Temu, Shein und Aliexpress: Müssen wir unsere Waren bald selbst verzollen?

Für Temu-Kund:innen wirds vielleicht bald teurer und komplizierter. (Foto: Shutterstock-Allstars)
Die Europäische Kommission erwägt die Abschaffung der derzeitigen Zollfreigrenze. Das hätte einschneidende Auswirkungen auf Plattformen wie Aliexpress, Temu und Shein – und würde natürlich auch für deren Kund:innen bedeuten, dass der Einkauf in China nicht mehr so einfach ist wie er in der Vergangenheit war.
Der China-E-Commerce boomt – und einige Frachtflughäfen in Europa wie etwa der im belgischen Lüttich werden inzwischen mit Paketen von Temu und Co. geflutet. Alleine schätzungsweise 200.000 Pakete am Tag sollen an Temu-Kund:innen gehen, Tendenz steigend. Insgesamt drei Milliarden Pakete dieser Art, die übers Jahr an Endkund:innen gehen, schätzen die Behörden.
Fällt die 150-Euro-Grenze bei der Verzollung?
Dabei werden die Pakete, um beim Zoll zu sparen, oftmals gesplittet. Doch damit soll in Zukunft Schluss sein, wenn es nach den europäischen Handelsverbänden und den Zollbehörden geht. Denn denen ist die Praxis der chinesischen Plattformanbieter ein Dorn im Auge.
Schon in diesem Monat könnte die Bagatellfreigrenze in Höhe von 150 Euro beim Zoll aus dem Nicht-EU-Ausland fallen, wie Reuters und Financial Times zuerst berichteten. Gelten würde das allerdings für jede:n Onlinehändler:in, der:die seine Kundschaft von außerhalb der Europäischen Union beliefert. Denkbar sind hier allerdings Ausnahmelösungen auf bilateraler Basis gegenseitiger Handelsabkommen.
Die Idee ist nicht neu, sie war aufseiten der EU-Staaten und auch aufseiten von Wirtschaftsvertreter:innen bereits im vergangenen Jahr aufgekommen, als speziell Temu seinen Siegeszug im großen Stil antrat.
Zollbehörden könnten große Zahl an Fällen gar nicht verarbeiten
Unklar ist allerdings auch noch, wie es den Zollbehörden gelingen soll, die riesige Zahl an Paketen zu verarbeiten und einer korrekten Verzollung zuzuführen. Denn schon jetzt erklären mit dem Zollwesen befasste Expert:innen, dass die schiere Menge an Paketen für Endkund:innen die Verarbeitungsgrenzen des Zolls überschreiten.
Bundesfinanzminister Christian Lindner erklärte kürzlich, er begrüße, dass die EU-Kommission nach geeigneten Wegen suche, den Herausforderungen des Onlinehandels gerecht zu werden. Insbesondere für europäische Onlinehändler:innen ist die große Menge an günstiger aus dem Nicht-EU-Ausland eingeführter Ware ein Problem.
Erstaunlich unbeeindruckt zeigen sich die drei großen Plattformen, die all das natürlich in höchstem Maße betreffen würde, weil ihr gesamtes Geschäftsmodell hierauf basiert, zolltechnisch „unter dem Radar zu fliegen“. Marktführer Temu gibt an, dass das Wachstum in Europa nicht von den Regelungen abhänge, zollfreie Waren zu importieren. Man sei daher bereit zu politischen Anpassungen seitens der Gesetzgeber, solange diese im Einklang mit den Verbraucher:inneninteressen stehen und fair seien. Ob die schnell wachsende Plattform hierin allerdings Fairness erkennt, bleibt abzuwarten. Auch Shein erklärt, man unterstütze die Bemühungen für eine Reformierung des Zollwesens. Und Aliexpress betont, man kooperiere mit den Regulierungsbehörden, damit man sich im Einklang mit dem europäischen Markt befinde und das auch in Zukunft so bleibe.
Ein weiteres Thema betrifft die Einfuhrumsatzsteuer, die seit 2021 auch für Waren unterhalb der 22-Euro-Grenze anfällt und sich in der Höhe bewegt, wie wir sie für die hiesige Mehrwertsteuer kennen. Dies erledigen die chinesischen Plattformen aber auf eigene Kosten über das sogenannte IOSS-Verfahren (Import-One-Stop-Shop-Verfahren), was sich aus der Quittung ableiten lässt.
China-Handel: Mit Zoll wirds teurer – und kompliziert
Gerade Temu kämpft regelmäßig mit dem Verbraucherschutz – wegen intransparenter Preisgestaltung und täuschenden Designs, die die Kund:innen in zeitlichen Zugzwang bringen sollen. Was sich für die Verbraucher:innen in Zukunft ändern könnte, ist noch nicht absehbar, denn Zolltarife richten sich nach der jeweiligen Warengruppe und sind alles andere als einfach zu überblicken. Die Taric-Anwendung des Zolls bietet hier allenfalls erste Anhaltspunkte (aber auch Überraschungen, wenn der Zoll einen Sachverhalt anders beurteilt als Händler:innen oder Verbraucher:innen).
Sicher ist aber, dass auf die China-Plattformen und ihre Kund:innen schwierige Zeiten zukommen, wenn das Zollthema durch den Wegfall der Freigrenze auf die Agenda kommt. Denn die Verbraucherzentrale rechnet beispielsweise vor, dass selbst kleine Zubehörteile dann schnell das Doppelte kosten können, wenn entsprechende Gebühren und Servicepauschalen hinzukommen.
Was du beim Einkaufen bei Temu beachten musst und welche Waren dort besonders günstig zu haben sind, erfährst du in diesem Ratgeber.