Reportage

Köttbullar aus dem 3D-Drucker! Wie Ikea zum Tech-Konzern aufsteigen will

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Wohin die Reise geht, zeigt das Beispiel Smart Home: Vor zwei Jahren brachte Ikea ein intelligent steuerbares Beleuchtungsset auf den Markt. Die LED-Birnen lassen sich per App dimmen, ein- und ausschalten und in mehreren Stufen von warmem auf kaltes Licht umschalten. Ansprechbar sind die Leuchten seit Kurzem auch über gängige Sprachassistenten wie Siri oder ­Alexa. Außerdem besteht das Mobiliar der Schweden nicht mehr nur aus Schrauben und Holzdübeln. So wurde ein Teil des Sortiments – darunter Nachttische, Lampen und Schreibtische – mit induktiven Ladeflächen des offenen Qi-Standards ausgestattet, die Smartphones oder Tablets kabellos mit Strom versorgen.

Der Schritt ins Internet der Dinge scheint naheliegend. ­Bisher fristen Smart-Home-Anwendungen entgegen der Voraussagen vieler Trendscouts ein Nischendasein. Die Technik ist teuer, umständlich und oft nicht mit Geräten anderer Hersteller kompatibel. Vor diesem Hintergrund darf sich der Ikea-Konzern – auch, wenn seine Geräte funktionstechnisch limitiert sind – gute Chancen auf eine erfolgreiche Markterschließung ausrechnen: Durch einfache Bedienung, günstige Preise und offene Schnittstellen können die Schweden ihre Heerscharen an Kunden behutsam an die Technik gewöhnen. Das soll sich langfristig auszahlen: „Ikeas Schachzug, alle intelligenten Assistenten zu unterstützen, wird eine viel größere Käuferschicht ansprechen, als es je mit nur einem Assistenten möglich wäre“, sagt etwa Adam Wright vom Marktforschungsunternehmen IDC. Dem Analysten für Verbraucherelektronik zufolge könnte Ikea sich zu einem ernstzunehmenden Player im Internet der Dinge entwickeln.

Die Einführung weiterer Smart-Home-Produkte hat der ­Konzern jedenfalls schon in Aussicht gestellt. Denkbar wären beispielsweise smarte Lautsprecher, Thermostate oder die ­Steuerung von Rollläden und Heizungsanlagen aus der Ferne. Wächst Ikea langsam, aber sicher zu einer Technologie-Firma ­heran? Auch wenn ein vor Jahren präsentierter, smarter Fernseher floppte: Die Schweden scheinen fest zum Kurswechsel entschlossen. In Amerika verkauft der Konzern seit neuestem Solaranlagen samt Hausbatterie, und erste ­Prototypen für intelligente Küchenarbeitsplatten mit virtuellem Kochassistent gibt es auch schon.

Gründer zu Gast in Älmhult

Trotzdem liegen die Innovationen bei Ikea nicht schlüsselfertig im Regal. Angesichts von mehr als 186.000 Mitarbeitern, weitverzweigter Konzernstrukturen mit dem Ziel der größtmöglichen Steuervermeidung und der Fokussierung auf das Stammgeschäft fehlen dem Möbelriesen naturgemäß die Ressourcen, um neue und disruptive Geschäftsmodelle im Alleingang zu erfinden. Nach dem Vorbild großer Techfirmen wie Google oder Microsoft setzt Ikea deshalb auf das Know-how junger Gründer. Erst im September wurde am Stammsitz in der schwedischen Provinz Älmhult ein eigener Startup-Inkubator eröffnet. Zwischen turmhohen Bücherregalen, frischen Köttbullar und bunten Sitzsäcken sollen Gründer im „Ikea Bootcamp“ an Geschäftsideen arbeiten, die das Einkaufserlebnis des Möbelkonzerns irgendwann einmal prägen könnten. Konkret denkt Ikea an Technologien wie 3D-Druck, Chatbots, Lieferdrohnen und das Internet der Dinge.

Einer dieser Gründer ist Christoph Hantschk. Der ­Österreicher hat sich mit zehn weiteren Jungunternehmen gegen 1.200 Bewerber durchgesetzt, vor Ort darf er an seiner Idee für eine neuartige Einkaufstasche feilen. Die „Goodbag“ des Unternehmers ist ein elektronischer Jutebeutel mit integriertem NFC-Chip, der kontaktlos an der Kasse gescannt werden kann. „Bei jedem Einkauf bekommen Kunden exklusive Rabatte, vermeiden unnötigen Müll und Händler unterstützen Baumpflanzungen mit einer Spende“, sagt Hantschk über das Konzept. Noch ist die Zahl teilnehmender Ladengeschäfte zwar gering. Doch im Filialnetz des Möbelriesen sieht der 32-Jährige einen vielversprechenden Hebel. „Ikea hat mit dem blauen Plastikbeutel die bekannteste wiederverwendbare Tragetasche der Welt“, sagt Hantschk. Gleichzeitig verfüge der Konzern mit Ikea Family über ein riesiges Kundenbindungsprogramm. „Mit der Goodbag bieten wir eine smarte Einkaufstasche, die in jedes bestehende Kundenbindungs­programm integriert werden kann und Menschen motiviert, die eigene Tragetasche öfter zu verwenden“, sagt der Gründer. Daran glauben allem Anschein nach auch die Manager bei Ikea. Bis zum Jahresende soll Hantschk einen funktionstüchtigen Prototypen für den möglichen Einsatz in den Möbelhäusern entwickeln.

In Älmhult erhält er für drei Monate eine kostenlose Unterkunft, Arbeitsplätze sowie Schulungen durch erfahrene Mentoren. Außerdem gewährt Ikea ihm Zugang zu den konzerneigenen Testlaboren und einen Zuschuss über 20.000 Euro für die Entwicklung des Produkts. Anteile müssen er und die anderen Gründer nicht abgeben. Ikea lockt mit der Aussicht auf den ­ersten Großkunden, eine Übernahme der Technologie in Lizenz oder ­einem späteren Investment in eines der Startups.

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Ein Kommentar
3ddruckfan
3ddruckfan

Intersessant und nachvollziehbra, dass Ikea die Kundem eher vor Ort haben will. Allerdings ist ein Umdenken der Strategie online meiner Meinung nach nötig, auch wenn dies dem eigentlichen Business Plan vielleicht wiederspricht.
Mit freundlichen Grüßen
Joel von 3D Drucker kaufen.info