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Sabbaticals: „Hey Chef, ich muss mal raus!“

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In Letzterem liegt tatsächlich oftmals der Knackpunkt. Viele, vor allem kleine und mittlere Unternehmen, fürchten, dass die Mitarbeiter nach einer längeren Auszeit gar nicht mehr zurückkommen und sie sich einem teuren und langwierigen ­Recruiting-Prozess stellen müssen. Dass das durchaus passieren kann, beweist Thomas Schmitt. Wie Claudia Sittner und ihr Lebensgefährte haben auch er und seine Frau sich für ein Sabbatical entschieden, um knapp ein Jahr lang zu reisen. Mit dem Unterschied, dass der Marketingmanager nicht wieder an seinen alten Platz zurückgekehrt ist. Das lag vor allem an einem persönlichen Sinneswandel: „Ich wollte nicht wieder ins gleiche Schema verfallen, in dem ich mich jahrelang bewegt hatte“, erklärt Schmitt. „Ich weiß, dass mich eine Rückkehr zu meinem alten Arbeitgeber wieder komplett zurückgeholt hätte und viele der neuen Erfahrungen verflogen wären“, erklärt er. Wer über Monate die Welt bereist und in Länder wie Japan und Singapur oder Australien und Neuseeland längere Zeit eintaucht, kommt in der Regel verändert zurück. „Ich war entschlossen, etwas Neues zu finden.“

So suchte er schon zum Ende seiner Reise nach einem neuen Arbeitgeber. Er blieb zwar in seinem Beruf, den er nach wie vor gerne macht, wollte jedoch einen Tapetenwechsel für sich: „Noch von unterwegs aus habe ich mich nach anderen Stellen umgeschaut und Bewerbungen verschickt“, erzählt der Marketing­experte. „Bereits in der ersten Woche nach meiner Rückkehr hatte ich mehrere Gespräche und in der dritten Woche habe ich meinen neuen Job bei einem neuen Arbeitgeber angetreten.“ Der alte Chef wiederum nahm es ihm nicht übel. Da die Agentur aufgrund ausgefallener Aufträge in eine finanzielle Schieflage geraten war und für viele Mitarbeiter deshalb Kurzarbeit anstand, verstand er das Vorhaben sogar und wünschte alles Gute. Rückblickend spricht Thomas Schmitt von der besten Entscheidung seines Berufs­lebens. Die Organisation des Sabbaticals und die Menschen, die er getroffen habe, hätten ihn extrem geprägt. Es sei ihm vorher nicht bewusst gewesen, welche Auswirkungen so eine Auszeit auf ihn haben könnte. „Diese Erfahrung kann mir niemand mehr nehmen“, resümiert der Erlangener. Er hat auf seiner Reise tatsächlich gefunden, was er gesucht hat.

(Abbildung: t3n)

(Abbildung: t3n)

Eine andere Angst, die Arbeitgeber umtreibt, liegt im ­Organisationsaufwand. Vor allem braucht es eine oder mehrere Vertretungen. Aufgaben müssen neu verteilt werden. Nicht selten ist sogar externe Unterstützung nötig. Und die braucht wiederum gute Übergabeprotokolle. Lars Hünninghausen winkt das Argument jedoch fast schon süffisant lächelnd ab. „Das verhält sich kaum anders als bei einer Elternzeit“, erklärt der Bahnmanager. „Die bekommt doch auch jedes Unternehmen gewuppt.“ ­Thomas Schmitt pflichtet ihm da bei. „Ein Sabbatical zu organisieren, ist nicht ohne“, erklärt er. Da gibt es viele Fragen zu klären: Was passiert mit der Wohnung? Wo kann man Dinge einlagern? Welche Versicherungen kann man pausieren? „Im Job war es dagegen eher so wie vor einem großen Urlaub: Themen vorbereiten, Projekte dokumentieren, Ansprechpartner informieren.“ Mit genügend Vorlaufzeit habe das bestens geklappt. Ein Jahr vorher hat Thomas Schmitt damit begonnen, alles zu organisieren. Für Lars Hünninghausen mehr als genug Zeit. Bei der Bahn bräuchten nur wenige Mitarbeiter mehr als ein paar Wochen Zeit für die Übergabe.

Was ist die bessere Alternative?

Ob ein Arbeitgeber sich dafür entscheidet, dem Mitarbeiter eine Auszeit zuzugestehen, ist also häufig einfach eine Frage des ­Wollens. Lars Hünninghausen plädiert dafür, sich dem Anliegen des Mitarbeiters nicht direkt zu versperren: „Die Frage ist ja ­immer: Was ist die bessere Alternative?“, so der Berliner. Stelle man die Person nicht frei, würde sie entweder direkt kündigen oder aber so demotiviert sein, dass sie spätestens in ein paar Monaten gehe, fasst der Bahnmanager zusammen. Wer sich offen zeige und die Auszeit vernünftig plane, bekomme in der Regel einen zufriedeneren Kollegen zurück. „Bei uns sind vielleicht mal ein bis zwei der leitenden Angestellten nicht zurückgekommen“, erklärt er, „eindeutig Ausnahmen.“ Lars Hünninghausen weiß natürlich, dass ein Konzern wie die Deutsche Bahn anderen Spielregeln unterliegt als ein kleines oder mittleres Unternehmen. Trotzdem gibt er zu verstehen, dass der vorherrschende Fachkräftemangel vieler Branchen sich nicht nach der Größe der Unternehmen richtet. Egal, ob DAX-Konzern, Marketingagentur oder Handwerksbetrieb: „Für mich ist es in der heutigen Zeit ein alternativloses Instrument.“

Claudia Sittner und ihr Lebensgefährte haben während ­ihrer ­Reise angefangen zu bloggen, sowohl über das Tauchen mit ­Walhaien vor Australien als auch über die Herausforderungen des Reisens an sich. Zuerst nur für eine kleine Zielgruppe, die Familie, Freunde – und für sich selbst: „Um alles besser verarbeiten zu können“, erklärt Claudia Sittner. Daraus wuchs ein Projekt, das bis heute Bestand hat und von dem ihre eigentliche Arbeit in der Redaktion ebenfalls profitiert. Durch Weltreize.com lernte Sittner beispielsweise wie Suchmaschinenoptimierung funktioniert, was Onlineartikel benötigen, um gelesen zu werden, und was es bedeutet, ein Medienprodukt zu vermarkten.

Dieses neue Wissen, das sie ohne das Sabbatical wahrscheinlich nicht so intensiv aufgenommen hätte, kommt nun auch ­ihrem Arbeitgeber, einem Wirtschaftsmagazin, zugute. Mit einer Berliner Bloggerin hat sie zudem das Modern-Sabbatical-Projekt ins Leben gerufen, hält Vorträge und gibt Workshops, um andere zu motivieren, sich ihren Sabbatical-Traum zu erfüllen. Sittner ist ebenso wie Hünninghausen davon überzeugt, dass sowohl ­Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer von einem Sabbatical profitieren können: „Unsere Auszeit war tatsächlich eine Bereicherung für alle.“

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