Ratgeber

Digilogisiert euch – für eine gesunde Mischung aus real und digital

(Foto: Shutterstock)

Mehr Digitalisierung ist gut – kaum ein Unternehmen wird hier widersprechen. Aber wir sollten auch wieder anfangen, klare Grenzen zu ziehen.

Nichts gegen die Blockchain, das Internet der Dinge und Co. – aber sind sie wirklich immer und überall die Heilsbringer? Wer unternehmerisch denkt und Innovation will, muss hier natürlich offene Antworten zulassen. Er sollte sich und seinem Haus dabei aber auch ausdrücklich eine gewisse Skepsis bewahren. Nicht umsonst haben findige Menschen Begriffe wie die „digiloge Welt“ oder „real-digital“ erschaffen. Auch wenn es kleine oder größere Unterschiede in der jeweiligen Interpretation geben mag: Gemeint ist die gesunde Mischung aus digital und analog.

Klang, Erholung, Vermögen

Hervorragende Musik zum Beispiel wird doch heute längst wieder auf Vinylschallplatten gepresst. Trotzdem ist sie im Studio mittels digitaler Tontechnik entstanden. Wir sind immer online und machen bewusst einen ausgedehnten digitalen Entzug im netzfreien Bergurlaub. Und kaum jemand wird heute sein Erspartes ausschließlich in Kryptowährungen anlegen. Vielleicht einen gewissen Teil, sofern er die Schwankungen in der Wertentwicklung aushält – und wenn auf der anderen Seite womöglich analoge Sachwerte wie Gold stehen. Die Antworten in einer komplexen Welt sind immer differenziert.

Ebenen bewusster trennen

Ein Unternehmer sollte sich entsprechend auch differenzierte Fragen stellen, und zwar auf differenzierten Ebenen: einerseits natürlich auf der Ebene der eigentlichen Leistung beziehungsweise des Produkts, an dem man arbeitet. Andererseits aber vielleicht noch mehr auf Ebene der Prozesse, beziehungsweise der Art und Weise der Leistungserbringung. Denn ein stimmiges System hinter einem Produkt kann für den Innovationsgrad ebenso wichtig sein wie das Produkt selbst.

Produktionsprozess „Defender“

Nehmen wir ein Beispiel aus der Automobilindustrie, konkret: den Land Rover Defender. Beziehungsweise dessen Vorgängermodelle. Es handelt sich dabei um eine Reihe robust-simpler Geländewagen aus England, die von den 1940er Jahren bis noch vor Kurzem produziert wurden. Die Herstellung erfuhr immer wieder technologischen Fortschritt. So ist die sehr arbeitsintensive Produktion aus den Anfangsjahren beispielsweise über die typischen Industrieroboter optimiert worden, die Greif- oder auch Schweißarbeiten übernehmen.

Produkt „Defender“

Das Produkt selbst hat sich dagegen wenig verändert und blieb simpel, gar weitgehend analog: Jeder einigermaßen interessierte Mensch dürfte den Motor, der ohne umfangreiche Digitalkomponenten auskommt, noch heute selbst reparieren können. Vielleicht ist die Reparierbarkeit eine der Ursachen dafür, dass erstaunliche 70 bis 75 Prozent aller gebauten Defender (inklusive Vorgängern) heute immer noch im Einsatz sind. Und sicherlich sind die Erweiter- und Wandelbarkeit weitere Gründe: Ob als Zweisitzer, Mehrsitzer, Pick-up, als Feuerwehrauto, Armeetransporter oder Privatfahrzeug – der Defender ist ein Beispiel dafür, wie intelligent man ohne intelligente Technologie, ohne Konnektivität sein kann.

Kriterienvorschlag

Vielleicht sind genau das die ersten Kriterien, die wir systematischer auf den beiden genannten Ebenen abprüfen sollten: Wie einfach, flexibel und reversibel, erweiterbar und reparierbar ist einerseits ein Prozess und andererseits ein Produkt, wenn wir einmal auf digitale und einmal auf analoge Lösungen setzen? Ist ein Baustein in der Prozesskette oder im Produkt selbst dabei mehr als nur Spielerei? Wird er entsprechend häufig benötigt oder abgerufen? Bietet er der Zielgruppe (im Prozess den Mitarbeitern und Geschäftskunden; im Produkt den Endkunden) wirklich einen echten Mehrwert? Einen Mehrwert, der sich an menschlichen Bedürfnissen orientiert?

Fazit

Bleiben wir skeptisch! Ziehen wir Grenzen! Überall da, wo eine analoge oder teilanaloge Lösung diese Fragen bejahen kann, sollten wir absolut „dinglich“ bleiben und die Komplettdigitalisierung verweigern. Stichwort: intelligent ohne intelligente Technologie. Achten wir auf die Langlebigkeit! Ist etwas technologisch möglich, in wenigen Jahren aber überholt? Dann lassen wir es analog. Überall sonst sollten wir digitale Lösungen als Lebens- und Arbeitshilfe prüfen und die Vorteile nutzen, womöglich auch nur auf einer Ebene. Stichwort: intelligentes System hinter einem Produkt. Gerne auch dort, wo uns etwas selbstverständlich erscheint, sehr gerne sogar. Mehr noch, wenn in einem Teilfeld die Digitalisierung den größeren Nutzen verspricht, sollten wir sie im Sinne einer wünschenswerten Effizienzsteigerung und des Freimachens von unnötigem Ballast bewusst vorantreiben – und zwar dann auch mit voller Kraft.

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