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Kommentar

Corona-Maßnahmen: Schließt alles – oder lasst die Menschen entscheiden

Die Politik ist gefangen in einem gefährlichen Raum zwischen Durchregieren im Privaten und Appellen an die Vernunft der Unternehmen. Andersherum wäre vernünftiger, kommentiert t3n-Autorin Isabell Prophet.

6 Min.
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(Foto: Chansom Pantip / shutterstock)

Tanzende Menschen auf der Spree. Massenpartys in Frankreich. Volle Parks. Stau auf den Autobahnen vor Wanderregionen. Gewalt durch Maskenverweigerer und Menschenmassen bei Demonstrationen gegen Corona-Regeln. So wie es aussieht, liegt das Problem der Pandemie vor allem bei den Menschen. Sie halten sich nicht an Appelle, sie tragen ihren Protest so vor sich her, dass sie damit andere gefährden. Es sind gute Bilder, mit ihnen lässt sich Politik machen. Folglich soll der Bewegungsradius eingeschränkt werden, die Kitas bleiben geschlossen und die Schulen, nun ja, es ist schwer zu sagen, was das nun ist. Bilder, die fehlen: Menschen in Großraumbüros. Menschen in Meetings. Menschen in Fahrstühlen. Menschen in Lagerhallen. Über Fußball schweigt man sich aus. Und ganz ehrlich, ein Teil von mir ist heimlich froh, dass noch gespielt wird, auch wenn ich es falsch finde. Denn die Emotionen der Menschen müssen irgendwo hin, und beim Fußball richten sie wenigstens keinen Schaden an.

Die Maßnahmen widersprechen sich

An Unternehmen gibt es einen wohlmeinenden Appell, Homeoffice zu ermöglichen. Und hier fängt es an. Denn wenn Familien Kinder zu Hause haben, ist Heimarbeit nicht möglich. Das wissen die Unternehmen auch – deshalb haben sie jedes Interesse, ihre Angestellten in der Firma zu halten. Das Ergebnis sind Eltern, die ihre Kinder gar nicht in die Notbetreuung schicken wollen, aber das Gefühl haben, zu müssen, einfach weil es die Möglichkeit ja gibt. Viele klagen in dieser Zeit, dass sie unter Druck gesetzt werden. Sie fordern die Schließung und ein Ende der Notbetreuung nach eigenem Ermessen, wie es das in einigen Bundesländern gibt, darunter Berlin. Mit der eingeschränkten Betreuung wollen sie erreichen, dass sie – ohne schlechtes Gewissen und ohne Druck aus der Chefetage – zu Hause bleiben können. Ein legitimer Wunsch.

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Doch was das mit Familien macht, die zwar nicht systemrelevant sind, aber eigene Gründe haben, die Notbetreuung zu brauchen, ist schwer zu ermessen. Es ist eine Situation, in der eine Gruppe von Eltern etwas fordert, dass eine andere Gruppe von Eltern über jedes Maß gefährdet.

Ich spreche von wirtschaftlichen Aspekten, aber auch von psychischen Belastungen. Von Alleinerziehenden und Frauen, die es zwar auf dem Papier nicht sind, in der Realität aber doch. Von Menschen, die als Selbstständige Projekte haben, die ihre Zukunft sichern sollen. Von Menschen, die sieben Tage die Woche, viele Wochen am Stück, mit Kindern auf Dauer nicht schaffen. Die überfordert sind. Es ist in Ordnung, überfordert zu sein. Dann gibt es Häme, dann heißt es von Männern: „Sie hätte keine Kinder bekommen sollen“, aber das ist Quatsch.
Kinder sind einsam, wenn sie keinen Kontakt zu Gleichaltrigen haben. Dann rasten sie aus.

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Verbrächten die hämischen Kommentatoren Zeit mit ihren Kindern, dann wüssten sie das. Sprächen sie mit ihren Freunden über Familien-Situationen, dann wüssten sie, dass das eigene Familien-Erleben niemals das Maß aller Dinge ist. Es gibt verdammt gute Eltern da draußen, die verdammt überfordert sind. Und nach der aktuellen Gestaltung der Kontaktregeln könnte es Kleinkindern künftig vollkommen untersagt sein, Gleichaltrige zu treffen: Das Land NRW hat angekündigt, dass auch Kinder bei den Kontaktregeln gezählt werden sollen. Das ist Politik wie ein Mentos in einer Cola-Flasche.

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Eltern gegen Eltern kann nicht die Lösung sein

Deshalb brauchen wir die Notbetreuung nach eigenem Ermessen. Eltern sind vernünftig. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Deswegen Familien gegen Familien auszuspielen – zulasten der Mütter, die das alles immer noch überwiegend auffangen müssen –, das schadet dem Zusammenhalt der Gesellschaft.

Hier reicht ein Appell, wie ihn Berlin derzeit hat: Lasst eure Kinder zu Hause – wenn es geht. Wenn es nicht geht, bringt sie in die Kita. Verdienstausfall muss dann anders geregelt werden. Wir haben noch immer eine Pandemie – dass es grundsätzlich Betreuung gibt, darf nicht zum zwingenden Faktor werden, sie auch zu nutzen.

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Ähnlich absurd ist die Einschränkung der Bewegungsfreiheit gestaltet. Die Stadt zählt als Wohnort, der Radius wird drum herum gezogen. Das bedeutet schlicht: Städter werden im Ballungsraum eingeschlossen. Und Menschen auf dem Land sind im Ernstfall isoliert. Vielleicht lohnt es sich nicht, diese Maßnahme hier zu diskutieren – sie kann in ihrer fehlenden Verhältnismäßigkeit nicht verfassungskonform sein. Massenausbrüche haben wir bislang nicht in Wanderregionen gesehen. Ja – die Bilder von Staus sahen dramatisch aus. Doch wer schon mal im Harz war, der weiß: Da ist relativ viel Platz. Die Menschen wollten raus, deshalb sind sie ja da hingefahren! Das ist bei Schnee übrigens immer so. Hier reichen lokale Maßnahmen, um die Ströme zu lenken.

Der Fokus gehört auf die Arbeitsplätze

Massenausbrüche haben wir in Schweinefleisch-Fabriken gesehen. In Kirchen. In Unternehmen. Also an den unantastbaren Freiheiten in Deutschland. Gegen die Kleinen lässt sich Politik machen, denn Restaurant-Betreiber bezahlen keinen Wahlkampf, Theater auch nicht. Selten hat die Politik so offen gezeigt, wie sehr ihnen die Lobbyisten aus der Wirtschaft ans Herz gewachsen sind. Wir müssen die Wirtschaft schützen, keine Frage. Das sind unsere Arbeitsplätze. Aber das Leben müssen wir eben auch schützen. Die Instrumente für Gewinn-Ausfälle hat der Staat schon längst geschaffen.

Doch eine kluge Politik würde überall ansetzen, wo Menschen sich treffen. Menschen treffen sich in Unternehmen. Sie treffen sich in Fabriken. Sie treffen sich im öffentlichen Nahverkehr, den sie nutzen, weil sie müssen.

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Auch interessant: „Homeoffice, Präsenz oder Hybrid? So arbeiten die Dax-30 nach Corona weiter“

Bislang bestand für sie kein Risiko. Als die Corona-Zahlen im Herbst wieder stiegen, wurden in meinem Freundeskreis schon die „Passierscheine“ ausgehändigt – systemrelevant ist dann jeder, der möchte oder nicht möchte, also eigentlich jeder, dessen Arbeitgeber eine Lücke im System findet und sie nutzen will, also alle.

Wie die Kriterien wirklich gestaltet sein müssen

Unternehmen sollten deshalb drei Dinge tun müssen, um weiterhin Menschen an Arbeitsplätzen zu versammeln:

  1. Sie sollten nachweisen müssen, warum ihr Betrieb vor Ort für die Versorgung der Bevölkerung wichtig ist. Tipp: Die Versorgung mit Autos, Krawatten und Schmuck meine ich nicht.
  2. Sie sollten nachweisen müssen, dass die Arbeit einer einzelnen Person vor Ort stattfinden muss, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Verwaltungen wirklich wichtiger Organisationen sollten ein Eigeninteresse haben, sich selbst nach Hause zu verlegen. Auch ein Controller kann eine Katastrophe ins Krankenhaus tragen.
  3. Wenn sie objektiv wichtig für die Versorgung der Bevölkerung sind, dann müssen sie zwingend nachweisen, dass sie ihre Angestellten schützen können. Ein Fleischbetrieb, der das nicht kann, der liefert dann eben kein Fleisch. Der Unternehmer hat versagt. Da müssen wir durch.

Die Listen der „Systemrelevanz“ haben sich nicht bewährt. Sie wurden am einen Ende sinnlos ausgenutzt, am anderen Ende fielen Menschen durchs Raster. Ich kenne schwerkranke Menschen, denen niemand mehr half, weil sie leider nicht auf einer Liste standen.

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Menschen kann man trauen

Die aktuelle Politik ist nach dem Motto gestaltet: Unternehmer sind vernünftige Menschen, sie stützen unsere Gesellschaft. Und das ist wahr. Aber nur bis zur Grenze der eigenen Wichtigkeit. Natürlich hält man die eigene Organisation gern für wichtig genug, alle in die Firma zu zitieren. Vernünftig ist das nicht. „In Berlin kostet es bis zu 10.000 Euro Bußgeld, wenn ein Restaurant unerlaubt öffnet. Das Bußgeld für Unternehmen, die ohne jede Notwendigkeit auf Präsenzarbeit bestehen, beträgt null Euro, es existiert schlicht nicht“, schreibt die Grünen-Politikerin Laura-Sophie Dornheim im Tagesspiegel. Dornheim ist Unternehmerin.

Wir brauchen Regeln für Unternehmen und wir brauchen mehr Gestaltungsfreiheit für Menschen. Der Vater eines Neugeborenen kann sehr gut selbst entscheiden, ob er um 22 Uhr einen Spaziergang mit dem Kleinen in der Trage vorm Bauch machen möchte – oder muss. Die alleinstehende Programmiererin weiß selbst am Besten, ob sie Samstag einen Ausflug mit einer Freundin machen möchte und wohin und ob sie es dann doch lieber lässt, weil es riskant wäre. Vertraut Menschen!

Auch interessant: „Was eine Mutter Eltern rät, damit Homeoffice und Homeschooling klappen“

Und ja, Eltern können selbst entscheiden, ob ihre Kinder in die Notbetreuung sollten und wie oft und wie lange. Eine sinnvolle Maßnahme wäre es, wenn Kitas mit hoher Auslastung die Zeit beschränkten: Vier Tage statt fünf, oder sechs Stunden statt acht. Solche Maßnahmen sind beherrschbar und können gezielt dort angewendet werden, wo es nötig ist. Wo nur drei oder vier Kinder überhaupt in die Kita gebracht werden, ist keine Beschränkung nötig – oder sinnvoll.

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Das Durchregieren im Privaten hat sich nicht bewährt. Die Appelle an die Wirtschaft auch nicht. Zeit, es umgekehrt zu probieren.

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Kommentare (4)

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Peter

Zitat: „Vertraut Menschen!“
Sehr geehrte Autorin, wäre schön, aber funktioniert leider nicht. Schon die Demo-Bilder aus vielen großen Städten vergessen? Haben sie keine VerschwörerInnen in ihrem privaten / beruflichen Umfeld, die ihnen tierisch auf die Nerven gehen?
Zitat: „Europaweiter gemeinsamer harter Lockdown für drei Wochen ohne Kontakte, und wir hätten danach fast unser gewohntes Leben wie vor Corona wieder“. Ok, das Zitat ist von mir und gerade erst hin geschrieben, aber es ist genauso unrealistisch wie „Vertraut Menschen!“

Titus von Unhold

„Haben sie keine VerschwörerInnen in ihrem privaten / beruflichen Umfeld, die ihnen tierisch auf die Nerven gehen?“

Zu denen bricht man den Kontakt ab wenn man selbst körperlich und geistig gesund bleiben will. Auf Familie kann man getrost verzichten (die sucht man sich sowieso nicht aus), da muss man im eigenen Interesse einfach nur die sozialen Normen ignorieren. Und Aluhüte können keine Freunde sein.

Dieter Petereit

Wie immer ist die Frage, ab wann ist etwas eine Verschwörungserzählung? Da rein auf das jeweilige Regierungsnarrativ zu vertrauen, dürfte viel zu kurz gesprungen sein.

Hans Grün

Homeoffice sollte auf keinen Fall zur Pflicht gemacht werden. Ich empfinde das in Zeiten des Lockdowns als starke psychische Belastung, permanent zu Hause sein zu müssen. Es fehlen Kontakte, Veranstaltungen und nicht zuletzt der „Tapetenwechsel“. Im Sommer war es noch erträglich, weil man nach Feierabend etwas unternehmen konnte, jetzt sitzt man nur noch zu Hause.
Das Problem sind die schwarzen Schafe, die heimliche Treffen organisieren, trotz Pandemie rumreisen und Mutationen verbreiten und sich nicht an die Regeln halten. Das ist eine Minderheit, aber wenn man sich die Infektionszahlen ansieht, erkennt man, dass sich genau eine „Minderheit“ auch infiziert.

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