Warum in einem angesagten Kosmetikmittel ein echter medizinischer Nutzen stecken könnte

MedSpas und Kosmetikkliniken bieten Exosomen-"Therapien" an. Dabei ist nicht genau klar, um welche Inhaltsstoffe es sich dabei handelt und was sie bewirken. (Symbolbild: Adobe Stock)
Exosomen werden als neues heißes Schönheitsmittel, als Jungbrunnen und generell als Allheilmittel für eine ganze Reihe von Krankheiten angepriesen. Tatsächlich wissen wir nicht genau – trotz aller Versprechungen der sogenannten Med-Spas und Kosmetikkliniken, die Unmengen von Geld für Exosomen-„Therapien“ verlangen – um welche Inhaltsstoffe es sich dabei handelt und was sie bewirken. Eine Empfängerin drückte es nach ihrer Exosomen-Behandlung so aus: „Ich habe das Gefühl, dass es sich dabei um ein bisschen Gesundheitsmarketing-Bullshit handelt.“ Wissenschaftliche Belege für ihre Wirksamkeit gibt es jedenfalls nicht.
Tatsache aber ist: Exosomen, die im Fachjargon auch extrazelluläre Vesikel heißen, gibt es wirklich. Biolog:innen verstehen darunter jene winzig kleinen Bläschen, die sich von Zellen ablösen und dabei ein Stück der Zellmembran als Hülle mitnehmen. Sie enthalten eine Mischung aus Proteinen und anderen Komponenten. Früher glaubte man, dass es hauptsächlich zellulärer Müll sei. Aber inzwischen denken Wissenschaftler:innen, dass sie auch wichtige Signale zwischen Zellen und Geweben übermitteln.
Zahlreiche Forschungsarbeiten versuchen, diese Signale und die genaue Funktion von Exosomen besser zu verstehen. Untersucht wird nicht nur, wie diese winzigen Partikel die Kommunikation zwischen Zellen unterstützen, sondern tatsächlich auch, wie sie zur Diagnose oder Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden können. Es könnte zwar noch länger dauern, bis diese Art von Exosomen-Anwendungen in die Klinik gelangen, aber wenn sie es tun, werden sie zumindest evidenzbasiert sein.
Was verraten Exosomen über uns?
Welche Signale Exosomen übermitteln, wird noch erforscht. Aber der Inhalt von Exosomen aus Krebszellen wird sich wahrscheinlich etwas von jenem aus gesunden Zellen unterscheiden. Daher hoffen viele Wissenschaftler:innen, dass sich Exosomen eines Tages zur Diagnose von Krankheiten eingesetzen lassen. Theoretisch könnte man Exosomen aus einer Blutprobe isolieren, ihren Inhalt untersuchen und so herausfinden, was in den Zellen einer Person vor sich geht.
Exosomen könnten etwa Hinweise darauf liefern, wie gestresst oder dem Tod nahe eine Zelle ist. Sie könnten auch auf das Vorhandensein eines Tumors hinweisen. „Ich glaube, dass Exosomen wahrscheinlich einen forensischen Fingerabdruck davon liefern, was die Zellen durchmachen“, sagt Raghu Kalluri, der als Krebsbiologe am MD Anderson Cancer Center in Houston diese Möglichkeit untersuchen.
Aber diese Signale zu verstehen, wird nicht einfach sein. Exosomen von Krebszellen könnten Signale an umliegende Zellen senden, um sie zu „unterwerfen“, damit sie das Wachstum des Krebses unterstützen, sagt Kalluri. Zellen in der Umgebung eines Tumors könnten auch Notsignale aussenden, die das Immunsystem alarmieren, damit es sich gegen den Tumor wehrt. „Es gibt definitiv eine Rolle für diese Exosomen bei der Krebsentwicklung und Metastasierung“, sagt er. „Worin diese Rolle genau besteht, ist derzeit ein aktives Forschungsgebiet“.
Wie könnte man Exosomen in der Medizin nutzen?
Exosomen könnten auch für die Verabreichung von Medikamenten nützlich sein. Schließlich sind sie im Wesentlichen kleine Pakete aus Proteinen und anderen Stoffen, die zwischen den Zellen hin- und hergeschoben werden können. Warum sollte man sie nicht mit Medikamenten füllen und sie gezielt in bestimmten Regionen des Körpers einsetzen?
Da Exosomen in unserem Körper hergestellt werden, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie als „fremd“ angesehen und von unserem Immunsystem abgestoßen werden. Und die äußere Schicht eines Exosomens kann als Schutzmantel dienen, der das Medikament vor dem Abbau schützt, bis es seinen Bestimmungsort erreicht, sagt James Edgar, der sich an der Universität Cambridge mit Exosomen beschäftigt. „Das ist eine wirklich attraktive Methode für die Verabreichung von Medikamenten“, sagt er.
Dave Carter ist einer der Wissenschaftler, die an einer solchen Methode arbeiten. Mit seinen Kolleg:innen von Evox Therapeutics in Oxford will er Zellen so verändern, dass sie Wirkstoffe produzieren, diese von Exosomen ins Gehirn transportieren lasssen, wo sie zur Behandlung seltener neurologischer Krankheiten beitragen könnten. Diese Wirkstoffe könnten die Zellen dann in Exosomen freisetzen.
Im Labor können Carter und seine Kolleg:innen fast alles an den Exosomen, die sie untersuchen, verändern. Sie können ihren Inhalt festlegen, indem sie sie mit Proteinen oder Viren oder sogar mit gentechnisch veränderten Therapien beladen. Sie können die Proteine auf ihrer Oberfläche so verändern, dass sie auf verschiedene Zellen und Gewebe abzielen. Und: Es lässt sich kontrollieren, wie lange Exosomen im Blutkreislauf eines Tieres bleiben. „Ich habe schon immer gerne mit Lego gespielt. Ich fühle mich, als würde ich mit Lego spielen, wenn ich mit Exosomen arbeite“, sagt Carter.
Haben Exosomen selbst eine Wirkung?
Andere Forscher:innen hoffen, dass Exosomen selbst eine Art therapeutischen Wert oder sogar eine gewisse Regenerationsfähigkeit haben könnten, wenn sie beispielsweise aus Stammzellen gewonnen werden. Ke Cheng von der Columbia University in New York ist an der Idee interessiert, Exosomen zur Behandlung von Herz- und Lungenkrankheiten einzusetzen. Mehrere Vorstudien deuten darauf hin, dass Exosomen aus Herz- und Stammzellen Tieren wie Mäusen und Schweinen helfen könnten, sich von Herzverletzungen nach einem Herzinfarkt zu erholen.
Sucht man auf der Webseite „clinicaltrials.gov“, auf der alle angemeldeten klinischen Studien in den USA verzeichnet werden, nach dem Stichwort „Exosomen“, finden sich mehr als 400 Treffer. Diese Studien befinden sich jedoch noch in einem frühen Stadium und sind von unterschiedlicher Qualität.
Dennoch ist es eine spannende Zeit für die Exosomenforschung. „Es handelt sich um ein wachsendes Feld. Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren eine Menge aufregender Wissenschaft erleben werden“, sagt Cheng. „Ich bin sehr optimistisch.“