Valleycon Silly: Warum das Silicon Valley nicht der richtige Ort für dein Startup ist [Kolumne]
Moritz Stückler berichtet für t3n als Korrespondent aus dem Silicon Valley. In seiner Kolumne „Valleycon Silly“ schreibt er über all das, was ihm abseits der tagesaktuellen Nachrichten begegnet. Anhand von Alltagserlebnissen nimmt er die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland – natürlich vorzugsweise in Bezug auf Technik und Startups – unter die Lupe.
Das Silicon Valley – ein Schaulaufen der Digital-Gesellschaft
Für viele technikaffine Menschen ist das Silicon Valley ein Traum – ein großes und fantastisches Ziel. Und auch, wenn man mit solchen Pauschalisierungen vorsichtig sein muss, kann ich nach einem halben Jahr in San Francisco sagen: Diese Sicht ist nicht verkehrt. Was viele aber nicht sehen: Die Tatsache, dass hier für Unsereins alles so „perfekt“ ist, hat auch negative Seiten.
Die Dichte an innovativen Unternehmen, die Vielzahl der Investoren und Medien, die abertausenden talentierten Entwickler und Gründer und vor allem die technische Aufgeschlossenheit und Akzeptanz haben auch einen großen Nachteil: Das Silicon Valley ist eine eigene Traumwelt, ein digitales Schlaraffenland, in dem ständig ein Schaulaufen der Digital-Gesellschaft stattfindet. Das hat nicht viel mit der Realität außerhalb dieser kleinen Region zu tun. Genau wie bei einer Modenschau – die Haute-Couture-Kleider auf dem Laufsteg haben wenig mit der Alltagsmode von dir und mir zu tun.
Das Silicon Valley ist zum Selbstzweck geworden. Gründer glauben, wenn sie es hier schaffen, schaffen sie es überall auf der Welt. Doch weit gefehlt! Die Gegend zwischen San Francisco und San Jose ist ein eigener Kosmos, und Experimente, die hier gelingen, können außerhalb dieses Kosmos‘ vollkommen in die Hose gehen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sogar relativ groß.
Abstruse Spielereien von kapitalistisch geimpften Pseudo-Revolutionären
Das Ergebnis des ganzen Hypes der letzten Jahrzehnte sind Apps, Geräte, Technologien und ganze Firmen, die an Kuriosität kaum zu überbieten sind – zumindest, wenn man nicht in dieser besagten Valley-Blase steckt und versucht, die Erfindungen neutral zu betrachten. Neue Apps und Produkte werden hier oft in den höchsten Tönen gelobt und als Nachfolger von Facebook, Google und Co. gehandelt – in Wahrheit sind es aber oft abstruse Spielereien von kapitalistisch geimpften Pseudo-Revolutionären.
Dienste wie Secret und Whisper funktionieren zwar im Silicon Valley – vermutlich dem Gebiet mit der größten Dichte an Digital Natives auf dieser Welt. Aber selbst in der näheren Zukunft wird es kaum weitere Orte geben, an denen solche Produkte funktionieren. Selbst in 20 Jahren werden die Leute in meinem Heimatdorf in Franken keine derart speziellen Apps einsetzen. Zu nebensächlich und spezifisch ist der Zweck dieser Anwendungen für Otto Normalverbraucher.
Die Bedingungen für Digital Natives sind zu gut
Es klingt paradox, aber die Bedingungen für Digital Natives sind hier einfach zu gut. Das führt zu einer maßlosen Entfremdung der hiesigen Bevölkerung und einer Überschätzung der meisten Gründer. Wer einmal eine Welle im Silicon Valley losgetreten hat, wird eines ganz bestimmt kriegen: Aufmerksamkeit. Einen kurzen Moment im Rampenlicht des Silicon Valley. Das ist eine tolle Bestätigung für jede Firma und ein großes Prestige, aber keinesfalls eine Garantie für Erfolg in der Zukunft, denn so schnell, wie Firmen hier aus dem Nichts auftauchen, so schnell verschwinden sie auch wieder in der Versenkung. Und auch die Tatsache, dass jemand ein paar Millionen Kapital eingesammelt hat, sagt nahezu nichts über die Qualität und Alltagstauglichkeit seiner Erfindung aus.
Ich habe inzwischen deutlich mehr Respekt vor Produkten, die gerade nicht im Silicon Valley entstanden sind. Wer es schafft, in „normalen“ Gegenden etwas zu starten und eine gewisse Größe an Publikum zu erreichen, hat deutlich bessere Chancen, auch im Rest der Welt erfolgreich zu sein. Also, liebe Gründer: Bitte bleibt zu Hause! Macht Urlaub im Valley oder schnuppert ein paar Monate rein, das ist eine wertvolle Erfahrung. Aber bleibt mit euren Ideen da, wo ihr herkommt – bei normalen Menschen!
Ich glaube es geht manchen ja genau darum nicht bei normalen Menschen zu sein und der Innovation nahe zu sein. Ich finde es toll wo zu leben wo Sachen Chancen bekommen denen man in anderen Ländern/ Regionen nicht mal Beachtung schenken würde. Und so komisch es klingen mag Flops sind der beste Weg um Innovativ zu sein.
Wie sieht es denn anders herum aus, also wenn ein Unternehmen bereits Erfolg in einem lokalen Markt hat und dann zum „internationalen“ Durchbruch ins Valley geht?
Wenn du in Deutschland in die Presse kommst, dann scheint das niemanden zu interessieren. Wenn du aber bei Techcrunch oder in der NY Times landest, dann schreib die Welt-Presse ab. Oder?
„Also, liebe Gründer: Bitte bleibt zu Hause! […] – bei normalen Menschen!“
Für mich die Quintessenz des ganzen Beitrags, der insgesamt auch wunderbar meine Meinung bestätigt. Warum im Wolkenkuckucksheim was absolut tolles aufstellen, was aber kilometerweit am Bedarf vorbei geht?
Da such ich mir lieber „zu Hause“ was, was den Leuten hilft. Wenn das dann gehypet wird, umso besser. Wenn nicht, bin ich trotzdem gescheitert und habe was gelernt.