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Anja Karliczek im Changerider: „Wir müssen anfangen, neu zu denken“

(Screenshot: t3n)
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Mit dem Video- und Podcastformat Changerider wollen Etventure-Gründer Philipp Depiereux und t3n den Menschen die Angst vor der Digitalisierung und dem Wandel nehmen. In der aktuellen Folge hat Philipp Depiereux Redner vom Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung direkt in sein Changerider-Studio eingeladen.

Beim SZ-Wirtschaftsgipfel kommen alljährlich die Gestalter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Daher hat Philipp Depiereux sein Auto drei Tage vor dem Hotel Adlon in Berlin geparkt, nicht wie üblich im Tesla, sondern im Ego, der neuesten Elektro-Entwicklung von Günther Schuh. Er und viele weitere Persönlichkeiten sprachen im ersten Teil der Changerider-Folge.

Im zweiten Teil nehmen sieben weitere Gestalterinnen und Gestalter der Zukunft im Changerider Platz. „Wir müssen endlich anfangen, neu zu denken“, so Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU). Ann-Kristin Achleitner spricht über den Stand der Digitalen Transformation und über Entrepreneurship in Deutschland und Christian Schultze-Wolters von IBM gibt einen Einblick in die „nächste Generation Internet“. Außerdem spricht Philipp Depiereux mit der Gründerin der Redi-School, Anne Kjær Riechert, über Programmierschulen für Flüchtlinge und vieles mehr.

„Deutschland verliert etwa 5 Milliarden Euro jedes Jahr, weil wir nicht genügend Programmierer haben“

Als erste nimmt Anne Kjær Riechert im Ego Platz. Sie ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Redi School of Digital Integration. Die Tech-Schule wurde 2016 gegründet und hat damals insbesondere Migranten und Geflüchtete in verschiedenen Programmiersprachen unterrichtet. „Angefangen hat alles eigentlich 2015, als ich ein Flüchtlingslager besucht habe und dort einen jungen Mann aus dem Irak traf. Er war Programmierer, konnte seinen Beruf aber nicht weiter ausüben, da er keinen Laptop mehr hatte. Nachdem ich seine Geschichte gehört hatte, war ich mir sicher, dass man dagegen etwas unternehmen muss“, erzählt Riechert. Einerseits gebe es im Moment etwa 82.000 offene Stellen in der deutschen IT-Branche, „das heißt, Deutschland verliert etwa fünf Milliarden Euro jedes Jahr, weil wir nicht genügend Programmierer haben.“ Auf der anderen Seite gebe es unter den Geflüchteten viele Menschen mit den entsprechenden Fähigkeiten, die hier arbeiten wollen. „Wir sehen die Redi-School als eine eindeutige Win-Win-Lösung für alle.“

Und wie schafft man es, eine Schule zu finanzieren, wenn die Teilnehmer keinen Beitrag zahlen können? Neben Corporate Foundations arbeitet die Programmierschule mit vielen Unternehmen zusammen: „Das ist wirklich eine bunte Mischung.“ Von deutschen Institutionen wie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge oder dem Bundeskanzleramt wird die Redi-School allerdings bisher noch nicht unterstützt. „Der Bürokratieaufwand ist für uns als extrem agiles und wirkungsorientiertes Unternehmen leider noch zu groß“, so die gebürtige Dänin.

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„Wir sind wie die Wettervorhersage, nur für Kriminalität, Terrorismus, Naturgewalten und Unfälle“

Aleksandar Stojanovic ist Co-Founder des Startups Ava, einer Art Gefahrenradar-App für Kriminalität, Terrorismus, Naturgewalt und Unfälle. Die Idee ist es, Menschen mithilfe von künstlicher Intelligenz vor jeglichen Gefahren zu warnen. Beim SZ-Günderwettbewerb Gipfelstürmer ging Ava damit als Sieger von der Bühne.

„Man könnte uns als Meteorologen beschreiben, nur interessieren wir uns nicht für Regen, Sonne oder Schnee, sondern für Kriminalität, Terrorismus, Naturgewalten und Unfälle. Im Grunde also alles, was in irgendeiner Form Relevanz für die Sicherheit von Leib, Leben, Eigentum und Dingen hat“, erklärt Stojanovic. Es geht also keineswegs nur um Anschläge. „Ein einfaches Beispiel: Stell dir vor, du bist mit der U-Bahn unterwegs, steigst an einer Haltestelle aus und wirst überrascht, dass du plötzlich mitten in einer Pegida-Demonstration stehst.“

Was zeichnet Ava aber im Vergleich zu anderen Meldesystemen aus? Einerseits sammelt das System Informationen von Städten, der Polizei, der Weltgesundheitsorganisation und eben auch aus sozialen Netzwerken, um daraus abzulesen, wo eine Gefahr drohen könnte. Vor allem die soziale Medien spielen eine wichtige Rolle: „Wenn beispielsweise ein Foto eines brennenden Gebäudes gepostet wird oder über Twitter ein Vorfall geteilt wird, schnappen das unsere Systeme sofort auf und speichern es in der Datenbank. So kann die Info sofort für das akute Lagebild verarbeitet werden“, so Stojanovic. Andererseits ist Ava auch hilfreich was die Zukunft betrifft: Die gesammelten Infos sind entlang der Zeitleiste auch in der Historie verfügbar. Das könne vor allem bei Themen wie Vandalismus oder Gewalt sehr hilfreich sein, um bestimmte Muster zu erkennen und dies dann auch in die Zukunft zu projizieren.

„Jeder Mensch hat ein Talent und eine Leidenschaft“

Im Changerider-Ego beschrieb die Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU) Anja Karliczek ihr Bild von der Schule der Zukunft dann so: „Wir müssen noch einmal ganz neu darüber nachdenken, dass jeder Mensch ein Talent und eine Leidenschaft hat. Wir müssen dies besser herauskristallisieren und den schulischen Rahmen daran anpassen. Dank der Digitalisierung haben wir etwa mittels KI nun ganz neue Möglichkeiten. Es ist daher an der Zeit, das Schulsystem so zu verändern, dass wir es hinbekommen, jedes Kind nach seinem Talent und seiner Leidenschaft zu fördern.“

Der erste Schritt beginnt aus Sicht der Bundesministerin mit dem Digitalpakt, um die digitale Infrastruktur in den Schulen auf einen modernen Stand zu bringen. Ihr Vorhaben, digitale Bildung in die Schulen zu bringen, bedeute zweierlei: Wie funktionieren die (digitalen) Medien und wie kann die Infrastruktur optimal in der Schule genutzt werden? „Der springende Punkt ist, dass man zwar denkt, dass sich alles ändert, im Grunde ändert sich aber eigentlich nichts. Ein Kind stark zu machen, ist schon immer unser Ziel gewesen. Ich mache ein Kind aber nicht dadurch stark, dass ich jetzt digitale Technik nutze. Ich mache ein Kind stark, indem ich ihm Selbstbewusstsein und die Kenntnis seiner Stärken mitgebe und ihm Teamfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und ein sehr gutes Grundlagenwissen beibringe.“ Für Karliczek ist das vor allem jetzt, in einer sich immer schneller verändernden Welt, besonders wichtig. „Die Herausforderung ist groß.“

„Ökosystem spielt hier eine sehr große Rolle und wenn eine Sache fehlt, dann funktioniert das Ganze nicht mehr“

Als Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Börse und Inhaberin des Lehrstuhls für Entrepreneurial Finance an der TU München ist Ann-Kristin Achleitner der Profi für Entrepreneurship in Deutschland. Die Professorin erinnert sich, als sie 2000 in München angefangen hat. Damals habe es noch eine klare Trennung zwischen der Startup- und Unternehmenswelt gegeben. „Was ich aber toll finde, ist zu sehen, wie diese beiden Welten in den letzten Jahren immer mehr zusammengewachsen sind. Da sind wir wirklich einen tollen Weg gegangen, haben aber immer noch sehr viel vor uns“, erklärt Achleitner.

Seit dem 1. Januar 2020 ist sie nun auch Mitglied des Aufsichtsrats von Unternehmertum. Mit dem Unternehmertum wurde in München etwas geschaffen, was Theorie und Praxis von Entrepreneurship perfekt miteinander verbindet. Ein Team aus erfahrenen Unternehmern, Wissenschaftlern, Managern und Investoren bietet Gründern einen Rundum-Service von der ersten Idee bis zum Börsengang. „Das Ökosystem spielt hier eine sehr große Rolle und wenn eine Sache fehlt, dann funktioniert das Ganze nicht mehr. Das ist wie eine chemische Reaktion. Wir gründen heute etwa 70 Unternehmen pro Jahr aus“, sagt Ann-Kristin Achleitner begeistert. Mittlerweile gibt es über 200 Mitarbeiter und ebenso viele Ausgründungen.

„Es ist nicht die Technologie, die das Problem löst, sondern die Art und Weise, wie man etwas aufsetzt“

Christian Schultze-Wolters entwickelt als Geschäftsbereichsleiter der IBM Blockchain Solutions DACH gemeinsam mit seinem Team neue Blockchain-Lösungen für alle Industrien, für Mittelstand, Konzerne und Startups.

Dabei beschäftigt er sich auch mit der Frage, wie die Blockchain im Lebensmittelsektor eingesetzt werden kann. Aber kann die Technologie verhindern, dass gegen Bio-Auflagen oder artgerechte Tierhaltung verstoßen wird? Eine berechtigte Frage. Die Antwort heißt leider: „Crap in, Crap out“. Die Blockchain könne diese Problematik nicht verhindern. Wenn aber eine bestimmte Blockchain-Technologie verwendet wird – die sogenannte private Blockchain – kann man solchen Verstößen vorbeugen. „Wenn man privat seinen Geburtstag feiert und Gäste einlädt, hat man am Schluss 20 Leute zu Hause, die man kennt und denen man vertraut. Macht man aber eine Facebook-Feier, hat man 1.000 Leute im Garten stehen, die man wahrscheinlich nicht einmal kennt“, vergleicht Christian Schultze-Wolters. So ähnlich ist das auch bei einer Public-Blockchain: „Die meisten kennen Bitcoin, eine Public-Blockchain-Technologie – total anonym, keiner weiß, wer wann etwas macht, Du weißt auch gar nicht, wer dabei ist.“ Bei einer privaten Blockchain sei das anders. „Dort melden sich die einzelnen Teilnehmer an. In dem Moment, in dem ich diese Transparenz habe und jemand anfängt, Mist zu machen, irgendwie kriminelle Energie freizusetzen, in dem Moment wird diese Transparenz ganz schnell dazu führen, dass alle Beteiligten wissen, dass du der ‚böse Bube‘ bist“, erklärt Christian Schultze-Wolters. „Es ist also nicht unbedingt die Technologie, die das Problem löst, sondern die Art und Weise, wie man etwas aufsetzt.“

Weitere spannende Themen bei dieser Changerider-Folge: Robert Mayr, der Vorsitzende des Vorstands von Datev, erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Kulturwandel im Zusammenhang mit der Digitalisierung und was man tun kann, um seine Mitarbeiter „digital ready“ zu machen. Oder Beate Heraeus, Präsidentin der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Vorstandsvorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung, spricht darüber, wieso ihr das „Train the Trainer“-Konzept für das deutsche Schulsystem so wichtig erscheint („Es gibt Kinder in der 7. Klasse, die zugekifft im Unterricht sitzen und der Lehrer reagiert überhaupt nicht darauf“) und wie sie das deutsche Schulsystem insgesamt noch schneller voranbringen will. Es lohnt sich, den Podcast anzuhören – auf iTunes, Soundcloud oder Spotify.

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