Vom analogen C-Netz zum digitalen GSM: Die Wegbereiter des modernen deutschen Mobilfunks

„Was für ein fantastischer Gedanke“, jubelte das Magazin P.M. im Oktober 1986. Künftig könne „jedes Auto mit einem Telefon ausgerüstet werden“ – und zwar zum Preis eines „komfortablen Autoradios“ statt wie bisher für rund 10.000 Mark. Damit nicht genug: „Wie schon heute bei einigen Bautypen das Telefon aus dem Auto in das Wochenendhaus genommen und über den starken Sender im Kofferraum betrieben werden kann, so wird einen das Telefon auf Tritt und Schritt begleiten – statt Walkman ein Talkman.“
Damals war Telefonie noch Aufgabe staatlicher Behörden wie der Deutschen Bundespost. An entsprechend kurzer Leine wurden die Kunden beim analogen C-Netz gehalten: „Für Dänemark zum Beispiel brauchten Reisende eine schriftliche Genehmigung zur Nutzung des Inlandsnetzes, an den Grenzen zu Italien verplombte der Zoll das Mobiltelefon, und in Frankreich stand die Benutzung eines ausländischen Handys unter Strafe“, schreibt Vodafone im Rückblick.
1992: Start für das neue digitale D-Netz
Erst der 1990 eingeführte europäische Digital-Standard GSM beendete diese Kleinstaaterei. Und noch einen weiteren Zopf wollte der damalige Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) abschneiden: Er verordnete der Post nicht nur die Privatisierung, sondern auch gleich noch Konkurrenz. Für das neue digitale D-Netz vergab der Bund deshalb zwei Lizenzen: eine für den ehemaligen Staatsmonopolisten, eine für einen privaten Betreiber. Es bewarben sich unter anderem BMW, MAN, Springer und Daimler. Den Zuschlag bekam 1989 schließlich ein Konsortium um den Stahlkonzern Mannesmann. Dazu gehörten die Telekommunikationskonzerne Cable & Wireless und Pacific Telesis, der Versorger Lyonnaise des Eaux, die Deutsche Genossenschaftsbank sowie die Zentralverbände des Kfz- und des Elektrohandwerks.
Am 30. Juni 1992 ging das D2-Netz von Mannesmann in den kommerziellen Betrieb, einen Tag später auch das D1-Netz der Telekom – allerdings praktisch ohne Kundschaft. Der Grund: Es gab zu wenig Geräte. Das Kürzel GSM wurde in den Anfangsjahren oft in „God send mobiles“ umgedichtet. Wer trotzdem ein Gerät ergattern konnte, musste Leidensfähigkeit beweisen. Die frühen „Portables“ wie das Siemens D1 314 kosteten mehr als 3.000 Mark, wogen rund 2,5 Kilo und sahen aus wie Autotelefone ohne Auto: Der Hörer war per Kabel mit einer Art Basisstation verbunden. Kein Wunder, dass sich der Pseudo-Anglizismus „Handy“ (eigentlich: „praktisch“) für diese Gerätegeneration noch nicht durchsetzte. Als eines der ersten Handys nach heutigem Verständnis, bei denen die gesamte Technik im Hörer steckte, folgte 1992 das Motorola International 3200 – der legendäre „Knochen“ mit schlanken 520 Gramm.
Begrenzte Netzabdeckung, trotzdem viele Teilnehmer
Die Monatsgebühren der beiden D-Netze lagen bei knapp 80 Mark, die Minutenpreise bei 50 Pfennig bis 1,50 Mark. Die Netzabdeckung war zunächst vor allem auf (überwiegend westdeutsche) Ballungsräume und Autobahnen beschränkt. Trotzdem wurden die Anbieter von ihrem eigenen Erfolg überrannt. Anfangs rechnete Mannesmann damit, bis zum Jahr 2000 zwei Millionen Teilnehmer gewinnen zu können. Dieses Ziel wurde bereits 1996 erreicht, zur Jahrtausendwende waren es dann 15 Millionen.
Für die Marke Mannesmann führte dieser Erfolg allerdings zum Untergang. 1999 stieß der Konzern alle industriellen Aktivitäten ab und konzentrierte sich auf das Telekommunikationsgeschäft. Das weckte Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz. In einer spektakulären feindlichen Übernahme kaufte Vodafone den Traditionskonzern für knapp 190 Milliarden Euro – die bis heute teuerste Akquisition der Wirtschaftsgeschichte. Zwanzig Jahre später bezeichnete der damalige Mannesmann-Chef Klaus Esser diese Transaktion in einem Interview als „großes Unglück“.
Die 20 erfolgreichsten Handys aller Zeiten