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Wissen aneignen: Paukst du noch oder lernst du schon?

Lernverdruss, Desinteresse, Überforderung und Prüfungsangst – das Lernen steckt in einer Imagekrise. Schuld daran sind reizlose Inhalte und überzogene Erwartungen. Wir müssen die Lust an Bildung zurückgewinnen, sonst bleibt das Postulat des lebenslangen Lernens nur eine ­bedeutungs­lose Phrase.

5 Min. Lesezeit

Das Lernen steckt in einer Krise. (Foto: Shutterstock-Mariia Korneeva)

Wer vergleicht, wie die großen Aufklärer um Immanuel Kant und John Locke einst über das Lernen sprachen, erschrickt beim Gedanken daran, was daraus geworden ist: Bei Kant ist von ­einem mit dem „Gefühl der Lust“ verbundenen Lernen als unverzichtbares Mittel zur Bildung und Bewahrung eines „fröhlichen Herzens“ die Rede, das zugleich als wesentliche Bestimmung den Menschen charakterisiert. ­Locke war sich sicher, dass die nach freien pädagogischen Grundsätzen erzogenen Kinder „überall Beschäftigung finden“ würden. In der heutigen Zeit ist jedoch das sichtbare, formelle, institutionalisierte Lernen oft negativ ­behaftet: Lernverdruss, Desinteresse, Überforderung und Prüfungsangst.

Das heißt nicht, dass das Lernen an sich aus der Mode geraten ist, sondern dass der Mensch zu oft unter den Auswirkungen mangelhaften Lerndesigns gelitten hat. Das beginnt in der Schulzeit, geht über in die Ausbildung beziehungsweise das Studium und zieht sich durch das Berufsleben wie ein ­roter ­Faden. Lernen ist kein Spaß, Lernen ist ein Kampf. Kant und ­Locke ­haben sich geirrt.

Lernen nur für den Karriere­vorsprung

Wie konnte es so weit kommen? Vergleicht man das Streben der Aufklärer mit den Zielen heutiger Bildungspolitik, fallen sofort wesentliche Unterschiede auf, die Sorge bereiten: Zwar haben Bildungsthemen im vergangenen Jahrzehnt zumindest im Bewusstsein vieler eine außergewöhnliche Konjunktur erlebt, die durchaus an die hohe Zeit des pädagogischen Reformeifers im 18. Jahrhundert erinnert. Doch haben sich die Vorzeichen, unter denen die Bedeutung des lebenslangen Lernens heute diskutiert wird, im Vergleich zu den von Kant und Locke ­gehegten Hoffnungen gravierend verändert.

Was heute sowohl von Bildungspolitikerinnen und -politikern, aber auch von Lehrenden und Eltern immer häufiger betont wird, ist nämlich die Pflicht, ein Leben lang lernen zu müssen, um sich unter allen Umständen einen Standortvorteil beziehungsweise einen Karriere­vorsprung in der globalisierten Welt zu verschaffen. Ein solches Denken, das die Freuden des Lernens allenfalls am Rande streift, ist jedoch aus vielen Gründen mehr als problematisch. Denn das Lernen wird so zu einer ökonomischen Kennziffer und hat mit dem „Gefühl der Lust“ eines „fröhlichen Herzens“ nur noch wenig bis gar nichts mehr zu tun.

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So ist es ein krasser Ausdruck des heutigen Zeitgeistes, dass Mütter und Väter schon Kleinkinder in Englisch- und Chinesischkurse ihrer Kitas stecken oder sie in die Obhut von Au-pairs geben, damit sie deren Sprache bereits früh beherrschen und so in der Schule zu den Besten der besten Kinder gehören. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – und: mein überaus schlauer Nachwuchs!

„Was wäre, wenn wir ­selbstständig entscheiden, was, wann, wie und mit wem wir ­lernen?“

Das große Problem daran ist nicht, dass Kinder schon früh gefördert werden, sondern vielmehr, dass diese Form des ­Lernens nicht entlang der Interessen, Fähigkeiten und ­Neigungen des Menschen passiert, sondern fast ausschließlich entlang der Hoffnung, die Anpassungsfähigkeit an die Erfordernisse des Weltmarktes sicherzustellen. Das Ergebnis dürfte in den meisten ­Fällen jedoch allenfalls befriedigend sein. Denn wer so lernt, wird zwar schon irgendwie funktionieren, doch auf ein ganzes Leben bezogen, meist resignieren und schon gar keine größere Erleuchtung finden.

Dabei zeigen aufsehenerregende Erkenntnisse der Motiva­tionsforschung, wie es besser geht – und vor allem, wie der Mensch wirklich lebenslang lernen kann und will. Die Verhaltensforscher Edward L. Deci und Richard M. Ryan haben in den vergangenen drei Jahrzehnten viel Zeit in ihre mit der intrinsischen Motivation zusammenhängende Selbstbestimmungs­theorie investiert. Sie sind überzeugt, dass der Mensch drei angeborene psychologische Grundbedürfnisse hat: Kompetenz, Autonomie und Zugehörigkeit. Kompetenz bedeutet, dass er sich fähig fühlen und dazulernen möchte. Autonomie, dass er selbstständig Entscheidungen treffen will. Zugehörigkeit heißt schließlich, dass er sich mit einer Gruppe oder einer Sache verbunden fühlen möchte.

Sind diese drei Bedürfnisse befriedigt, arbeitet der Mensch laut Deci und Ryan hoch motiviert und ist zudem auch noch glücklicher. Was wäre das für eine Welt, in der dieses Verlangen auch in der Bildung geschätzt und bestätigt wäre: Wenn wir selbstständig entscheiden, was, wann, wie und mit wem wir lernen?

Das wäre eine Welt, in der wir uns gerne und ständig neues ­Wissen aneignen, unsere Fähigkeiten weiterentwickeln – und in der wir auch keine Angst haben, noch Unbekanntes zu wagen, um uns im Zweifel sogar neu zu erfinden. Ist es nicht genau das, was von Menschen erwartet wird, wenn Expertinnen und Experten mahnen: Wer sich nicht weiterbildet, verliert den Anschluss? ­Leider ist die Realität oft die, dass erst von Eltern und Lehrenden und später von Arbeitgebenden vorgegeben wird, was wir zu pauken haben: In der Schule ist es Latein, in der Berufswelt dann ein neues SAP-Modul, während wir doch viel lieber lernen würden, wie das Lernen an sich funktioniert.

Dank Neugierde zum beruflichen Erfolg

Lebenslanges Lernen setzt freie Entscheidungen voraus. (Foto: Shutterstock-Mariia Korneeva)

Wer so etwas weiß, kann zufrieden und glücklich in die Zukunft schauen und bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit auch am Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig. Am Ende ist es nämlich oft die Person, die nicht zu früh über beruflichen Erfolg nachdenkt, sondern sich mit großer Neugierde eine umfassende Allgemeinbildung aneignet und exem­plarisch das Lernen lernt, die am ehesten beruflichen Erfolg und finanzielle Sicherheit erlangt.

„Solange es Spaß macht, sind wir motiviert, daran zu wachsen. Erfolg kommt dann von allein.“

Menschen sollten sich nicht ängstlich und hektisch an etwaige wirtschaftliche Gegebenheiten von morgen anpassen, sondern sich selbstbewusst auf das Ausschöpfen der eigenen Potenziale konzentrieren. Dafür braucht es jedoch ein Lernklima, das dabei unterstützt. Oder anders gesagt: Wer Chinesisch lernen will, soll das tun. Wer Programmieren lernen will, soll das tun. Wer Yoga lernen will, soll das tun. Und wer einfach nur lernen möchte, wie man Drinks mixt, soll auch das tun. Solange es Spaß macht, sind wir motiviert, daran zu wachsen. Der Erfolg kommt dann von ganz allein.

Diese Erkenntnis führt uns jetzt wieder zurück zu den Aufklärern, die das „Lernen in Freiheit als eines der unschätzbarsten Privilegien des Menschen“ betrachten, wie es Jean-­Jacques Rousseau formulierte. Lernen als Glück erfahrbar zu machen und damit dem Menschen seine Selbstbestimmtheit und Wissbegierde zurückzugeben, muss das Ziel sein in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Denn eine Gesellschaft, deren Altersdurchschnitt steigt und deren Individuen immer länger arbeiten müssen, kann nur funktionieren, wenn die intrinsische Motivation, das Dazulernen, über ein Leben hinweg nicht dahinsiecht. Da helfen auch keine extrinsischen Motivations­mittel, durchgesetzt mithilfe von Belohnungs- oder Bestrafungs­systemen. Auf lange Sicht wirken sie wie Drogen: Man muss die Dosis immer erhöhen, um überhaupt noch etwas zu spüren.

Lebenslanges Lernen setzt hingegen freie Entscheidungen voraus. Wer dann auch noch die psychologische Sicherheit hat, auch Nichtwissen zugeben zu können, und von Vorbildern umgeben ist, die mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es um das Schließen dieser Wissenslücken geht, wird überrascht sein, wie schön Lernen sein und wie weit man es im Leben schaffen kann. Dabei ist es völlig egal, ob man in den Beruf einsteigt, sich über ein Arbeitsleben Expertenwissen aneignet oder während der Karriere noch einen Neuanfang wagt. Scheitern ist unmöglich. Entweder du hast Erfolg oder du lernst dazu.

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