Kommentar

Abwrackprämie 2? Digitalisiert lieber die Schulen!

Das Ergebnis einer neuen Abwrackprämie? Abgewrackte Autos. (Foto: Shutterstock)

Die Abwrackprämie hat schon 2009 nicht funktioniert. Eine neue „Abfuckprämie“ wäre nicht besser. Lasst uns lieber in die Zukunft investieren.

2019 hat VW 13 Milliarden Euro Gewinn gemacht, BMW fünf Milliarden und Daimler 2,7 Milliarden – 2019 war für die Autobranche das erfolgreichste Jahr der vergangenen Dekade.

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In der Coronakrise werden in Deutschland jetzt 50 Prozent weniger neue Autos verkauft. Die Auto-Lobby fordert also eine Kaufprämie für Neuwagen. Chef-Lobbyistin Hildegard Müller – eine ehemalige Staatsministerin im Bundeskanzleramt – stellt sich das ungefähr so vor wie die Abwrackprämie aus dem Jahr 2009: Damals sollte die Wirtschaft nach der Finanzkrise von 2007 wieder angekurbelt werden.

Die 2009er Abwrackprämie: „Ein Strohfeuer“

Schon 2009 war die Abwrackprämie eine schlechte Idee: Damals wurden zwar rund 500.000 Autos mehr in Deutschland verkauft als in den Jahren davor. Dafür wurden 2010 rund 400.000 Autos weniger verkauft. Wissenschaftler sprechen von einem „Strohfeuer“ (wirklich!). Niemand kauft sich ein Auto mehr, weil der Staat 2.000 oder 3.000 Euro dazu gibt.

Obwohl die Abwrackprämie offiziell „Umweltprämie“ hieß, hat sie der Umwelt nicht geholfen. Erstens wurde der Kauf von neuen, spritsparenden Autos im besten Fall ja nur vorgezogen. Zweitens ist es für die Ökobilanz in der Regel besser, ein bereits produziertes Produkt möglichst lange zu nutzen, als etwas Bestehendes zu verschrotten und etwas komplett Neues zu produzieren. (Mal ganz abgesehen davon, dass SUV gerade der aktuelle Auto-Trend sind. Und auch ein neuer tonnenschwerer Truck braucht jede Menge Sprit.)

Und was ist mit all den Menschen, die in der Autoindustrie arbeiten?

Das ist eine gute Frage. Aber interessanterweise glaubt nicht einmal die IG Metall, die Gewerkschaft vieler Autoriesen, an den Sinn einer neuen Abwrackprämie. Auch Ökonomen halten nichts davon. „Eine Autokaufprämie ergibt ökonomisch keinen Sinn, setzt falsche industriepolitische Anreize und nützt dem Klimaschutz nicht“, zitiert das Handelsblatt Gabriel Felbermayr, den Präsidenten des Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Die Autoindustrie ist riesig. Aber: Wie lange noch?

Natürlich ist die Autoindustrie in Deutschland riesig. Aber wenn man es ganz groß denkt, kann man sich auch fragen: Wie lange noch?

Die Welt wird immer smarter. In den Städten zischen die Menschen auf geliehenen E-Bikes von Uber durch die Straßen. Sowieso wollen alle nur noch „Mobilität“ anbieten: smarte digitale Vernetzungen von Fahrrädern, Bussen, Zügen und Rollern, die von Haustür zu Haustür reichen.

Teure Blechkisten (die 90 Prozent der Zeit auf der Straße herumstehen, an Wert verlieren und – wenn sie mal bewegt werden – CO2 und gefährliche Unfälle produzieren) braucht man eigentlich nur da, wo es diese Mobilitätskonzepte leider noch nicht gibt.

Warum investieren wir also nicht einmal in die Zukunft statt in die Industrie des letzten Jahrhunderts?

Wenn es wirklich um den Wert „Mobilität“ gehen soll, könnte man genau diese Mobilitätskonzepte fördern, den öffentlichen Nahverkehr oder endlich schnelle Zugverbindungen von Osten nach Westen ausbauen. Also in das investieren, was wir auch wirklich fördern wollen. Nicht nur Geld verteilen, über den Umweg der Autoindustrie.

Warum nicht Digitalisierung fördern?

Statt fünf Milliarden Euro (das hat die letzte Abwrackprämie gekostet) wieder in Blechkisten zu investieren, könnte man sie auch in die Digitalisierung stecken.

Dass das Geld dort gebraucht wird, ist offensichtlich: Die Coronakrise hat gezeigt, dass es für die deutsche Schulen keine große digitale Vision gibt. Digitalisierung in Schulen wird seit 20 Jahren diskutiert – und trotzdem müssen sich Schülerinnen und Lehrer PDF-Dateien zuschicken, seit Mitte März die Schulen geschlossen haben. Natürlich gab es mal den Digitalpakt Schule – und das Geld ist auch noch nicht ausgegeben. Aber wenn man die fünf Milliarden Euro auf die 40.000 deutschen Schulen aufteilt, reicht das sowieso nur für rund 100 Macbooks pro Schule. Und dann bräuchte man noch WLAN, Fortbildungen, Lernprogramme …

Eine noch verrücktere Idee, als Geld in Bildung zu investieren: Geld in die Digitalisierung des Staates stecken. Einerseits könnte man die digitale Infrastruktur ausbauen und Glasfaserleitungen legen. Andererseits könnte man endlich mal ein einheitliches digitales Betriebssystem für Deutschlands Behörden, Ämter, Ministerien und Bürger aufsetzten. In Estland kann man schon seit Jahren digital seine Gesundheitsdaten abfragen, wählen oder sich ummelden – alles auf einem einheitlichen System namens X-Road.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich die Wirtschaft mit und nach der Pandemie entwickelt. Daran ändert auch ein Konjunkturprogramm der Bundesregierung nichts. Aber wenn eine neue Abwrackprämie verpufft, ist die Kohle weg. Im besten Fall stehen dann ein paar neue Mitsubishis, Nissans oder Polos am Straßenrand.

Auch bei einer Investition in Digitalisierung kann man nicht sicher sein, dass sie der Konjunktur wieder auf die Beine hilft. Aber – im Gegensatz zu Nissans, Mitsubishis und Polos am Straßenrand – sind Mobilitätskonzepte, Bildung und moderne Schulen (und auch eine effiziente digitale Verwaltung) ein Wert an sich.

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2 Kommentare
Alex
Alex

Ich bin auch strikt gegen eine Abwrackprämie 2.0 – lieber eine Mobilitätsprämie für alle. Dann kann jeder entscheiden was er möchte und verschiedene Branchen können profitieren. Ich plane dieses Jahr ein E-Bike oder eine Bahncard 100 für den Job zu kaufen – da wären Zuschüsse sehr willkommen, dann könnte ich evtl beides kaufen.
Was ich allerdings nicht verstehe: Wieso wird die Abwrackprämie als Strohfeuer bezeichnet? Meinem Verständnis nach ging es nie darum den Absatz dauerhaft zu erhöhen, sondern kurzfristig Anreize zu schaffen, damit die Branche wieder auf die Beine kommt, statt noch ein Jahr zu warten, bis die Leute dann ihr Auto kaufen. So wurden in meinen Augen zumindest weitere Kurzarbeit und etwaige Entlassungen verhindert. Ich denke, dass niemand damit gerechnet hat, dass in den Folgejahren die Absatzzahlen nicht einbrechen.

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Anonym
Anonym

– Strohfeuer – (große, aber nur flüchtige, schnell vorübergehende Begeisterung für etwas, jemanden)

Weil dadurch, wie im Artikel schon geschrieben, der Kaufanreiz eventuell nur vorgezogen wird. Kaum einer kauft sich ein Auto wegen der Prämie. Im besten Fall entscheide ich mich lediglich dafür heute mein Auto zu kaufen da ich 2000€ vom Staat bekomme, anstatt es nächstes Jahr zu kaufen.
Wenn dieses Jahr alle Menschen ihr neues Auto kaufen, kauft keiner der Menschen nächstes Jahr nochmals ein Auto. Insofern bringt der Kaufanreiz nur auf kurze Sicht etwas und die Absatzzahlen brechen nächstes Jahr wieder ein (zumindest für Deutsche Käufer).

Problem an der Geschichte Abfuckprämie ist aus meiner Sicht, dass die Hersteller den Bonus einfach nicht weitergeben. Daher wird er auch so vehement gefordert. Man konnte es sehr gut an der Elektroprämie sehen. Kein Auto war durch die Elektro Prämie wirklich günstiger. Die Hersteller vermarkten den Bonus lediglich aber im Kaufpreis bzw. im Leasing schlägt sich dieser nicht nieder.

Den Artikel an sich finde ich gut, dürfte allerdings noch etwas mehr Details besitzen. Die Idee endlich mal in unsere Infrastruktur zu investieren finde ich sehr gut. Nur bitte keine MacBook’s für Schulen :D Hier wäre das schöne Investement wieder zu einem Steuervermeider gewandert :(

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