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Social Entrepreneurship: Die Grenzen der Guten

(Abbildung: Shutterstock)

Soziales Unternehmertum könnte die Gesellschaft in Zukunft noch stärker verändern als bislang. Kluge ­Ideen gibt es zuhauf. Doch groß werden die ­Social Startups nur ­selten. Warum?


Ob Zartbitter oder Vollmilch, ob 43 oder 70 Prozent Kakaoanteil – die Geschmacksnote „gutes Gewissen“ soll bei den Schokoladen­tafeln des Münchener Startups Fairafric immer dabei sein. Seit 2016 vertreibt das junge Unternehmen Schokolade, die zu einem großen Teil im Herkunftsland Ghana produziert wird und dadurch Jobs in der Landwirtschaft und in Produktionsbetrieben schafft. Man wolle eine Brücke bauen zwischen Konsumenten, die diesen Einsatz gut finden, und den Produzenten, beschreibt Fairafric-Gründer Hendrik Reimers seine Mission.

Von knapp drei Euro für eine Schokoladentafel, so der Plan, sollen mindestens 80 Cent im Erzeugerland ankommen. Üblich sei etwa ein Zehntel davon. Im ersten Jahr sorgte eine Kickstarter-­Kampagne für 30.000 Euro Umsatz. Dieses Jahr plant Reimers mit rund 350.000 Euro. 2022 könnten es dann laut Businessplan fünf Millionen Euro sein. Sein Ansatz: „Wir gehen das soziale Problem Armut an, aber wollen trotzdem Geld damit verdienen.“

Auf Partys muss sich Reimers, der vorher Karriere in großen IT-Konzernen gemacht hat, mittlerweile nicht mehr für seinen Job- und Perspektivwechsel rechtfertigen: „Die Reaktionen sind sehr, sehr positiv“, sagt er. Soziales Unternehmertum ist in der Breite der Gesellschaft anerkannt. Angekommen in der Breite der Wirtschaft ist es jedoch noch nicht. Viele der Gründer bedienen sich dabei großzügig an den Instrumenten für agile Entwicklung oder der Lean-Startup-Methodik, um schnell zu ersten Dienstleistungen oder Produkten zu kommen und mit wenig ­Ressourcen viel zu erreichen.

Dennoch stehen Social Startups vor einigen besonderen Herausforderungen, wenn es um den Sprung vom guten Gedanken zum globalen Problemlöser geht: „Wir schaffen es noch nicht, soziale Unternehmen breitflächig zu skalieren“, sagt Matthias Scheffelmeier. Er ist einer der deutschen Partner von Ashoka. Die weltweit tätige Organisation zur Förderung von Social Entre­preneurs wird hierzulande durch eine Reihe von Stiftungen und Konzernen unterstützt.

Groß und klein für das Gute

Dabei gibt es genug Gründe für eine Gründung mit gutem Gewissen: In vielen Ländern drängen Populisten an die Macht, mancher­orts werden mühsam erkämpfte Grundrechte wieder einkassiert. Immer noch gibt es global – und sogar innerhalb vieler Länder – ein enormes Ungleichgewicht bei der Verteilung des sozialen Wohlstands. Zudem mahnen Wissenschaftler zunehmend drängender einen rücksichtsvolleren Umgang mit den Ressourcen der Erde an.

Darum positionieren sich auch in Deutschland immer mehr etablierte wie junge Unternehmen um und rücken zumindest eine soziale Komponente in den Fokus. Drei Treiber kommen dabei zusammen. Erstens: Der ehrliche Wille, sich für die ­Gesellschaft und Umwelt zu engagieren. Zweitens: Eine Kundschaft, die immer kritischer das Treiben von Unternehmen hinterfragt. Und drittens zieht das unternehmerische Engagement für Umwelt und ­Gesellschaft auch viel gesuchte neue Mitarbeiter an, die neben einem ordentlichen Gehaltsscheck auch den Sinn ihrer täglichen Arbeit sehen wollen.

Die Beispiele sind zwar oft noch Einzelfälle, werden aber immer sichtbarer und immer prominenter: Telekom-Chef Tim Höttges forderte auf der diesjährigen Dmexco andere Unternehmen auf, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Die deutsche Geschäftsführung der Beratungsgesellschaft Ey rief ihre Belegschaft vor der Bayernwahl auf, „demokratische und rechtsstaatliche Kräfte in unserem Land zu stärken”. Siemens-CEO Joe Kaeser teilte bei Twitter solche Aufrufe und griff dort im Mai zum Beispiel die AfD-Vorsitzende Alice Weidel direkt an. Und die Deutsche Post hat heute bereits über 10.000 Elektrofahrzeuge im Einsatz, von denen die Streetscooter sogar in eigener Regie entstehen. Mittelfristig will der Konzern die gesamte Flotte durch E-Fahrzeuge ersetzten, „im Interesse der Umwelt und der Kunden“.

Startups positionieren sich ebenso ehrgeizig. Die Am­bitionen sind groß, vielleicht sogar zu groß: In einer Bitkom-­Umfrage ­unter 302 Startups gaben 36 Prozent an, dass sie mit ihrem ­Unternehmen die Welt verbessern wollen. So manche digitale Versicherung oder mancher innovative Staubsaugeradapter legt dabei schon nahe, dass das Produkt in erster Linie den Konto­stand der Gründer optimieren dürfte.

Doch natürlich finden sich auch zahlreiche engagierte ­Beispiele: Im Food-Bereich ziehen Startups ökologische und faire Lieferketten auf. Rund um die Steuerung von erneuerbaren Energien gibt es kluge Ideen. Auch in der generationsübergreifenden Vernetzung von Jung und Alt finden sich Startups. Initiativen wie „Ankommer“ aus Potsdam bauen unternehmerische Per­spektiven für Geflüchtete auf. „Wir befinden uns an einer Stelle, wo es ein Ökosystem an Akteuren gibt“, sagt Scheffelmeier. „Aber was noch fehlt, sind tiefer gehende und breitere Kollaborationen unter den Akteuren.“

Wie viel Gutes ist gut genug?

Über die Definition von „Gut“ lässt sich trefflich streiten – und das wird auch eifrig getan. In großzügigeren Interpretationen reicht es schon, wenn Anteile vom Umsatz oder Gewinn an den guten Zweck gehen. Share etwa startete im Frühjahr 2018 mit großen Ambitionen im herkömmlichen Handel, aber mit einem neuen Konzept: Jede verkaufte Wasserflasche oder Seife ­bedeutet hier eine gespendete Mahlzeit oder einen Hygieneartikel für Menschen, die in Armut leben. Dafür arbeitet Share mit Organisationen wie dem World Food Programme der Vereinten ­Nationen oder der Berliner Tafel zusammen. Zu den Produkten gehören Tracking-Codes, mit denen sich nachverfolgen lassen soll, wo der Benefit ankommt. So wolle man zeigen, wie erfolgreiches Unternehmertum und gesellschaftliche Verantwortung nicht nur miteinander vereinbar seien, sondern sich sogar gegenseitig verstärkten, gab Initiator Sebastian Stricker als Motto im März 2018 aus.

Auch Fairafric-Gründer Reimers sieht Social Business als gewinn­orientierte Unternehmen, die soziale Probleme lösen wollen. „Wo die feine Linie verläuft, ist oft sehr schwer zu bestimmen“, räumt er jedoch ein. Und in sehr engen Definitionen steht die soziale Wirkung vor jedem wirtschaftlichen Ergebnis. Ashoka nennt Beispiele wie die reformpädagogische Montessori-­Bewegung oder Florence ­Nightingale als Begründerin der modernen Krankenpflege.

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