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Digitale Gesellschaft

Memes und Urheberrecht: Kunsthistoriker erklärt warum „Technoviking“ Kunst ist [Interview]

(Screenshot: YouTube)

Internet-Meme wie den „Technoviking“ betrachtet Wolfgang Ullrich als „Pathosformeln“ der Gegenwart, die im Zeitalter von Social Media als Medium des Gefühlsausdrucks dienen – und je nach Kontext auch zur Kunst werden können. Die Rechtsprechung hänge diesen Entwicklungen um Jahrzehnte hinterher, so Ullrich im iRight.info-Interview, das wir auf t3n.de zweitverwerten durften.

Hintergrund: Wie ein Mem entsteht und welche kulturellen, rechtlichen und politischen Dimensionen sich darin verbergen, schildert der Künstler Matthias Fritsch in der kürzlich fertiggestellten Dokumentation „The Story of Technoviking“. Sie wird vereinzelt in deutschen Kinos gezeigt und soll demnächst online verfügbar sein. Fritsch veröffentlichte die ursprüngliche Aufnahme eines Tänzers auf der Berliner Fuckparade, die später als „Technoviking“ bekannt wurde. Er zeigt sein „Technoviking-Archiv“ derzeit auch im Rahmen der Ausstellung „Digital // Analog: Indifferenz“ in Dresden.

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich war als Gutachter im Rechtsstreit um die Verbreitung von Aufnahmen und Motiven des „Technoviking“ beteiligt. Das Landgericht Berlin entschied im Mai 2013 (PDF), dass der Abgebildete einen Anspruch auf Unterlassung und Schadensersatz hat. Vor kurzem wurde das Urteil rechtskräftig, weil sowohl der klagende Tänzer als auch Fritsch auf eine Berufung verzichteten. Offenlegung: Die Kanzlei iRights.Law hat Fritsch nach dem Urteil des Landgerichts über das weitere Vorgehen beraten.

iRights.info: Wie gut ist Ihnen der Fall des „Technovikings“ vertraut?

Wolfgang Ullrich: Matthias Fritsch war Student an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, an der ich damals lehrte. So habe ich seinerzeit die Auseinandersetzung mit dem von ihm generierten Internet-Mem des Technovikings mitbekommen. Das war 2008 oder 2009. Es war die Phase, als es schon ein großer Hit auf Youtube war, aber noch nicht all die Adaptionen und Variationen existierten, die später von ihm gesammelt und dokumentiert wurden.

In dieser zweiten Phase ist ja erst das passiert, was man als Internet-Mem bezeichnet: Viele Menschen weltweit fingen an, die Situation nachzustellen, bestimmte Merkmale zu übernehmen und mit Ding-Symbolen wie der Wasserflasche zu agieren.

iRights.info: Waren Sie in die Arbeit von Fritsch involviert?

Ullrich: Nein, weder ich noch andere Dozenten haben in seine Arbeit eingegriffen. Sie war aber sicher nicht darauf angelegt, auf Youtube Erfolge zu erzielen. Matthias Fritsch macht stets deutlich, dass er das alles nur einem Zufall verdankt. Sein Video tauchte irgendwann mal auf einer Seite auf, die sehr viel Traffic hatte. Erst dann erreichte es virale Verbreitung und wurde prominent.

Richtig spannend wurde es für mich, als Fritsch anfing, die ganzen Variationen und Nachahmungen des Technoviking zu sammeln. Das war vor fünf, sechs Jahren, und damals waren Internet-Meme ein relativ neues Phänomen. Für einen Medienkünstler war es ein vielversprechendes und wichtiges Thema, einem Mem nachzugehen, es zu dokumentieren und eine Form zu finden, wie damit umzugehen ist. Ich denke, das ist Fritsch mit seinen Zusammenschnitten sehr überzeugend gelungen, die ich 2010 erstmals bei der Ausstellung Inter-cool 3.0 in Dortmund gesehen habe.

iRights.info: Später zog man Sie für das Gerichtsverfahren auch als Gutachter hinzu.

Ullrich: Ja, als es 2012 zur Klage wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung beim Technoviking kam, habe ich ein Gutachten erstellt. Darin versuchte ich klar zu machen, weshalb es sich beim Originalvideo um eine künstlerische Arbeit handelt und warum die Freiheit der Kunst hier höher einzuschätzen ist als die Persönlichkeitsrechte.

iRights.info: Können Sie Ihre Argumentation näher erläutern?

Ullrich: Der Technoviking ist bei dieser Fuckparade – einer Art Demonstration, also bei einem explizit öffentlichen Ereignis – gewollt so aufgetreten. Er hat sich von Anfang an selbst inszeniert. Und er hat ersichtlich mitbekommen, dass er gefilmt wird, hat dagegen aber nichts unternommen.

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3 Reaktionen
Hans

@Mark, genau!
Umsonst content generieren aber mit Werbung auf den Plattformen Geld verdienen. Ein Ungleichgewicht par excellence!

Antworten
Mark

"eshalb wäre mein Vorschlag, dass man für die sozialen Netzwerke die Urheberrechte gänzlich suspendiert. "

Hahaha...was für ein Schwachsinn! Gegenvorschlag: Mein Vorschlag wäre, dass es alles überall umsonst gibt, weil ja schließlich jeder alles haben will. Vor allem diese abstrakten Dinge wie Kunst, Flüssigkeiten und Dienstleistungen. Aua aua - in Zukunft bitte erst denken, dann ein Interview geben, Herr Ullrich!

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TTIP schafft Millionen Jobs

Gestern gabs bei den ÖR eine Kultur(Kulturzeit?)-Sendung über die Bedrohung durch TTIP.
Die ganzen Projekte wie Oculus Rift und Tesla 35k kommen vielleicht deshalb in Q1-2016 weil dann TTIP aktiv ist.

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