Kolumne

Die drängendste Tech-Frage, die wir uns 2019 stellen müssen

Vernetzung ist ein Treiber der menschlichen Zivilisation. (Foto: Nasa)

Seit die Erfindung des World Wide Web dem Internet zum Durchbruch verholfen hat, hat sich der globale Mega-Trend Vernetzung noch beschleunigt. Technisch sind der Vernetzung kaum mehr Grenzen gesetzt – doch gibt es ein Zuviel davon? Die Neuland-Kolumne.

Die zunehmende Vernetzung der Welt ist kein Phänomen, das mit dem Internet in die Welt gekommen ist – im Grunde treibt es den menschlichen Fortschritt seit der Sesshaftwerdung der Menschen, der sogenannten neolithischen Revolution, an. Der Austausch von Technik und Kultur bedeutete Fortschritt, es wurde kulturell kopiert, verschmolzen, verbessert.

Globaler Handel, globales Reisen, globaler Kapitalmarkt – das Internet ist nur die jüngste, umfassendste und schnellste Form dieser Vernetzung. Und die jüngst zu Ende gegangene Consumer Electronic Show (CES) zeigt, dass aufgrund von immer günstigeren Sensoren und Chips heute so gut jeder Gegenstand des Alltags an das große Netz angeschlossen werden kann und zunehmend auch wird.

Wie viel Vernetzung ist sinnvoll und gewünscht?

Dabei werden wir uns zunehmend die Frage stellen müssen, wie viel Vernetzung sinnvoll und gewünscht ist. Diese Frage hat zwei Ebenen – eine technische und eine gesellschaftliche. Auf der technischen Ebene müssen wir den Nutzen und das Risiko gegeneinander abwägen, wie sinnvoll es ist, jedes Gerät, jede Lampe, jede Heizung, jedes Auto und jedes Türschloss mit dem Internet zu verbinden. In jedem dieser Fälle gibt es Vorteile und mögliche Risiken der Vernetzung. Die Frage wird immer weniger sein, was technisch möglich ist, und immer mehr, welchen Nutzen die Vernetzung für uns tatsächlich bringt und welches Risiko dem gegenübersteht.

Das größte Risiko der Vernetzung auf technischer Ebene sind mangelnde Datensicherheit, Cyberkriminalität – zum Beispiel durch Erpressungen – und die Abhängigkeit vom Internet als Infrastruktur, das bei einem Ausfall eine Art technisches Klumpenrisiko bildet. Wir sind den Stromausfall als Zivilisationsrisiko mit weitgehenden Folgen gewohnt – doch schleichend haben wir uns auch vom Internet als deutlich komplexeres und fehleranfälligeres System fast ebenso abhängig gemacht.

Schmerzlich mussten das zuletzt die Bewohner der südkoreanischen Hauptstadt Seoul erleben: Dort hatte im November ein Feuer in einem Kabeltunnel Hunderttausende Anschlüsse vom Internet getrennt. Die Folge war neben naheliegenden Auswirkungen wie dem Ausfall von Kreditkarten-Systemen unter anderem auch eine Störung des Polizei-Notrufs, wie Heise Online berichtet. Vor den wenigen öffentlichen Telefonen, die noch Bargeld nahmen, bildeten sich lange Schlangen. „Es war wie eine moderne Dystopie“, zitiert die Korea Times einen Bewohner. Eine Frage, die wir uns auf technischer Ebene bei der Vernetzung also stellen sollten, lautet: Funktioniert das Objekt auch noch ohne Internet? Und wie schlimm ist es, falls nicht?

Echokammern statt Schweigespirale durch die Vernetzung

Auf der gesellschaftlichen Ebene sehen wir seit einigen Jahren ebenfalls, dass die Vernetzung neben vielen deutlichen Vorteilen auch einiges aufwühlt, das in früheren Jahrzehnten im öffentlichen Diskurs nur stark gefiltert durch wenige große Medien diskutiert wurde. In den vergangenen Jahren war viel von Filterblasen auf Social-Media-Kanälen die Rede. Gemeint ist damit, dass Nutzer von sozialen Medien vor allem mit anderen Nutzern in Kontakt kommen, die ihre politische Meinung teilen – und so auch mit entsprechenden Informationen oder auch Desinformationen.

Tatsächlich spielen „Echokammern“ beim von vielen in den USA wie Europa beobachteten Auseinanderdriften der Gesellschaft sicher eine Rolle. So werden auch in der Gesellschaft früher eher randständige Meinungen bestärkt, weil sie von anderen geteilt werden und gehen nicht über die Zeit im gesellschaftlichen Konsens unter. Dieses Phänomen aus der von klassischen Medien dominierten Welt wurde einst von der Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann als Schweigespirale bezeichnet.

Doch erst die Vernetzung der verschiedenen Echokammern macht die gesellschaftliche Sprengkraft aus. Wer wissen will, was damit gemeint ist, sollte einfach einen Tag auf Twitter verbringen und beispielsweise beobachten, wie die rechtsgerichtete Twitter-Blase linke Hashtags kapert oder ganze Armeen von Accounts andere Nutzer mit gegensätzlicher politischer Meinung verbal angreifen. Blieben die verschiedenen Blasen einfach unter sich, wäre die Spaltung der Gesellschaft niemals so sichtbar – und der Ton nicht so rau.

Und auch auf globaler Ebene macht das Internet die Unterschiede in Kultur und Werten sichtbar wie nie zuvor. Menschenrechte, Demokratie, Sexualmoral, Gleichberechtigung, Religions- und Meinungsfreiheit – bei vielen Themen, in denen sich in den westlichen Gesellschaften ein breit getragener Minimalkonsens herausgebildet hat, haben andere Teile der Welt ganz andere Auffassungen.

Die Antwort darauf kann aber nicht weniger Vernetzung und weniger freie Kommunikation lauten. Denn damit würden wir genau jene Werte verraten, die derzeit in Gefahr sind und die – hoffentlich – eine Mehrheit im Westen verteidigen will.

Wir brauchen den globalen gesellschaftlichen Minimalkonsens

Was also tun? Wir werden die globale Vernetzung nicht zurückdrehen können. In der Geschichte der Menschheit es gab viele, auch mal gegenläufige, Trends – aber langfristig hat die globale Vernetzung bisher immer zugenommen. Die Herausforderung, die sich daraus ergibt, ist gigantisch – und sie scheint angesichts derzeitiger weltweiter Spannungen weit weg: Wir müssen den globalen Minimalkonsens anstreben.

Das bedeutet keine globale Einheitskultur. Aber es gilt, gemeinsame, globale Minimalkonsens-Werte zu finden und zu vereinbaren. Und wenn diese nur darin bestehen, dass wir alle unterschiedlicher Meinung sein können, diese anderen aber niemals mit Gewalt aufzwingen dürfen. Dieser einfache Gedanke hat sich irgendwann in westlichen Gesellschaften durchgesetzt – trotz über Jahrtausende gelebter Kultur von Gewalt. Es muss möglich sein, diesen Minimalkonsens auch global zu finden – die Vernetzung des Internets macht das gleichzeitig notwendig, aber auch möglich.

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