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Kolumne

Vergesst das Zweifeln nicht! Ein wenig „German Angst“ schadet nicht

(Bild: Shutterstock / pathdoc)

Mit Angst vor digitalen Innovationen ist niemandem geholfen. Warum wir das Zweifeln trotzdem nicht komplett einstellen sollten, erklärt Felix Schwenzel in seiner Kolumne für Irrelevanz.

Den Deutschen wird oft (zu Recht) vorgeworfen, zögerlich zu sein. Die Zögerlichkeit bei der Adaption neuer ­Technologien, risikoscheu, Regulierungswut oder büro­kratische Hürden beim Gründen sehen viele Menschen – auch t3n – eher kritisch. Dass diese deutsche Angst aber durchaus ihre positiven Seiten hat, machen zum Beispiel die Ereignisse kurz vor dem Beginn des Irakkriegs 2003 deutlich: Deutsche Politiker zeigten sich angesichts des gesellschaftlichen Klimas zögerlich, der Aufforderung des US-Präsidenten George W. Bush nachzukommen, sich an der kriegerischen Auseinandersetzung zu beteiligen. Als Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf der Münchener ­Sicherheitskonferenz für den Angriff auf den Irak warb, entgegnete ihm Joschka Fischer: „Excuse me, I am not convinced!“. Im Saal gab es kaum Applaus für Fischers Zweifel. Aber die Aussage spiegelte die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland ziemlich exakt wider.

Zögerlichkeit, kritische Distanz und Zweifel haben ihre Berechtigung und ihren Sinn. Der Zweifel hat im 18. Jahrhundert die Aufklärung in Gang gebracht. Ein politisches System ohne eine starke, an der Weisheit der Regierenden zweifelnden, Opposition neigt zum Autoritären. Ein Rechtssystem ohne Zweifel wäre drakonisch. Spätestens in diesem Jahr haben auch die euphorischsten Internet- und Vernetzungsapologeten (ich bin selbst ­einer) gemerkt, dass nicht alles, was Unternehmer mit neuen digitalen Werkzeugen machen und ermöglichen, auch automatisch der Weltverbesserung dient.

Zweifeln ist konstruktiv, solange die Zweifel nicht angstbasiert sind und man den Zweifel, die Skepsis, mit Neugier, ­Offenheit und Lust am Diskurs kombiniert. Wenn wir an der Sinnhaftigkeit militärischer Interventionen eines unserer mächtigsten Alliierten und Handelspartner zweifeln können und das vorbehalt­lose Mitmachen verweigern, warum sollten wir nicht auch digitale Innovationen und deren Sinnhaftigkeit gelegentlich in Frage stellen?

Voltaire, einer der herausragenden Köpfe der Aufklärung, der den Zweifel laut Wikipedia „zu einer Maxime seines Denkens“ machte, sagte: „Zweifel ist zwar kein angenehmer geistiger Zustand, aber Gewissheit ist ein lächerlicher.“

Die Gewissheit, mit der Viele, auch ich, die Digitalisierung mit positiven Folgen in Verbindung brachten, wirkt auf mich im Nachhinein tatsächlich ein bisschen lächerlich. Ich habe viele ­Jahre (mit Gewissheit) daran geglaubt, dass die Digitalisierung, die Vernetzung und niedrigschwellige, leicht zugängliche und grenzenlose Kommunikation vor allem positive gesellschaftliche Auswirkungen haben würde. Die vergangenen Jahre haben aber gezeigt, dass auch Demagogen, autoritäre Regierungen, Geheimdienste oder Unternehmen die Digitalisierung zu ihrem Vorteil ausnutzen können und das auch hemmungslos tun.

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Die diffuse German Angst, die deutsche Zögerlichkeit kann man auch positiv betrachten. Gut begründete Zweifel, Vorbehalte, eine gewisse Langsamkeit, die einem auch Zeit zum Nach- und Durchdenken gibt, ist nicht gleichbedeutend mit Verweigerung.

Ich wünsche mir (auch von mir selbst) künftig mehr gesunden Zweifel in der ­Digitalpolitik und der vernetzten Welt. Die negativen Folgen der ungezügelten Digitalisierung, der unregulierten (kommerziellen und politischen) Datensammelei sind bereits so offensichtlich, dass selbst Mark Zuckerberg inzwischen ­öffentlich die Notwendigkeit von Regulierung einräumt – wenn sie „vernünftig“ sei.

Wir, die wir in dieser digitalisierten und vernetzen Welt leben wollen (und müssen), sollten allerdings nicht den ­Politikern und Unternehmern das Aushandeln dieser Regulierungen allein überlassen. Nicht nur weil sich Politiker gerne eher von Wirtschaftsinteressen als vom Gemeinwohl lenken lassen oder sich gerne von Unternehmern um den Finger wickeln lassen. Vor allem, weil wir die kritische Auseinandersetzung mit digitalen Technologien sowohl kritisch, als auch konstruktiv von innen heraus führen müssen. Euphorie, Neugier und Offenheit lassen sich durchaus mit Zweifel kombinieren. Kombinieren wir den Zweifel mit Angst, oder ist Angst das einzige Triebmittel des Zweifels, driftet der Zweifel in die Verweigerung. Schaffen wir es nicht, die Euphorie gegenüber neuen Technologien mit Zweifeln und kritischem Hinterfragen zu kombinieren, laufen wir Gefahr, uns lächerlich zu machen.

Diese Kolumne ist in der Ausgabe 52 des t3n-Magazins erschienen. Mehr Infos zur Ausgabe „Digitalisiert Euch! Deutschland digital abgeschlagen? Denkste! Soviel bewegt sich in der Republik.“ gibt es hier.

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