Kommentar

Alles Party oder was? Warum du die Finger von Nomad Conferences lassen solltest

(Grafik: t3n)

Sie sind beliebt. Und laut Aussagen der Veranstalter essenziell für digitale Nomaden – ob erfahren oder Beginner.

Nomad Conference, Nomad Summit, Nomad Cruise, Nomad Safari, Nomad Schlagmichtot – die Zahl und Arten von unterschiedlichen Treffen für digitale Nomaden wächst. Doch wem nützen die eigentlich? Außer dem Veranstalter natürlich, der damit ordentlich Kasse macht. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, nach Chiang Mai zum Digital Nomad Summit 2020 zu fahren. Um mir das – erneut – mal anzuschauen und dann hier darüber zu berichten. Habe es aber nicht gemacht. Die Gründe? Hier:

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Auf der Website des Nomad Summit 2020 lesen wir: „Der Nomad Summit ist die größte Konferenz für digitale Nomaden, Remote-Arbeiter, Online-Entrepreneure und alle, die von Ortsunabhängigkeit und Freiheit träumen. Er ist die ultimative Gelegenheit, um von erfolgreichen Professionals zu lernen und mit Hunderten Gleichgesinnten zu networken, die deine Ziele und Visionen teilen. Lerne dazu, wachse und triff deine zukünftigen Geschäftspartner, Arbeitgeber, Mentoren und besten Freunde.“

Nun, der Erfolg dieser Veranstaltungen beruht hauptsächlich darauf, dass da viele Menschen hintingeln. Um irgendwie das Gefühl zu erhalten, etwas Richtiges, etwas Tolles zu tun. Zu networken, Vorträge zu hören, in Workshops mitzumachen, einfach dabei zu sein. Ja, ich habe mit dem Gedanken gespielt, da hinzufahren – um euch darüber zu berichten. So für ungefähr sieben Sekunden. Warum? Ein Blick auf das Programm und die Preise haben mir gereicht. Ganz im Ernst, wenn ich das Gefühl haben will, etwas Richtiges zu tun, dann setze ich mich lieber in ein Café oder eine Bar und checke meine bevorzugten Gruppen und Websites, besorge mir den nächsten Job, schreibe Mails und telefoniere … Aber werfen wir einmal einen Blick auf Programm und Preise für den Digital Nomad Summit vom 17. Januar bis 21. Januar 2020 in Chiang Mai, Thailand:

Programm

  • Freitag, 17. Januar: Evening Pre-Checkin und Networking.
  • Samstag, 18. Januar: Main Conference-Day und Afterparty
  • Sonntag, 19. Januar: Nomad Pool Party, Networking und VIP Speaker’s Dinner
  • Montag, 20. Januar: Optionale Workshops (nicht im Preis enthalten) and Daytime Networking Activitys
  • Dienstag, 21. Januar: Ausflug zu den Sticky Waterfalls

Preise

  • Standard-Ticket: Seminar-ähnlich, ein Stuhl im hinteren Bereich, letzte Reihe oder so – 249 US-Dollar.
  • Deluxe-Ticket: Ein Platz an einem Tisch in der vorderen Hälfte des Raumes (mit Steckdosen!) – 299 Dollar.
  • VIP: Zentrale Sitzgelegenheit in der ersten Reihe mit extra Platz und Tisch. Möglichkeit, die Redner bei einem privaten VIP-Dinner (Essen und Getränke inklusive) zu treffen plus Sonntagsbrunch mit den Organisatoren der Veranstaltung – 997 Dollar.
  • Kosten für die Workshops: Zwischen 20 und 30 Dollar für je etwa eine bis anderthalb Stunden.

Jetzt mal ehrlich: Eigentlich ist es alles in allem ein Tag mit Vorträgen und ein Tag mit optionalen Workshops. Der Rest ist Spaß und Entertainment. Pool-Party (Mindestverzehr: ein Getränk). Die Vorträge – Herr im Himmel, nichts, was man sich nicht auch so in ein paar Minuten Google reinziehen kann. Und die Workshops? Alles klar: Innerhalb einer Stunde lernt man, wie man „überzeugende Websites textet, die verkaufen“, „in nur wenigen Tagen Coder wird“ oder „wie man ein Buch schreibt, von der Idee bis zur Veröffentlichung“ – dazu der obligatorische „Yoga und gesunde Ernährung“-Kurs. Alles Workshops von selbsternannten Vollprofis. Oder von den Veranstaltern selber.

Mal wieder: Taschenrechner raus

Nehmen wir mal ein Deluxe-Ticket – 299 Dollar. Dazu noch vier Workshops à 25 Dollar, 100 Dollar. Sind schon mal 400 Dollar. Was noch? Anreise und Rückreise wäre in meinem Fall von Phu Quoc, Vietnam etwa 150 Dollar. Hotelkosten: vier Nächte, kleine bis mittlere Unterkunft, hmmm, sagen wir mal: 100 Dollar. Spesen: 300 Dollar – Getränke, Essen, Taxi zum Veranstaltungsort.

Also etwa um die 1.000 Dollar. Für effektiv einen Tag Vorträge und ein paar Lala-Workshops. Okay, Pool-Party und Ausflug zu einem Wasserfall. Networken … Falls man das VIP-Ticket nimmt, sind das dann etwa 2.000 Dollar. Leute, davon kann man mehr als einen Monat sehr, sehr gut leben als digitaler Nomade. Zudem: Ich stehe nicht auf Pool-Partys, und Wasserfälle habe ich so viele gesehen, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Wozu dann das?

Es geht auch anders

Anscheinend geht es nicht nur mir so – viele scheinen einen großen Bogen um solche Veranstaltungen zu machen. In letzter Zeit sehe ich immer mehr digitale Summits und Conferences, die angeboten werden, und die ergeben deutlich mehr Sinn. Sprich: Man ist, wo man eben ist auf der Welt, und klinkt sich online in Vorträge und Diskussionen ein. Wunderbare Welt der modernen Technik … Also etwas für digitale Nomaden, die das Wort Digital verinnerlicht haben und nicht offline an einem Ort präsent sein müssen. Diese Events sind meist sogar kostenlos. Man spart sich also die Reisekosten, die Veranstaltungsgebühren und den ganzen anderen Kladderadatsch. Die Vorträge stehen danach online noch länger zur Verfügung und selbstverständlich kann man mit anderen Teilnehmern oder Speakern chatten und networken. Meine Meinung: top! Denn hier geht es viel eher um Inhalte, weniger um cool zu sein und mit Teilnehmer-Kärtchen um den Hals und mit Armbändchen und Longdrink am Pool zu liegen.Wenn euch so etwas interessiert, haltet eher danach Ausschau, das bringt mehr.

Es geht noch besser

Nur so am Rande, kleine Geschäftsidee für euch – wenn jemand von euch aus dem Event-Bereich kommt oder gut darin vernetzt ist, dann macht doch mal einen echten Summit. Eine echte Conference. Nicht auf Bali oder in Chiang Mai. In Hamburg, Frankfurt, Berlin, München, der Eifel, dem Schwarzwald, wo auch immer in Deutschland. Denn eigentlich richten sich solche Summits vornehmlich an Menschen, die gerne als digitale Nomaden leben würden. Doch wer fliegt mal eben zu einem solchen Event nach Thailand, wie oben beschrieben? Höchstens, wenn man das mit einem Urlaub verbindet. Wer schon als digitaler Nomade unterwegs ist – wer braucht so etwas?

Stattdessen eine Veranstaltung in Deutschland. Mit echtem Mehrwert. Mit einem Programm, das Menschen etwas bringt. Ein Experte zum Thema Steuern, einer zum Thema Krankenversicherung, gerne auch einen Life-Coach, Headhunter und ein paar Vertreter von Firmen in Deutschland, die offen für digitale Nomaden sind, vielleicht ein paar Digital Nomads, die aus der Praxis berichten – solange sie nicht nur darüber erzählen, wo man am besten surfen kann und wie toll Yoga und vegane Ernährung sind, sondern über das tägliche Leben, die Jobsuche und so weiter. Ehrlich, heute sage ich, dass ich vor ein paar Jahren selbst dorthin gefahren wäre. Um so etwas zu veranstalten, müsst ihr nicht mal selber digitaler Nomade sein – es reicht, wenn ihr die richtigen Sprecher und Experten holt und, wie gesagt, echten Mehrwert bietet. Würde laufen wie geschnitten Brot.

Mehrwert statt Mehrkorn

Ich meine das ernst. Das würde nicht nur angehenden Digital Nomads helfen, sondern auch Unternehmen. Unternehmen, die auf der Suche nach digitalen Nomaden sind oder dabei sind, sich dafür zu öffnen. Bei solch einem Event können Unternehmen die Leute direkt treffen – was schon mal viele Mauern einreißt. Nicht virtuell oder rein digital, nein, direkt, von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe. Angehende digitale Nomaden können so vielleicht sogar sich einen Job angeln. Unternehmen können sehen, dass Digital Nomads nicht alles Hippies sind, die nicht arbeiten, sondern hochqualifizierte Mitarbeiter sein können. Und digitale Nomaden erfahren aus erster Hand, was wichtig ist. Sowas würde in meinen Augen deutlich mehr Sinn machen als jeder Summit oder (der letzte Schrei) eine Nomad Safari …

Stichwort: Nomad Safari

Der eine oder andere hat vielleicht meine Kurz-Bio überflogen – ich bin in Namibia geboren, dort und in Südafrika teilweise aufgewachsen und habe das südliche Afrika viele Male bereist. Vor ein paar Tagen flatterte mir eine Einladung zu (über eines der vielen Foren, in denen ich Mitglied bin). 14 Tage „Digital Nomad Safari“ durch Namibia und Botswana. Holla! Habe ich natürlich mal genauer hingeschaut. Ziel der Veranstaltung ist in etwa ähnlich wie bei jedem anderen Retreat oder Summit oder so – networken, blablabla. Na ja. Kurz gesagt, das ist eine stinknormale Selbstfahrer-Safari – zum doppelten Preis, verglichen mit dem für normale Touristen. Halt nur unter dem Deckmantel des digitalen Nomadentums. Normaler Urlaub, recht teuer. Und ganz im Ernst, glaubt mir, wenn ihr mit einem Offroader durch Nationalparks fahrt, Elefanten, Giraffen und Löwen aus drei Metern Entfernung beobachten könnt – würdet ihr euch dann dabei mit euren Mitfahrern über Job-Börsen, E-Residency und Steuern oder Krankenversicherungen unterhalten? Am Abend dann, ja klar. Am Abend wird der Tag rekapituliert, werden Fotos und Videos getauscht und so. Und völlig erschlagen ins Bett gelegt. Da ist nichts mit Networken! Das ist Urlaub.

Dann lieber ab in die Eifel, durchs Fenster eines Konferenzraumes Eichhörnchen beobachten.

Cheers, Rob

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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