Kommentar

Eine Folge der Coronakrise, die (noch) kaum jemand sieht

Wie wirkt sich die Coronakrise auf die mentale Gesundheit aus? (Foto: Shutterstock)

Was Kurzarbeit oder gar plötzlicher Jobverlust auch psychisch mit den Menschen macht, ist derzeit noch kein Thema. Es könnte sich während der Coronakrise aber zuspitzen. Ein Essay.

Die Coronakrise nervt uns alle. Viele hassen das Homeoffice, mir macht das überhaupt nichts aus. Das Feierabendbier mit den Freunden an der Spree oder das Wochenende in witziger Grillrunde ist etwas, das mir viel mehr fehlt – gerade aktuell bei dem schönen Frühlingswetter. Natürlich macht man Abstriche, denn ändern lässt sich das vorerst nicht. Mit einem Kumpel hatte ich letztens einen kleinen Konflikt diesbezüglich. Er meinte, er wüsste „nichts mit seiner Zeit anzufangen“. Er wolle einfach nur wieder arbeiten gehen. Momentan ist er auf Kurzarbeit und nur drei Tage die Woche für jeweils vier Stunden vom Homeoffice aus am Ball. Der Vollständigkeit halber: Das Geld reicht trotzdem.

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Auf sein Gejammer folgte meine neunmalkluge Antwort: „Bro, es gibt immer etwas zu tun!“ Und dann kam es zur Diskussion. Ich erzählte davon, dass ich beispielsweise den Balkon gerade klarmache, dass ich am Wochenende mit einem Kollegen einen Guide zum Umzug ins Homeoffice geschrieben habe, dass ich auch wieder mehr Sport mache als noch vor einem Monat. Ich erzählte, dass ich mit dem Gedanken spiele, die Arbeitsplatte in der Küche auszutauschen. Meine Freundin und ich machen auch jeden Morgen vor der Arbeit einen Spaziergang. Montags laufen wir zum Fruchtgroßhändler und holen per To-Good-To-Go-App einen Obstkorb für die Woche.

Er: „Toll, auf so etwas habe ich aber keine Lust.“

Ich: „Okay, fair enough!“

Das Problem, das er allerdings hat, ist ein anderes: Es geht gar nicht um keine Lust, es geht darum, dass er es nicht schafft, abzuschalten. Er ist in der Eventbranche tätig und es gewohnt, dass immer alles auf Druck passiert. Am Abend noch eine E-Mail, weil der Partner in Seattle jetzt anfängt zu arbeiten. Am Wochenende zwischen Frühstück und Mittag nochmal schnell zum Messeaufbau, um zu checken, ob alles reibungslos läuft. Berufliches und Privates war immer vermischt. Lange hat er deshalb auch gesagt, dass sein Job nerve, dass er sich was Neues suchen müsse und dass er gar keine Zeit mehr habe, eigenen Dingen nachzugehen. Jetzt hat er die Zeit und kommt darauf nicht klar.

Er hat sich über die Jahre so hart entlang des Jobs konditioniert, dass er die neugewonnene Freizeit jetzt nicht zu nutzen weiß. Wir haben noch eine ganze Weile hitzig über Vor- und Nachteile der aktuellen Corona-Situation für ihn diskutiert. Sein Beispiel gleicht einem bekannten Phänomen: Wenn sich Job und Privatleben derart stark vermischen, sind die Menschen quasi immer auf Puls. Die Gedanken immer im Job. Eine Studie der Universität Zürich, die in der Fachzeitschrift Business and Psychology veröffentlicht wurde, brachte es auf den Punkt: „Die Vermischung führe dazu, dass sich Arbeitnehmer schlechter erholen können.“ Eine Abgrenzung passiere nicht mehr.

Er: „Kennst du das? Wenn nach dem Projekt dieser Fall ins Loch kommt?“

Ich: „Na logo!“

Er: „Mir fehlt das Loch. Und zu wissen, dass es nach einer Woche weitergeht.“

Ich habe ihn gefragt, ob er es nicht merkwürdig findet, dass das, was er seit Monaten kritisiert, jetzt das ist, was ihm am meisten fehlt. Ich sagte, er habe jetzt die Möglichkeit mal abzuschalten und Dinge zu tun, für die er vorher, nach eigener Aussage, keine Zeit hatte. Er weiß, dass ich Recht habe und wird leiser. Aber was sind denn die Dinge, die es zu tun geben könnte, fragt er. Ich google nach „Dinge, die man während Corona tun könnte“ und bekomme unzählige Ratgeber ausgebreitet, klicke jedoch nur auf einen Business-Punk-Artikel mit dem Titel: „Acht Dinge, die du in der Quarantäne lernen kannst“. Dazu zählen Kochen, Sportmachen, Instrumente und Nähen.

Er: „Nähen?“

Ich: „Why not? Das holt dich auf jeden Fall runter!“

Er: „Hat aber keinen Nutzen.“

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Ein Kommentar
Gunar
Gunar

Das Gefühl kenne ich zu gut. Ich war über 10 Jahre in der Eventbranche, vor 6 Jahren war mir das „mehr mehr mehr“ zu viel und ich habe mich ernsthaft mit Alternativen auseinandergesetzt und mich für ein nebenberufliches Fernstudium entschieden. Das war mit dem alten Arbeitgeber nicht möglich, also bin ich gegangen und hab mich selbstständig gemacht.
Nach 9 Monaten hatte ich dann einen Kunden, der mir einen Teilzeitjob angeboten hat, was sehr gut gepasst hat. Dann ging das Studium dahin und ich kam Richtung Abschlussarbeit, was ich auch mit dem Teilzeitjob nicht für kompatibel gehalten habe. Ich wollte aber auch keine weiteren Zugeständnisse mehr. Mein Arbeitgeber hatte mich immer sehr gut unterstützt, ich fühlte mich aber gegenüber meinen Kollegen bevorteilt und wollte das nicht noch weiter strapazieren.
Dann habe ich einen Studentenjob angenommen 4 Tage Woche, Wochenenden frei, die erste Zeit habe ich die Zeit natürlich mit der Abschlussarbeit verbracht, als die fertig war, war dieses Loch da. Es war ein wirklich komisches Gefühl aber so blöd es klingt, ich habe mir einfach eine Art Stundenplan für die freie Zeit gemacht bis ich wieder von selbst wußte was damit anzufangen. Das hat aber tatsächlich einige Wochen gedauert.

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