Interview

VDA-Geschäftsführer Martin Koers: „Es nützt nichts, wenn das Elektroauto im Stau steht“

VDA-Geschäftsführer Martin Koers glaubt, dass mit dem Elektroauto allein die Klimakrise nicht bewältigt werden kann. (Foto: VDA)

Im Verband der Automobilindustrie (VDA) organisiert sich Deutschlands mächtige Auto-Lobby. Im Interview verrät VDA-Geschäftsführer Martin Koers, wie die deutschen Autobauer mit der Verkehrswende umgehen, warum Elektromobilität für die Pariser Klimaziele seiner Meinung nach nicht reicht und wie die IAA mit den angekündigten Klimaprotesten umgehen wird.

t3n: Alle reden über die Verkehrswende – weg vom Individualverkehr, weg vom Auto. Was sagen Sie dazu als Lobbyverband der Autoindustrie? Glauben Sie, dass alles bleiben kann, wie es ist, wenn nur Verbrenner durch Elektroautos ersetzt werden?

Martin Koers: Das ist für mich kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Es geht nicht um die von manchen Kritikern geforderte „Abkehr vom Individualverkehr“, sondern um die sinnvolle Verknüpfung von individueller Mobilität und Klimaschutz. Wir brauchen überzeugende Antworten auf zukünftige Mobilitätsbedürfnisse – ökologisch, ökonomisch und sozial. Es geht um eine bessere Gestaltung der Mobilität insgesamt. Jeder Verkehrsträger hat seine Vorteile. Wenn Sie von Berlin nach Hamburg fahren wollen, dürfte der ICE die passende Option sein. Wenn Sie in Hamburg angekommen sind und weiter aufs Land müssen, brauchen Sie den Pkw. In den Metropolen werden Sharing-Modelle immer attraktiver. Notwendig ist die sinnvolle Integration der Mobilität untereinander. Da bietet die Digitalisierung enorme Chancen.

„Es nützt nichts, wenn das Elektroauto im Stau steht.“

t3n: Trotzdem wird es wahrscheinlich so sein, dass durch die Digitalisierung zumindest in den urbanen Räumen die Zahl der Autos abnimmt – Stichwort Shared Economy. Das ist für Ihre Industrie eine negative Entwicklung, oder nicht? Müssen die Hersteller jetzt auf alternative Geschäftsmodelle setzen?

Gerade in Mega-Citys sind neue Formen der Mobilität notwendig – das gilt vor allem auch für China. Wir wollen für eine nachhaltige urbane Mobilität unseren Beitrag leisten – unter anderem durch intelligente Vernetzung der Verkehrsträger.

Elektroautos sind ein Weg, CO2-Emissionen zu verringern und die EU-Ziele 2030 zu erreichen. Allerdings reicht die Änderung der Antriebsart nicht aus. Wir brauchen besseres Verkehrsmanagement – es nützt nichts, wenn das Elektroauto ebenfalls im Stau steht. Es geht darum, die Möglichkeiten zu nutzen, die die Digitalisierung bietet – zum Beispiel, dass Verkehrsflüsse umgeleitet werden. Die digitale Welt wird weiterhin Einzug halten – sowohl in die Fahrzeuge als auch in die Infrastruktur, sodass Autos untereinander kommunizieren und sich beispielsweise vor Staus warnen können.

IAA

Vom 12. bis 22. September findet in Frankfurt unter dem Motto „Driving tomorrow“ die IAA statt, das größte Mobilitätsevent des Jahres. Sie bietet Diskussions-, Netzwerk-, Erlebnis- sowie Karriereformate an einem Ort. t3n ist Medienpartner der IAA, der VDA Veranstalter. Tickets und weitere Infos gibt es unter www.iaa.de

Zu Ihrer Frage: Der Pkw-Weltmarkt wird mittelfristig weiter wachsen. Und es ist die deutsche Automobilindustrie, die neue Mobilitätskonzepte vorantreibt: Sie hat mit ihren Free-Floating-Modellen Carsharing in Deutschland zum Durchbruch verholfen und ist mit einem Markanteil von 73 Prozent Marktführer in diesem Bereich. Der nächste Schritt ist der flächendeckende Aufbau von Ridesharing als neuem Mobilitätskonzept.

t3n: In einem VDA-Papier heißt es: „Unser Ziel ist die treibhausgasneutrale Mobilität bis 2050.“ Das hieße ja, dass einerseits der gesamte Verkehr bis dahin elektrifiziert ist und andererseits der Strom dann aus 100 Prozent regenerativen Energien stammt, oder? Halten Sie das wirklich für realistisch?

Wir stehen zu den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens. Allerdings gibt es mehrere Instrumente, um CO2-Neutralität zu erreichen, Elektromobilität ist eines davon. Weitere sind  synthetische Kraftstoffe, Wasserstoff, Brennstoffzelle. Die CO2-Ziele der EU für Pkw – minus 37,5 Prozent bis zum Jahr 2030 – sind unterm Strich auch eine Technologievorgabe. Denn alle sind sich einig, dass diese Reduktion nur mit einem massiv steigenden Anteil an Elektro-Pkw erreichbar sein wird. In Deutschland reden wir dann von 7 bis 10,5 Millionen E-Autos auf unseren Straßen. Deshalb legen wir hierauf unseren Schwerpunkt – aber die anderen Optionen bleiben auf der Agenda.

t3n: Warum sind die Deutschen so zurückhaltend beim Kauf von Elektroautos?

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Ein Kommentar
Torsten der Zauberer
Torsten der Zauberer

Höflich: Koers ist halt ein Lobbyist. Unhöflich: Koers fehlt jegliche Fähigkeit zum abstrakten Denken.

Für Koers heißt „Digitalisierung“ Elektrifizierung eines herkömmlichen Antriebs – seine Kritik ist vereinfacht so: „Diese Dampflok bringt überhaupt nichts! Wenn ich die vor meine Droschke spanne, komme ich ja gar nicht aus der Scheune…“
Gut, dass wird natürlich durch die mediale Vereinfachung gefördert wo man genauso dumm ist, ähnlich der völligen Fehlinterpretation von Machine Learning als KI, soll heißen: Auch wenn alle relevanten Hersteller (also keine deutschen Hersteller) von E-Autos diese bereits by design „autonomous ready“ machen, konzentriert man sich nur auf den (verständlichen) „ist ein E-Auto…“ Aspekt.

Er hat 0.0 verstanden, dass in fast allen Szenarien – aber den Fehler macht ja auch die Autoindustrie – Digitalisierung auch Digitalisierung heißt, sprich: autonomes Fahren. Und warum deswegen der Bedarf an Fahrzeugen, Herstellern, Zulieferern und jeder Menge davon abhängiger Sekundärindustrien (z. B. auch Bauunternehmen oder Versicherungen) massiv sinkt versteht er nicht. Hier mal als Denkanstoß: https://youtu.be/faVgF2F5s4w?t=1189

Das restliche Gelaber schlägt in die gleiche Kerbe: Das Ausland ist schon lange soweit. Und auch das ist gelogen: Es ist schon 5, 6 Jahre weiter. Die harten Learnings, die man hierzulande mit Geld aufholen will (was nicht funktioniert, Zeitreisen sind physikalisch unmöglich, egal wie viel Geld man dafür ausgibt), hat man dort schon alle gemacht. Oder anschaulicher: Das Ausland, vor allem die USA und China sind gaaaaaanz rechts beim Hockeystick, wir gaaaaannz links – bei y = e^x sind wir bei y=2 und die relevanten bei y = 60! Heißt: Die müssen nur noch skalieren, während man bei uns erst einmal verstehen lernen muss. Achso, das macht Tesla & Co. auch so wertvoll…

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