Porträt

Chatterbug: Warum die Github-Macher jetzt Deutsch lehren (und lernen)

Scott Chacon hatte die Idee zu Chatterbug. (Foto: Chatterbug)

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Sie haben eines der erfolgreichsten Tech-Unternehmen überhaupt aufgebaut: die Github-Macher. Mit ihrem neuen Projekt Chatterbug setzen sie nun einen überraschenden Fokus – auf die deutsche Sprache. 


Liz Clinkenbeard fehlen die Worte. Sie stockt mitten im Satz, lacht und sagt: „This is a little beyond me, ein bisschen schwierig.“ Die ersten paar Antworten auf Deutsch sind für sie kein Problem gewesen. Doch als die gebürtige US-Amerikanerin beim Interview in Berlin über ihr Studium und ihre Arbeit bei Github redet, gehen ihr die Vokabeln aus. Sie sagt entschuldigend, ihr Deutsch sei eben erst auf A2-Level. Sie verstehe viel, aber sprechen könne sie noch nicht so gut.

Gelernt hat die studierte Linguistin die Grundzüge der deutschen Sprache nicht in einem Kurs, nicht mit Hilfe eines Privatlehrers, nicht mit einer  App – sondern mit einer Mischung aus all dem. Gemeinsam mit ihren Ex-Github-Kollegen Scott Chacon, Russell Belfer und Tom Preston-Werner hat sie ein Sprachlern-Programm namens Chatterbug entwickelt.

Chatterbug: Entstanden aus der Not

Ähnlich wie Babbel oder Duolingo verspricht das System das Lernen per Klick. Anders als die Wettbewerber verspricht es aber auch die Interaktion mit Muttersprachlern. Am 18. Oktober wurde Chatterbug offiziell gelauncht und ist jetzt für jeden Interessierten frei verfügbar. Bisher können Nutzer aber nur eine Sprache lernen: Deutsch. Das sei eine Sprache gewesen, die er noch nicht habe sprechen können und die großes Potenzial versprochen habe, sagt der Ideengeber des Programms, Scott Chacon.

Mit ihrer Idee wagen sich die Chatterbug-Gründer auf einen zwar großen, aber auch gesättigten Markt: Sprachschulen und Privatlehrer bieten längst individualisierte Kurse an, Anbieter wie Babbel und Duolingo decken das Interesse in der digitalen Sphäre ab. Allein Duolingo kommt nach eigener Aussage auf 170 Millionen Nutzer, Babbel verweist auf eine Million zahlende (!) User. Warum also ausgerechnet ein Sprachlernprogramm?

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„Ich wollte einfach eine Lösung kaufen.“ 

Scott Chacon beantwortet diese Frage, indem er seine eigenen Erfahrungen skizziert. Als er nach Frankreich zog, wollte er unbedingt die Landessprache lernen. Also lud er sich die einschlägigen Apps runter. Doch er sagt: Damit lernte er nur Vokabeln, nicht die Konversation. Dann besuchte er eine Sprachschule. Doch dort konnte sich der Dozent ihm nur wenige Minuten pro Stunde widmen. Schließlich engagierte er sogar einen privaten Tutor, mit er durch Paris spazierte. Doch der war nicht nur teuer, Chacon lernte auch nicht strukturiert die Grammatik und die Vokabeln.

Zwar brachten ihn all diese Wege dem Ziel näher, Französisch zu verstehen und zu sprechen. Aber: „Ich musste viel Zeit ausgeben, um das Curriculum zusammenzustellen“, sagt Chacon auf Deutsch. Er habe verzweifelt nach einer Lösung gesucht, die eine Mischung aus den Ansätzen sei, die gleichzeitig beim Grammatik- und Vokabeln-Lernen helfe, die aber auch den Austausch mit Muttersprachlern ermögliche. Nur fand er kein Angebot, das seinen Wünschen entsprach. Das sei sehr frustrierend gewesen: „Ich wollte einfach eine Lösung kaufen.“ Als er nichts fand, baute er seine eigene Software – für Menschen mit dem gleichen Problem. Seine früheren Github-Kollegen stießen nach und nach dazu, gemeinsam bastelten sie an dem Produkt.

So sieht eine Lernsession mit einem Tutor auf dem Portal Chatterbug aus. (Screenshot: Chatterbug)

Herausgekommen ist Chatterbug. Wie die digitalen Produkte vieler Silicon-Valley-Firmen basiert auch dieses Programm auf Ruby on Rails. „Ich habe erst noch jQuery genutzt, weil ich der alte Mann bin, der Dinge von vor zehn Jahren verwendet“, scherzt Chacon. Seit neuestem baut das Tech-Team vor allem auf das Javascript-Framework React, um die User-Experience auf mobilen Geräten zu verbessern.

Für die Nutzer besteht das Programm aus zwei wesentlichen Teilen: Sie können sich selbst Vokabeln und Grammatik aneignen, bekommen etwa Lückentexte, in die sie das richtige Wort eintragen müssen, einzelne Vokabeln, die sie übersetzen sollen, oder Aufgaben, bei denen sie das Perfekt bilden müssen. Je nachdem, wie schnell sie vorankommen wollen, können sie sich bestimmte Lernziele setzen: Drei Tage die Woche jeweils zwei Stunden üben, bis April das A2-Level erreichen.

Die Nutzer können auch digital Sprachunterricht bei Muttersprachlern nehmen. Das sehen die Chatterbug-Gründer als entscheidenden Vorteil gegenüber Wettbewerbern wie Babbel oder Duolingo, bei denen alles automatisiert abläuft. Über das Interface von Chatterbug können die User einen Termin buchen und dann per Videochat mit einem Tutor sprechen. Dieser arbeitet mit dem Nutzer beispielsweise an seiner Aussprache oder simuliert mit ihm Alltagssituationen. Die Tutoren halten sich an ein Curriculum, das von zertifizierten Sprachlehrern konzipiert worden ist.

„Wenn man den Preis mit einer Sprachschule vergleicht, ist das ein guter Deal.“ 

Für die User kostet das Programm 15 Euro pro Monat. Darin enthalten ist eine sogenannte „Live Lesson“, wie die Videochats bei Chatterbug heißen. Wer acht Stunden pro Monat mit einem Tutor verbringen will, kann ein Abo-Modell für 80 Euro abschließen. Ab 195 Euro können Nutzer so viele Stunden buchen, wie sie wollen. Das Angebot ist teurer als bei der direkten Konkurrenz: Bei Babbel gehen die Preise ab knapp zehn Euro im Monat los, Duolingo ist sogar kostenlos. Liz Clinkenbeard verweist auf die Interaktion mit Muttersprachlern, die es bei Wettbewerbern nicht gibt: „Wenn man den Preis mit einer Sprachschule vergleicht, ist das ein ziemlich guter Deal.“

Die Tutoren erhalten zwölf Euro für eine Stunde beziehungsweise neun Euro für 45 Minuten. Vor- und nachbereiten müssen sie einen Kurs nicht. Bei der Auswahl seiner „Lehrkräfte“ achtet Chatterbug auf zwei Aspekte: dass Deutsch die Muttersprache des Tutors ist und dass er freundlich sowie motivierend mit seinen Schülern umgeht. Lehrerfahrung spielt keine Rolle, auch Privatpersonen können bei Chatterbug anfangen. „Sie müssen nicht erklären können, warum ein Nutzer etwas falsch ausspricht, sondern nur sagen, dass es nicht so ausgesprochen wird“, sagt Scott Chacon. Das System erkläre dann das Wieso. Bevor sie die Chatterbug-Nutzer unterstützen, müssen die Tutoren eine Teststunde absolvieren. Wer ins Konzept passt, darf dann lehren.

2018 will Chatterbug das Sprachangebot ausweiten

Noch kann Chatterbug nur wenige Nutzer vorweisen. Etwa 200 Personen verwenden das Programm derzeit, allerdings ist die Betaphase auch gerade erst abgeschlossen. Angesprochen auf die Nutzerzahl, die die Gründer bis Ende des Jahres erreichen wollen, sagt Clinkenbeard mit einem Grinsen: „Everyone!“ Mitgründer Chacon ist da schon vager. Ihm gehe es vor allem darum, dass das Produkt wirklich das beste sei, dass es wirklich beim Sprache lernen helfe.

Immerhin verrät er so viel: 2018 soll Chatterbug auch weitere Sprachen anbieten. Im Fokus stehen vorerst Englisch, Spanisch und Französisch. Vielleicht kämen zudem bald Japanisch und Mandarin hinzu, sagt Chacon. Das seien zwei Sprachen, die er selbst gerne noch lernen würde. Das Geschäftsmodell könnte sich durch die neuen Sprachen noch mal etwas ändern. Statt Geld könnten die Tutoren ihre Arbeitszeit künftig auch zur Verfügung stellen, um selbst Kenntnisse einer neuen Sprache zu erwerben. Eine Stunde Lehren für eine Stunde Lernen.

 „Wie können wir dieses Unternehmen genauso robust machen wie Github?“

Eine Frage umtreibt Scott Chacon, Liz Clinkenbeard und ihre Mitstreiter besonders: Wie sehr lässt sich ihr Angebot skalieren? Die Entwicklung des Curriculums sei „sehr schwierig“ gewesen, sagt Chacon im Gespräch mit t3n.de. „Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, einen Lehrplan aufzubauen, der wirklich funktioniert.“ Er hoffe, dass dieser Schritt bei den weiteren Sprachen künftig einfacher werde, dass man nur die Vokabeln, die Grammatik ändern müsse, die Technik dahinter aber gleich bleibe. „Wir müssen schauen, wie effizient wir die Lehrpläne jetzt produzieren können.“ Grammatik und Vokabeln unterscheiden sich je nach Ursprung der Sprache allerdings gewaltig. Ob ein System für alles taugt, muss Chatterbug erst unter Beweis stellen.

Vielleicht hilft die Erfahrung bei Github. Alle vier Gründer haben einst bei der Tech-Plattform gearbeitet, alle haben dort das Wachstum erlebt – manche mehr, manche weniger. Chacon und Preston-Werner waren fast von Tag eins bei Github dabei, Belfer und Clinkenbeard kamen 2012 dazu. Damals arbeiteten 100 Mitarbeiter für die Tech-Plattform. Als sie sie 2016 verließen, hatte sich die Zahl nahezu versechsfacht. Dasselbe gilt für das Produkt. Wenn also jemand Skalierungserfahrung hat, dann diese vier.

Über seine Zeit bei Github sagt Chacon: In seinen Anfängen  sei er sehr begeistert gewesen, etwas zu schaffen, das es vorher noch nicht gab. Die Idee sei zufällig sehr groß geworden, vorher sei das nicht unbedingt absehbar gewesen. Chatterbug erinnere ihn an die Anfänge seines Ex-Arbeitgebers: Er will wieder etwas bauen, das es vorher in dieser Form noch nicht gab. Für ihn stellt sich die Frage: „Wie können wir von Github lernen und dieses Unternehmen genauso robust machen wie das letzte?“

Liz Clinkenbeard hat Linguistik studiert und bringt ihre Kenntnisse bei Chatterbug ein. (Foto: Chatterbug)

Eine Sache, da sind sich Chacon und Clinkenbeard einig, wollen sie nicht von Github übernehmen. Belästigungsvorwürfe, wie es sie gegen Preston-Werner in seiner Zeit als CEO der Plattform gab, sollen sich nicht wiederholen. „Wir haben uns darüber ausführlich unterhalten“, sagt Clinkenbeard, „und wir haben als einen der ersten Punkte eine klare Reporting-Struktur bei Chatterbug etabliert.“ Github seien die flachen Strukturen zum Verhängnis geworden: Bei Problemen hätten manche Mitarbeiter nicht gewusst, an wen sie sich wenden könnten, erklärt die Linguistin. Bei Chatterbug soll den Mitarbeiter hingegen klar sein, wen sie ansprechen können – so die Vision.

Derzeit arbeiten zwölf Mitarbeiter bei dem Startup in San Francisco, eine Mischung aus Linguisten und Entwicklern. Für Liz Clinkenbeard ist das „perfekt“. Es sei das erste Mal, dass sie ihre persönliches Interesse in Linguistik und ihre Karriere als Kommunikationsprofi verbinden könne. „Ich habe Linguistik studiert und meine Abschlussarbeit über Spracherwerb geschrieben“, erzählt sie beim Interview in Berlin. Es habe sie interessiert, bessere Wege zu finden, um eine Sprache zu lernen. Als Scott Chacon ihr erstmals von seiner Idee zu Chatterbug erzählte, war sie sofort begeistert. Wenig später stieß sie zum Team dazu.

Bisher hat Clinkenbeard rund 100 Stunden Deutsch gelernt, sowohl allein als auch mit Tutor. Ihr erstes Erfolgserlebnis hatte sie vor zwei Wochen. Als sie mit einer Erkältung nach Berlin kam, konnte sie dank ihrer Sprachkenntnisse in die Apotheke gehen und auf Deutsch ihre Symptome beschreiben. Auch wenn sie krank gewesen sei: „Das hat Spaß gemacht.“

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