Kolumne

Cohns fabelhafte digitale Welt oder: Siri petzt

(Bild: t3n)

Unsere Zukunft ist digital …! Unsere Zukunft ist rosig …!?? Oder: „Wer lauscht denn da?“

Erinnern Sie sich, verehrte Premillennials noch an die mühseligen Bemühungen einer realsozialistischen Behörde im kleineren Deutschland, welche ganz hingebungsvoll der ihr gestellten Aufgabe – die Sicherheit des Staates zu schützen und seine Stabilität zu gewährleisten – nachging, indem sie die eigenen Bürger mütterlich-freundlich bespitzelte und bei einem nonkonformen Verhalten tadelnd-strafend in die gleichgeschalteten Reihen zurück holte? Nonkonforme Bürger? Da reichte schon mal ein schlechter politischer Witz, um die geballte Staatsmacht auf den Möchtegern-Mario-Barth niedersausen zu lassen!

Für alle nachwendlich geboren Leser/innen, ich meine die Stasi, die Behörde für Staatssicherheit der gesunkenen Deutschen Demokratischen Republik. (Sollte deren Demokratie- und Republikverständnis vielleicht gerade bei uns wieder wie das verfluchte karibische Geisterschiff „Flying Dutchman“ aus dem schwarzen Sumpf des Vergessens auftauchen?)

Was hatten diese Jungs damals doch für Mühe, ihre schutzbefohlenen Bürger zu beobachten und zu observieren.

Die perfekte Wanze

Gut, das Prinzip des IM, des Informellen Mitarbeiters, funktionierte damals ziemlich effizient, jeder bespitzelte jeden, und alle waren unter Kontrolle, aber so etwas wie Alexa, das gehörte zu den feuchten Träumen eines Stasihäuptlings. Eine perfekte Wanze, die sich der Bürger auch noch freiwillig und auf eigene Kosten ins Haus holt, kein mühsames Sockelleisten weghebeln, Kabel verstecken, Löcher in die Wand bohren, kein Mikrofon im Lampenschirm verstecken, kein Minoxphotographieren mehr, der zu Observierende kauft sich seine perfekte Wanze selber, bezahlt sie auch noch teuer und stellt sie gut wirksam in den eigenen vier Wänden auf! Das ist doch der nicht zu toppende Wunschtraum jedes Geheimdienstlers.

Gut, Sie werden einwenden, die Abnehmer Ihrer intimen Daten seien Privatunternehmen und kein staatlicher Dienst. Und folglich seien Ihre Daten ja auch artig anonymisiert und „nur“ in solcher Form an irgendwelche diffusen Dritte weitergeleitet worden. Dritte, das sind Firmen in irgendwelchen Ländern, in denen Billiglöhnler mit Kopfhörern vor Bildschirmen sitzen und Ihr Liebesgeflüster „verschriftlichen“.

Folglich müssen diese ziemlich gut Deutsch können, oder was schreiben die da genau? Die drängendste Frage, die sofort entsteht, wem gehören diese Firmen eigentlich? Wer investiert soviel Geld und gründet irgendwo im fernen Ausland Firmen, die fern von allen Europäischen oder amerikanischen Datenschutzgesetzen private Daten und Mitschnitte gutgläubiger Bürger auswerten?

Das fadenscheinige Deckmäntelchen

Und das alles unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der „Performanceverbesserung“?
Das lassen Sie sich doch bitte einmal ganz langsam und mit Genuss auf der Zunge zergehen: Sie werden in den allgemeinen Geschäftsbedingungen freundlich gefragt: „Möchten Sie zur Performanceverbesserung dieses Produktes beitragen?“. Und weil sie ein netter, hilfsbereiter Mensch sind, klicken Sie ahnungslos auf „Ja“ und unterschreiben damit, ohne es zu wissen, Ihr Einverständnis zu Ihrer persönlichen Totalüberwachung!

Nun hatte ja das fragliche Unternehmen öffentlich gelobt, derartige Lauschangriffe auf unbescholtene Bürger in Zukunft zu unterlassen. Ja aber, hat es das wirklich? Ich zitiere wörtlich aus dem Brief des Whistleblowers Thomas Le Bonniec: „Jeden Tag habe ich Hunderte von Aufnahmen von verschiedenen Apple-Geräten (z. B. iPhones, Apple Watches oder iPads) angehört. Diese Aufnahmen wurden oft unabhängig von der Aktivierung von Siri aufgezeichnet […]. Diese Verarbeitungen wurden durchgeführt, ohne dass Benutzer davon Kenntnis hatten, und wurden in Datensätzen gesammelt, um die Transkription der vom Gerät vorgenommenen Aufzeichnung zu korrigieren.“

Na sieh mal einer, kuck! Die haben einfach munter so weiter gemacht wie bisher! Wie wenn sie selbst da nie irgend etwas dazu gesagt hätten! Und keiner hat das kontrolliert und diesen Firmen auf die gierigen Finger gehauen? Warum eigentlich nicht?

Das mulmige Gefühl

Hätte es den Whistleblower Le Bonniec nicht gegeben, Sie hätten davon nie etwas erfahren und sich auch weiterhin völlig umbelauscht gefühlt! Und wenn Ihnen jetzt irgendwie mulmig geworden sein sollte, dann ahnen Sie vielleicht, wie sich die Menschen auf der Innenseite des eisernen Vorhanges jahrzehntelang gefühlt haben müssen.

Und wie sich herausstellt, werden wir auf diese Art und Weise nicht nur verappelt, die hässliche Datenkrake, Tante Google und, nicht zu vergessen, Winzigweichs Cortana mischen bei diesem abscheulichen Spiel mit grossem Elan und Begeisterung auch schon lange mit! Warum nur bin ich darüber nicht erstaunt?

Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem Argument: „Sollen die mich doch ruhig abhören, ich hab ja nichts zu verbergen!“ Gerade eben noch waren Sie derselben Meinung wie die Bundesmami oder Österreichs Bundesnexttopmännermodell Basti Fantasti und jetzt, nachdem diese ihrer Meinung um 180 Grad geändert haben, sind Sie der übelriechende Verschwörungstheoretiker, den man unbedingt überwachen und mundtot machen muss! So schnell kann’s gehen. Und dank Alexas, Siris und Co.s Mitschriften, können Sie jetzt nicht mal mehr das Gegenteil behaupten.
Im Lichte all dieser zutage getretenen Indizien frage ich mich, wozu ließ Google eigentlich einen unfassbar teuren Quantencomputer bauen, der selbst das komplizierteste Passwort in ungefähr drei Minuten knacken kann?

Ja und, wozu das nun alles? Ist es nicht einfach nur naiv, anzunehmen, dass, jene uralte Entschuldigung für jede noch so grauenvolle Unmenschlichkeit: „Ja, wenn ich das Geld für diese Schweinerei nicht nehme, dann nimmt es eben ein anderer, also, warum soll ich diese dann nicht gleich begehen und damit meine Familie ernähren?“ heute etwa nicht mehr verwendet werden würde? Die Steigerung davon wäre ja dann nur: „Da kann ich doch nichts dafür, ich habe ja nur auf Befehl gehandelt!“ Und getoppt wird das dann nur noch von: „Es tut mir leid, aber das System will das so!“

Oder, wie sagt schon das schöne jüdische Sprichwort: „Hat der Mensch einen Knüppel, wird sich immer ein Hund zum Prügeln finden.“

Ach ja, und was ist, wenn sich die „Verschriftlicher“ wegen ihrer schlechten Bezahlung doch noch einen kleinen Nebenverdienst suchen und das Wissen um Ihre gefakte Steuererklärung an passende „Interessierte“ verkaufen? Wollen Sie nicht doch mal schnell nachschauen, ob Ihre Kinder noch in ihrem Kinderzimmer sind? Wenn nicht, wollen Sie sich wirklich die Carabinieri oder Guardia di Civil ins Haus holen und damit als Steuerhinterzieher auffliegen?

Und nein, die Welt ist schön und alle Menschen sind gut! Träumen Sie heute Nacht was Schönes …

Was unsere fabelhafte digitale Welt sonst noch an Überraschungen für William Cohn bereithält, lest ihr hier.

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