Interview

Wirtschaftsphilosoph: „Wir brauchen ein neues ökonomisches Betriebssystem“

„Da müssen wir uns trauen, die Arbeiten von Karl Marx zu lesen und für das 21. Jahrhundert neu zu interpretieren“, findet Anders Indset. (Foto: Kurier Jeff Mangione)

Wir haben mit dem norwegischen Philosophen Anders Indset über künstliche Intelligenz, den Unterschied zwischen echt und virtuell und über Karl Marx gesprochen.

Anders Indset ist der Auffassung, dass wir ein neues Gesellschaftssystem brauchen, um die Entwicklungen im Bereich KI beherrschen zu können. Wir können schon heute nicht mehr unterscheiden, was real und was virtuell ist. Und wir haben keine Maßstäbe und emotionale Reaktion dafür, wie wir damit umgehen, was da auf uns zurollt.

t3n: Anders, du bezeichnest dich als Optimist, entwirfst aber ein düsteres Bild der Zukunft mit künstlicher Intelligenz. Wie passt das zusammen?

Anders Indset: Es ist der Irrglaube, wir könnten Gottähnlichkeit, Unsterblichkeit und Glückseligkeit in einen externen Algorithmus packen. Das würde uns überflüssig machen oder unsere Lebensgrundlage zerstören. Ich bin positiv und gehe immer vom Menschen aus. Wir kommen aus einer fatalen Informationsgesellschaft. Alle wachen wir jeden Tag ein wenig dümmer auf. Die Summe an Informationen, das was wir wissen könnten, steigt täglich exponentiell. Hinzu kommt, dass die letzten IQ-Tests aus Norwegen sogar zeigen, dass nach vielen Jahrzehnten des Anstiegs mit dem sogenannten Flynn-Effekt auch der IQ nun leicht zurückgeht.

Wir wollen das nun mit einer Wissensgesellschaft kompensieren, indem wir alles auf eine Maschine übertragen. Die Maschine wird das auch gut machen, aber in einem künstlichen Korsett, das der Mensch vorgibt.

Für mich liegt der Fokus auf der Entwicklung der Gesellschaft. Wenn wir die Disziplinen noch viel stärker untereinander vernetzen, können wir eine Gesellschaft des Verstandes entwickeln. Wir verstehen dann, was wir uns gerade technologisch bauen. Der Fokus muss auf den alten philosophischen Fragen bleiben.

t3n: Fragen wie: Was ist echt und was virtuell?

Bisher konnten wir ganz klar zwischen Computer und Mensch trennen. Jetzt sehen wir die ersten Züge der Verschmelzung. Virtuelle Charaktere treten uns entgegen als Roboter oder Avatare. Aber das ist ja nur der Anfang. Wir werden es zunehmend schwerer haben, virtuell und echt zu unterscheiden, denn was wir heute als echt bezeichnen, sind ja Geschichten, auf denen wir unser Verständnis von Realität aufgebaut haben. Für uns ist echt, was wir sinnlich begreifen können oder die Menschheit gelernt hat. Wenn die KI irgendwann selbstständig wird, reicht das nicht.

Dann können wir nur von der subjektiven Wahrnehmung her kommen. Denk zum Beispiel an dieses Telefongespräch. Vor wenigen Jahren noch war eindeutig: Da sprechen Menschen. Heute weiß ich nicht mit Sicherheit, ob du ein Bewusstsein hast oder ein Avatar bist. Ich kann nur das aufnehmen, was bei mir ankommt und wie es wirkt. Das liegt auch daran, dass wir nur unser eigenes Bewusstsein wahrnehmen. Wir können nur mit dem Gefühl umgehen, wie es sich anfühlt, irgendetwas zu sein, aus der eigenen Perspektive betrachtet.

Insofern sind die Konzepte von Singularität oder Posthumanismus dystopische Reisen, die wir nicht machen müssen. In Zukunft geht es nicht mehr um die Frage „Was machen diese Maschinen mit uns?“, sondern wir müssen uns überlegen: Was wollen wir eigentlich? Wie wollen wir leben? Welche Zukunft ist für uns erstrebenswert? Noch können wir den Maschinen ja auch Grenzen setzen.

t3n: Es ist also gleichgültig, ob ein Influencer im Netz wirklich existiert oder ob er erfunden ist?

Für mich ist es völlig irrelevant, ob es sich um einen Menschen oder Avatar handelt, der mir etwas erzählt. Wenn ich etwas spüre, wenn ich mich begeistern lasse, dann nehme ich das als echt wahr. Natürlich wird die KI irgendwann den Turing-Test bestehen. Das kann in fünf oder 500 Jahren soweit sein. Aber ist das dann der perfekte Mensch oder ist es nur besser darin, den Menschen in allen Belangen nachzuahmen? Das ist eine Frage der Perspektive.

Ich sehe keinen Nachteil darin, wenn ein virtueller Influencer zur Aufklärung beiträgt. Ich nehme hier nur etwas Abstand vom Begriff Influencer. Das, was wir heute als Influencer sehen, sind Werbeträger, die uns zum Kauf von Produkten manipulieren wollen. Aber es wachsen Mentoren heran oder Aufklärer. Das sehen wir in den USA schon. Da gibt es nächtelang in Podcasts sehr tiefgründige Diskussionen. Die Bedeutung der Werbe-Charaktere, die wir heute Influencer nennen, wird dramatisch schnell zurückgehen, weil es die Menschen langweilen wird.

Wenn wir nur auf das Jetzt schauen, greift die Analyse zu kurz. Jetzt geht es viel um Marketing und Geldmacherei. Aber was passiert in zehn Jahren? Wo geht die Gesellschaft hin? Welchen Einfluss haben virtuelle Charaktere auf Bildung, auf Politik?

t3n: Wenn es gute Mentoren im Netz gibt, wird das Bildungssystem angegriffen.

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2 Kommentare
Anti Marx
Anti Marx

„Ja, wenn wir Karl Marx lesen und uns nicht von den sozialistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts blenden lassen“
Genau, lasst euch nicht blenden von den 100Mio Toten. Lasst es uns endlich nochmal probieren.

Wirklich schade, dass eine der beiden tödlichsten Weltanschauungen aller Zeiten überlebt hat.

Antworten
Titus von Unhold
Titus von Unhold

Schade dass es noch immer verblendete Spezialexperten gibt die versuchen Marx Dinge in die Schuhe zu schieben für die er nichts kann. Übrigens hat der Kapitalismus viel mehr Tote auf der Strichliste als die Irren Knallköppe die sich auf Marx und Lenin berufen haben.

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