Porträt

Von Cobol in die Cloud: Wie diese Estin Banken aus dem IT-Mittelalter führt

Vilve Vene, CEO und Co-Founderin von Modularbank. (Foto: Vilve Vene)

Veraltete Systeme und große Legacy-Codebases sind ein Problem, das die Finanzwelt seit Jahren umtreibt. Vilve Vene hat Erfahrung mit deren Modernisierung und weiß: Der Code ist nur ein Teil des Problems.

Ein Großteil der IT des Finanzsektors weltweit läuft auch heute noch auf Cobol, einer Programmiersprache, die es bereits seit den 60er Jahren gibt. Gewartet werden diese Systeme oft von Programmierern, die kurz vor dem Ruhestand stehen, angefasst wird der Legacy-Code nach Möglichkeit nicht.

Vilve Vene kämpft gegen alten Code: Die 58-jährige Estin ist CEO und Mitgründerin des estnischen Fintechs Modularbank und hat die Mission, die mittelalterliche IT-Welt der Banken die moderne Cloud zu überführen. Eine Mammutaufgabe, bei der Vene immer wieder feststellt: Am Ende geht es gar nicht nur um Software, die Aufgabe ist größer.

Vene hat Erfahrung mit der Modernisierung von Finanzsystemen, leistete in den 90er Jahren Pionierarbeit im Bereich Onlinebanking und modernisierte das estnische Steuersystem. Lange bevor Fintech ein gängiger Begriff wurde, entwickelte sie bereits innovative Finanztechnologien. Im Gespräch mit t3n erklärt sie, warum eine Modernisierung der alten Legacy-Systeme so schwierig umzusetzen ist und welchen Ansatz sie dabei verfolgt.

Ein Treffen in Coronazeiten

Ich treffe die lebhafte Estin in einem Zoom-Call, die Corona-Pandemie inklusive Ausgangsbeschränkungen ist in vollem Gange, an ein persönliches Treffen nicht zu denken. Für einen Tag Anfang Mai ist es ungewöhnlich kalt. Vene sitzt mir in einem ledernen Sessel gegenüber, im Hintergrund brennt ein Kaminfeuer, die eine Wand, die ich über das Zoom-Fenster sehen kann, ist holzvertäfelt. Ebenfalls zugeschaltet ist Venes deutschsprachiger Consultant, der das Treffen organisiert hat. Er wird sich das Gespräch über im Hintergrund halten.

Sie habe Mathematik studiert, erzählt Vene auf die Frage, wie sie zur Finanz-IT kam. Algorithmen und Logik waren Teil des Studiums. Auch Programmieren habe dazugehört. Ihre Augen blitzen, sie rückt etwas näher an die Kamera, während sie erzählt: „An der Universität lernten wir zuerst Assembler, eine sehr alte, maschinenorientierte Programmiersprache. Mir hat die Arbeit damit großen Spaß gemacht – Assembler ist eine Programmiersprache, bei der man immer exakt sehen kann, was welche Eingaben wo in einem System bewirken.“

Die damalige Hardware: Mainframes

Als nächstes lernte sie Fortran, eine Programmiersprache, die ein ähnliches Alter aufweist wie Cobol, die Programmiersprache, auf der seit den 70er Jahren ein signifikanter Teil der Finanz-IT basiert. In den ersten drei Jahren ihres Berufslebens programmierten Vene und ihre Kollegen vornehmlich in Fortran – auf Mainframes. Estland befand sich damals unter sowjetischer Besatzung. Das Aufkommen der ersten Desktop-PCs Ende der 80er Jahre änderte alles, erinnert sie sich. Neue Programmiersprachen kamen auf. Mit der neuen Hardware wurde Programmieren auf einmal sehr viel interaktiver, als das zu Zeiten der Lochkarten der Fall war: „Man konnte Befehle tippen und hatte auf einmal einen Bildschirm.“ Ende der Achtziger wurde C, eine Programmiersprache aus den Siebzigern, die heute immer noch verwendet wird, immer populärer. „Ich habe all diese Veränderungen mitgemacht“, sagt Vene.

Cobol, das schlecht gealterte Sorgenkind der Finanz-IT, hat die Estin nie gelernt. Zu ihrer Studienzeit hatte man die Programmiersprache bereits aus dem Curriculum der Universitäten verbannt. Die meisten Cobol-basierten Systeme wurden in den 70er Jahren entwickelt. Über die nächsten 20 Jahre vergrößerten sich die Code-Monolithen, Features wurden ergänzt und umgeschrieben, Bugs gefixt – oft ohne, dass jemand sich berufen fühlte, Änderungen zu dokumentieren. In westlichen Ländern gibt es zusammengenommen etwa zwei Milliarden Zeilen Cobol-Code, den heutzutage niemand mehr anrühren will.

Kaum Legacy-Code in Estland

In Estland nicht: Als 1991 das Baltikum seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion wiedererlangte und die estnische Republik gegründet wurde, waren viele Prozesse innerhalb des kleinen Staates noch nicht digitalisiert, Datenerfassung und dergleichen hatten bisher in Papierform stattgefunden. Aufstrebende neue Geschäftsmodelle und Neugründungen entstanden ohne jede technologische Basis, auf der sie aufsetzen konnten, „aus dem Nichts“, beschreibt Vene die damaligen Zustände. Auch der öffentliche Sektor war eine Leerstelle innerhalb der neugegründeten Republik: „Wir hatten Glück, dass wir dieses Cobol-Erbe nicht hatten. Wir konnten komplett bei Null anfangen. Weil damals kein Geld da war, mussten wir Esten unsere Systeme selbst bauen, wir hatten gar keine andere Wahl“, erklärt sie.

30 Jahre Erfahrung mit Legacy-Systemen

Ihrem Lebenslauf entnehme ich, dass sie über mehr als 30 Jahre Erfahrung mit der Modernisierung von Finanzsystemen verfügt. Ich frage, wie denn so eine Transformation eines auf Cobol basierenden Systems überhaupt abläuft.

„Wie gesagt: Ich habe nie mit Cobol entwickelt“, stellt Vene noch einmal klar. „Aber natürlich hatten wir Kunden, Banken, die Cobol inhouse in Verwendung hatten“, sagt sie. „Natürlich ist es ein Problem, dass es keine Programmierer dafür gibt. Aber das ist nicht der Punkt! Wir können neue Programmierer ausbilden. Wir können ihnen ein gutes Gehalt anbieten, dann werden sich schon Entwickler finden, die bereit sind, sich auf die Sprache einzulassen. Das wird uns mittelfristig aber nicht weiterbringen. Diese Technologien sind so alt, sie erfüllen unsere heutigen Anforderungen nicht mehr.“

Venes Stimme ist anzuhören, dass das genau ihr Thema ist: „Man nehme nur einmal Time-to-Market im Bankensektor“, sagt sie. Neobanken können schnell und agil handeln, traditionelle Banken nicht. Datenbasierte personalisierte Services, Datenanalyse und der Einsatz von KI oder auch das plattformübergreifende Zusammenspiel mit Angeboten und Plattformen anderer Unternehmen – all das sei unmöglich mit in Cobol gecodeter Software, die auf Mainframes basiert. Cobol wird in sogenannten Batches prozessiert. „Wie sollen da Onlineservices in Echtzeit möglich sein?“, fragt sie, nur um sich die Frage gleich selbst zu beantworten: „Gar nicht, das ist schlicht nicht darstellbar.“

Lies auch: Senior Programmer händeringend gesucht – für 60 Jahre alte Programmiersprache

Es gebe aber noch einen anderen Aspekt, spricht die mehrfache Gründerin weiter. Die Code-Monolithen, an denen über Jahrzehnte weitergeschrieben wurde, seien riesig. Cobols Syntax lade förmlich dazu ein, Spaghetti-Code zu schreiben: „Modularität und komponentenbasierte Programmierung waren damals noch kein Thema. Sie schüttelt lebhaft den Kopf. Neue Programmierer hätten kaum eine Chance zu verstehen, wie sich eine Änderung an einer Stelle innerhalb eines solchen Programms auf den Rest des System auswirkt – letztlich sei das der Grund, warum die Leute soviel Angst davor hätten, den Legacy-Code anzufassen.

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Dein t3n-Team

4 Kommentare
egal
egal

C ist von Anfang der 70er.

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W
W

Super Artikel, danke dafür!

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davidmueller85
davidmueller85

Und weshalb nutzt man Cobol? Soweit ich weiß hat Cobol durchaus seine Berechtigung und es gibt auch entsprechende Nachfolgesprachen. Ich kann nicht programmieren bzw. kenne die Hintergründe leider nicht gut genug, aber ich glaube es hatte etwas mit Gleitkommazahlen zu tun. So sind andere Programmiersprachen auf 3-5 Nachkommastellen genau, Cobol speichert aber die Bruchzahlen und errechnet das Ergebnis immer wieder neu. So oder so ähnlich. Wäre schön wenn der Artikel auf sowas eingegangen wäre. https://www.theverge.com/2020/4/14/21219561/coronavirus-pandemic-unemployment-systems-cobol-legacy-software-infrastructure https://medium.com/@bellmar/is-cobol-holding-you-hostage-with-math-5498c0eb428b

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ZEP
ZEP

Ich bin kein Cobol-Programmierer, möchte aber mal für diese Partei ergreifen. Klar kann man Spaghetti-Code programmieren und sicher gibt es auch Cobol-Monolithen. Die meisten Programmierer beherrschen aber ihren Job und produzieren gute, performante und auch lesbare Programme. Es gibt zum Beispiel Objektorientiertes Cobol. Das Cobol in vielen Ausbildungsgängen nicht mehr gelehrt haben nicht die Programmierer zu verantworten. Das liegt mehr daran, dass die Verantwortlichen Cobol nicht mehr „sexy“ finden.

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