Reportage

Fynn Kliemann: Der Elon Musk aus Rüspel

(Foto: Jan Helge Petri)

Fynn Kliemann ist Heimwerkerkönig, Software-Entwickler und neuerdings auch Musiker. Jetzt plant der 28-Jährige den nächsten Coup: eine Kreativkommune mit ­angeschlossener Kryptowährung. Wie tickt jemand, der keine Angst hat, zu versagen?


Die Detonation erschüttert das winzige Dorf Rüspel in ­Niedersachsen kurz vor Weihnachten 2017. Ahnungslos sitzen die 248 ­Einwohner an einem nieseligen Adventssonntag bei Gebäck und Kerzenschein in ihren Häusern, als sie durch den lauten Knall vom Acker nebenan aufgeschreckt werden.

Der Übeltäter: Fynn ­Kliemann. Der 28-Jährige hat mal wieder gebastelt – und es diesmal wirklich übertrieben. Während die Dorfbewohner noch rätseln, was da draußen vor ihren Fenstern gerade passiert ist, wissen Hunderttausende in den sozialen Netzwerken schon ­Bescheid: Kliemann hat mit befreundeten Pyrotechnikern einen riesigen Penis in sein Grundstück gesprengt. 100 Meter lang, so groß wie ein Fußballfeld. Zeitungen werden später berichten, die Druckwelle sei noch 30 Kilometer von Rüspel entfernt zu ­spüren gewesen. Willkommen im Kliemannsland: dem Zuhause von Deutschlands wohl größenwahnsinnigstem Internetunternehmer.

Ein Kaff digitalisiert sich

Internetunternehmer mit Größenwahn. Das heißt bei Fynn ­Kliemann konkret: Sich selbst den Heimwerker-King nennen, Youtube-Sternchen und Agenturbetreiber gleichzeitig sein, dazu Softwareentwickler und, ach ja, neuerdings auch Musiker. Kliemann, zerzaustes Haar und stets im Skaterlook unterwegs, ist sowas wie der Elon Musk aus Rüspel. Randvoll mit Ideen, always on, niemals ausge­schlafen. Erst recht, wenn man nebenbei noch einen eigenen „Staat“ zu regieren hat.

Der Eingang zum Kliemannsland in Rüspel. Hier arbeitet Youtube-Sternchen Fynn Kliemann an einer neuartigen Kreativ-Kommune. (Foto: © Jan-Helge Petri)

Der Eingang zum Kliemannsland in Rüspel. Hier arbeitet Agenturgründer, Programmierer und Youtube-Sternchen Fynn Kliemann an einer neuartigen Kreativ-Kommune. (Foto: © Jan-Helge Petri)

Wobei das Kliemannsland, so nennt Fynn seinen drei Hektar großen Freiluftspielplatz zwischen Hamburg und Bremen, von außen nach allem aussieht, bloß nicht nach Zivilisation. Ein Besuch an einem sonnigen Septembertag: Der ehemalige Reiterhof liegt verschlafen an der Dorfstraße von Rüspel, grüne Scheunen und ein Backsteinhaus säumen die Einfahrt. Auf dem Maisfeld gegenüber schrauben Bauern an einem Traktor herum, es riecht nach Kuhmist. Mehr Kaff geht nicht.

Hinter dem Bretterzaun des Gehöfts aber offenbart sich eine groteske Parallelwelt: Verkatert wirkende Gestalten klettern mit Smartphones bewaffnet aus Zelten und bunt bemalten Wohnwagen, unweit von einem Tümpel, in dem ein U-Boot vor Anker liegt. Eine junge Frau in Pyjama schleppt sich an Krücken über den Hof. Sie hat sich beim Skateboardfahren mehrfach das Becken gebrochen, erzählt sie. Eine Tafel an der Scheune zeigt an, wie viele Tage seit dem letztem Unfall verstrichen sind: null. Flankiert wird das Gelände von meterhohen Holztürmen, die zwischen Pferdeställen und Gemüsegärten aussehen, als würde hier eine Festung gegen Zombies verteidigt.

Tatsächlich beherbergt das Kliemannsland schon mehr Menschen, als Rüspel überhaupt Einwohner hat. Zumindest digital. Über 50.000 sind es, die sich online als Bürger registriert haben, um sich am Aufbau der utopisch-interaktiven Kommune zu beteiligen. Wer als Neubürger akzeptiert wird, erhält einen Ausweis und kann sich durch regelmäßige Besuche um Belohnungs­stempel verdient machen.

Hier geht’s zu den besten Fotos aus dem Kliemannsland

Die Kliemannsländler renovieren dann zum Beispiel das alte Gasthaus, bauen Duschen und Schlafsäle und installieren WLAN-Hotspots. Auch ein Café haben sie schon in Betrieb genommen. Woran auf dem Hof in Rüspel gearbeitet wird, darüber entscheidet ein demokratisches System: Über die Onlineplattform Fynnder bringen die Kliemannsländler neue Projektvorschläge ein, die andere mit „Fynnd ich gut“ oder „Fynnd ich kagge“ bewerten können. So wird abgestimmt, ob etwa eine neue Wetterstation oder ein Lagerfeuerplatz gebaut werden.

Ihr König, Fynn Kliemann, sieht darin zwar noch keine Gesellschaftsutopie, aber durchaus eine neue Form des Zusammenlebens: „Hier hinter dem Zaun ist die Welt noch heile“, sagt ­Kliemann, der statt einer Krone eine rosafarbene Wollmütze auf dem Kopf trägt. Während sich draußen die politische Groß­wetterlage verdüstert, der Fremdenhass zunimmt, ist im ­Kliemannsland jeder willkommen. Zwischen den Bewohnern gebe es keine Unterschiede, sagt der 28-Jährige. Was zählt, sei allein der Wille zum Anpacken. „Jeder kocht hier sein eigenes kleines Süppchen und zusammen wird das dann ein riesengroßer geiler Brei.“

An diesem Tag steht jedoch kein Projekt an, das die Menschheit ernsthaft voranbringen würde. Eine Badewanne, kein Witz, soll als Anhänger an einen motorisierten Buggy befestigt werden. Einziges Ziel: Ein lustiges Video für Fynns Youtube-Kanal. Ein Kamerateam in abgewetzten Klamotten wartet schon.

Kliemann und seine Freunde wollen eine Badewanne an einen Motorbuggy montieren. Dabei geht so einiges schief. Die Abonnenten auf Youtube freut's. (Foto: © Jan-Helge Petri)

Kliemann und seine Freunde wollen eine Badewanne an einen Motorbuggy montieren. Dabei geht so einiges schief. Die Abonnenten auf Youtube freut’s. (Foto: © Jan-Helge Petri)

Doch zuerst muss Kliemann noch eine Runde mit dem Buggy drehen. Unangeschnallt hüpft er in das stählerne Gefährt und brettert los, wirbelt Erdhaufen auf und überschlägt sich nach einer zu heftigen Linkskurve. Gezerrter Po-Muskel, qualmender Motor, lautes Gelächter. Dann werden die Ärmel hochgekrempelt: Stundenlang schweißen, schrauben und bohren ­Kliemann und seine Freunde an dem Buggy herum. Funken fliegen, ­irgendwann verbrennt sich der Kameramann an einer frischen Schweißnaht. „Brauchst mal‘ne Kühlung, Kumpel?“, ruft Fynn und wickelt ihm mit schwarzem Gaffer-Tape eine Kaltkompresse um den verwundeten Unterarm.

Es sind Momente wie diese, die Kliemann eine Fangemeinde weit über die Dorfgrenzen von Rüspel hinaus eingebracht haben. Er redet astreines Norddeutsch („Packst mit an oder wat!?“), klopft Sprüche („Beton ist das Metall unter den Hölzern!“) und verkörpert den mitreißenden Nachbarsjungen von früher, an dessen Haustür man nach den Hausaufgaben immer zuerst klingelte. Wohin das führt, zeigte sich an einem Wochenende im September, als in Rüspel mal wieder Ausnahmezustand herrschte. Fynn hatte zum „SchnabuTröMaTa“ geladen, ein Mix aus ­Trödelmarkt und Grillfest. Im Dorf sind solche Anlässe eine Angelegenheit für ein paar hundert Besucher. Im Kliemannsland waren es Zehntausend. Der Acker, der Straßenrand: zugeparkt.

Wenn Kliemann darüber nachdenkt, dann schüttelt er immer noch ungläubig den Kopf. Denn eigentlich hatte er den Hof vor Jahren nur gekauft, um endlich niemandem mehr auf die Nerven zu gehen, wenn er mit Freunden seinen Bewegungsdrang aus­leben wollte. „Bisschen mit dem Traktor rumbrettern, ­Tischkicker bauen, Raketen zünden. Das war der Plan“, sagt Kliemann, der selber davon ausgeht, dass er ADHS hat. Doch wie so oft im Leben des 28-Jährigen ging der Plan erst einmal schief. Schon bald pilgerten Menschen aus ganz Deutschland nach Rüspel, die, so erzählt es Kliemann, den Hof mithilfe von Google Maps und Sternen­konstellationen ausfindig machten. Erst waren es eine Handvoll, dann ganze Horden. Wie konnte es soweit kommen?

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Ein Kommentar
Sesha Ron
Sesha Ron

2028: Das lange belächelte Raumfahrtprojekt „Rüspacel“ des norddeutschen Visionärs Finn Kliemann hat nun erfolgreich die erste wiederverwendbare Rakete aus komplett biologisch abbaubaren Materialien zur Niedersächsischen Raumstation NRS in der äußeren Mondumlaufbahn gestartet.