Kolumne

Ein düsterer Vorgeschmack auf die Upload-Filter der EU-Urheberrechtsreform

(Foto: Shutterstock)

Die EU-Urheberrechtsreform dürfte Internetplattformen bald dazu zwingen, Upload-Filter einzurichten. Wie sich das Internet dann anfühlen wird, kann man allerdings heute schon erleben.

Konservative Politiker rollen ja gerne mit den Augen, wenn das Wort „Upload-Filter“ fällt, denn davon stünde schließlich nichts im Gesetzesentwurf, der am 12. September im EU-Parlament verabschiedet wurde. Nach Artikel 13 werden alle größeren Internetplattformen in Zukunft dafür haften müssen, wenn ihre Nutzer urheberrechtlich geschütztes Material veröffentlichen. Anbieter, auf deren Websites sich täglich Tausende oder gar Millionen von Nutzern befinden, können dem Gesetz eigentlich nur dadurch genügen, dass sie Upload-Filter einrichten.

Solche Filter gibt es schon seit längerer Zeit, etwa das von Youtube bekannte Content ID. Jedes hochgeladene Video wird per digitalem Fingerabdruck mit einer Datenbank abgeglichen und gesperrt, sobald es geschütztes Material zu enthalten scheint. Dabei geht schon lange allerlei schief. So wurde diesen Sommer erst der Youtuber Paul Davids gesperrt, obwohl es sein eigenes Material war, das er hochgeladen hatte. Content ID betrifft nur Videos und Musik auf Youtube, die Urheberrechtsreform allerdings auch Bilder, Text, Programmcode und alles, was sich urheberrechtlich schützen lässt.

Kürzlich durfte ich einen kleinen Vorgeschmack davon erleben, wie sich ein Internet anfühlen könnte, in dem Upload-Filter allgegenwärtig sind. Auf meinem Google+-Account veröffentlichte ich einen Link zu Yahoo Finance. In dem Artikel geht es um eine kanadische Versicherungsgesellschaft, die künftig nur noch Lebensversicherungen an Kunden verkaufen will, die sich bereit erklären, einen Fitness-Tracker zu tragen. Die Überschrift lautete: „Strap on the Fitbit: John Hancock to sell only interactive life insurance“. Mein Kommentar dazu: „That’s exactly how we shouldn’t allow things to develop.“

Post innerhalb von 5 Minuten gesperrt

Innerhalb von fünf Minuten verschwand dieser Post und ich erhielt zwei E-Mails von Google. Ich habe mit meinem Post angeblich gegen die „Inhalts- und Verhaltensrichtlinien von Google+ und somit auch gegen die Nutzungsbedingungen von Google+“ verstoßen. „Entfernungsgrund: Eindeutig sexuelles Material“, heißt es wörtlich in der Mail. Nun weiß ich nicht, was genau an meinem Post „sexuelles Material“ sein soll, aber das Auftreten der Wörter „Strap on“ und „Hancock“ dürften einen Algorithmus getriggert haben.

Eine Möglichkeit, zu widersprechen, fand ich weder in der Mail noch auf den Support-Seiten von Google. Wenn es sie gibt, ist sie sehr gut versteckt. Für mich als Nutzer ist die Situation kafkaesk. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden kann. Ich weiß nicht, ob bei Google ein Counter hochgesetzt wurde, der meinen Account bei wiederholten „Verstößen“ ganz sperrt. Und ich weiß nicht, ob davon nur Google+ betroffen ist oder auch andere Dienste wie etwa Google Mail. Je nachdem, um welche Plattform es sich handelt und wie sehr man auf sie angewiesen ist, kann so etwas also durchaus haarig werden.

Ein algorithmisches Missverständnis

Klar kommen jetzt ein paar Witze der Sorte „Haha, Google+ gibt es noch?“. Sicherlich handelt es sich um einen Fehler, ein Missverständnis, einen lausig programmierten Algorithmus. Allerdings frage ich mich, wie Upload-Filter in Zukunft wohl aussehen werden, wenn sogar Google eine solche Fehlleistung abliefert. Immerhin steht die Suchmaschine im Ruf, mit die am meisten fortgeschrittenen Systeme zur Content-Kontrolle und Filterung zu besitzen, die vom Nimbus künstlicher Intelligenz umgeben sind.

Besonders übel stößt mir auf, dass es sich um eine politische Äußerung handelt, die hier unterdrückt wurde – wenn auch versehentlich. Dies ist natürlich noch nicht die Urheberrechtsreform, sondern nur Googles Versuch, die eigenen Community-Standards durchzusetzen. Aber es ist ein Vorgeschmack auf die kommenden Upload-Filter. Anhand dieses Zwischenfalls kann man sich leicht vorstellen, was die Urheberrechtsreform für soziale Medien, die Mem-Kultur, Online-Flohmärkte, Let’s-Play-Videos und sogar für Sportfans bedeuten wird. Die Urheberrechtsreform geht übrigens demnächst in ihre letzte Runde. Im so genannten Trilog verhandeln Parlament und Kommission und EU-Rat über den Gesetzesentwurf, bevor voraussichtlich im Frühjahr 2019 ein letztes Mal darüber im Parlament abgestimmt wird. Diese Abstimmung wird die letzte Chance, solche Filter noch zu verhindern.

Passend dazu: Das EU-Parlament beerdigt das freie Netz

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2 Kommentare
Mentalresilienz
Mentalresilienz

„Mem-Kultur“ scheiße Opa was hast du denn geraucht?

Antworten
Stefan
Stefan

Opa wollte Meme Culture sagen und du bleibst demnächst hoffentlich dauerhaft in einem Upload-Filter hängen. https://i0.kym-cdn.com/photos/images/facebook/000/187/902/grandpaAngry.jpg

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