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Reportage

Belauscht Facebook unsere Gespräche? Ein Experiment

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Das Experiment

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch was wäre, wenn wir den Vorwürfen genauer nachgehen würden? Zusammen mit der Welt und Axel-Springer-Akademie starten wir Ende 2017 ein Experiment.

Fünf Journalisten erhalten je zwei Smartphones, sechs typengleiche iOS- und vier Android-Geräte. Zuvor haben wir alle zehn Geräte auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt. Die frischen Handys bespielen wir mit drei Apps des Unternehmens: Facebook, Instagram und Messenger, dem Nachrichtendienst des Konzerns.

Wir fünf Tester richten auf unseren je zwei Geräten jeweils ein neues, ausgedachtes Facebook-Profil ein. Jeder Tester schafft sich also zwei Alter Egos mit denselben Interessen, demselben Geschlecht, denselben Freunden in derselben Stadt, mit dem Geburtstag im identischen Geburtsjahr und im selben Monat.

„Facebook erstellt keine Mikrofonaufnahmen, um Werbung oder Beiträge im News Feed in irgendeiner Weise zu beeinflussen.“

Auch die Aktivitäten der zwei Profile gleichen sich von der ersten Minute an: Gefällt einem User etwas, gefällt es zeitgleich auch dem anderen. Nur die hinterlegten E-Mail-Adressen, die Namen und die Profilbilder unterscheiden sich. Meine fiktiven Accounts heißen Annegret T. und Christina S., beide gleich alt, beide haben ein Faible für den Tierschutz und die Berliner Eisbären.

Die Geräte fahren mit zur Arbeit, begleiten die Tester an den Wochenenden. Wir surfen nicht im Internet, bestellen nichts bei Ebay oder Amazon, laden die Geräte nur an Steckdosen und nicht über den USB-Anschluss des Computers. Störende Einflüsse sollen, so gut es geht, vermieden werden. Tag für Tag sind die Geräte den gleichen Bedingungen ausgesetzt – bis zu den entscheidenden Testreihen, mit denen wir feststellen wollen, ob Facebook unsere Gespräche auswertet.

Für ein paar Minuten am Tag trennen wir deshalb die Smartphones. Für unser Experiment liegt jeweils ein Handy jeder Testperson vor uns, während wir über all das sprechen, was wir glauben, besitzen zu müssen, erleben zu wollen, oder tatsächlich zum Leben brauchen: Urlaubsziele und Reiseanbieter, Computerzubehör und Kreditvermittler, Babywindeln – und natürlich Katzenfutter.

Das jeweils andere Handy, das Kontrollgerät mit dem dazugehörigen Zwillingsprofil, liegt in einem anderen Raum. Unsere Überlegung dahinter: Wenn Facebook tatsächlich unsere Gespräche für Werbezwecke abhören sollte, dann müsste das bei dieser Versuchsanordnung auf dem einem Gerät geschehen – und auf dem anderen nicht.

Über vier Wochen führen wir vier solcher Versuchsreihen mit jeweils drei Tests durch. Zuerst testen wir, ob Facebook mithört, obwohl die App nicht geöffnet ist. Wir reden über Golfequipment, Onlinecasinos oder edle Schwangerschaftsöle. In der ersten Woche beobachten wir nichts Auffälliges.

Mit jeder weiteren Experimentierwoche machen wir es Facebook leichter mitzuhören. In der zweiten Projektwoche öffnen wir die App während des Versuchs. Dabei tragen wir weiter unsere imaginären Einkaufslisten vor: Bitcoin, Versicherungen, Kinderbekleidung. Und tatsächlich stellen wir dann eine Unregelmäßigkeit bei einem der Android-Testgeräte fest: Am Abend werden zwei Pflegeprodukte für Frauen auf Facebooks Tochterunternehmen Instagram ausgespielt. Über beide hatten wir zuvor am Nachmittag gesprochen. Auf dem Gerät dagegen, das beim Gespräch im Nebenraum lag, gab es bis zuletzt keine Werbung für diese Produkte – obwohl der „Zwilling“ in die gleiche Zielgruppe fällt.

In der dritten Woche schrauben wir die Hürden für einen möglichen Lauschangriff erneut hinunter: Wir tippen eine beliebige Statusmeldung ein, nennen dabei mögliche Reizwörter – und warten. Tatsächlich wird dann noch einmal eines der bereits aufgetauchten Pflegeprodukte angezeigt, dieses Mal auf einem der iOS-Geräte. Zum Schluss telefonieren wir über den Facebook-Messenger miteinander und erwähnen Produkte. Dabei entdecken wir aber nichts Auffälliges.

Ist an den Gerüchten also etwas dran? Ein durchschlagender Beweis gelingt uns nicht. Und doch sind wir auf Anhaltspunkte gestoßen.

Die Konfrontation

Im März bitten wir Facebook um eine Stellungnahme. Eine Sprecherin weist den Vorwurf zurück und erklärt: „Facebook erstellt keine Mikrofonaufnahmen, um Werbung oder Beiträge im News Feed in irgendeiner Weise zu beeinflussen.“

Dem Hamburger Datenschutzbeauftragten Caspar sind ähnliche Erklärungen aus anderen Fällen wohlbekannt. „Ein Verdacht wie der vorliegende löst kaum mehr als ein qualifiziertes Dementi des Unternehmens aus“, sagt der Datenschützer.

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2 Reaktionen
Okkarator

Nun, ich denke nicht, dass sie es zwangsläufig tun, auch wenn sie es technisch gesehen könnten (zumal die meisten Leute ja ihre Einwilligung geben, dass die App das Mikrofon generell benutzen darf (natürlich eigentlich (!) nur für Sprachnachrichten/Videoaufnahmen).

Aber mein Verdacht ist eher, dass die vielen passenden Werbeanzeigen eher daher kommen, dass viele Nutzer ebenso im Browser bei Facebook eingeloggt sind, da sie schlicht vergessen haben, sich irgendwann einmal wieder auszuloggen. Durch die Facebook Social-Plugin-Integration in inzwischen fast jeder Website kann Facebook damit sehr genau verfolgen, auf welchen Seiten wir uns bewegen. Und häufig sucht man ja, wenn auch nur nebenbei aus Langeweile z.B. in der Bahn auf der Rückfahrt nachhause oder abends auf der Couch, nach Begriffen, über die man sich kürzlich unterhalten hat.

Da spricht man abends bei einem Treffen mit freunden eben über Katzenfutter, ein Reiseziel etc. und sucht so beiläufig und kurz nach solchen Begriffen, dass man sich eventuell gar nicht mehr bewusst daran erinnert oder zumindest nicht mehr in Verbindung mit Werbeanzeigen bringt, die man Tage oder Wochen später angezeigt bekommt.

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KommissarSchneider

Moin,

die Frage ist doch, warum sollte Facebook nicht mithören?
Die wollen schließlich nur unser Bestes, unser Geld.
Technisch gesehen kein Problem, nur schwer zu beweisen.
Jetzt weiß ich wieder, warum keinen Account habe ...

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