu oft bleiben sie deshalb stumm.

Frauenfeindliche Beleidigungen sind kein Umgangston

Zu dem zweiten Aber: Nein. Ich bin nicht zu empfindlich. Sexistisches Verhalten und sexistische Bemerkungen sind kein Umgangston, mit dem Frauen sich abfinden müssen. Sie sollten sich nicht dagegen abhärten müssen. Es darf nicht normal sein, Frauen aufgrund ihres Frauseins herabzuwürdigen. Und es ist übrigens auch gesetzlich verboten.

Und noch viel wichtiger: Es gibt viel zu viele Beispiele, in denen dieser Umgangston, diese Art der Kultur, die sich zunächst darauf beschränkt, wie über Frauen gesprochen wird, umschlägt in eine Art und Weise, wie mit Frauen umgegangen wird. Ich spare mir an dieser Stelle die entsprechenden Verweise.

Was können Unternehmen also tun? Was müssen sie tun? Alles, damit sich die Mitarbeiterinnen im Unternehmen sicher fühlen. Das heißt, genauer hinhören. Mit den Betroffenen sprechen, sie ernst nehmen, sie in Schutz nehmen. Strukturen schaffen, die Sexismus verhindern. Nicht darauf warten, bis jemand verletzt wird, sondern präventive Maßnahmen ergreifen. Sie kosten nichts. Und: Mitarbeiter, die durch Frauenhass auffallen, mindestens ermahnen. Ihnen zu verstehen geben: Wir tolerieren dieses Verhalten nicht.

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