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Die digitale Arztpraxis: Bereits Alltag oder immer noch Zukunftsmusik?

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Die Digitalisierung hat das Potenzial, den Besuch einer Arztpraxis zu revolutionieren. Doch was ist möglich und wie ist der Status quo?


Durch eine Erkrankung unerwartet ausgeknockt zu werden, ist immer nervig. Noch viel schlimmer ist es allerdings, wenn man sich in diesem desolaten Zustand zum Arzt schleppen und dort eine Stunde im Wartezimmer ausharren muss, um in einem zweiminütigen Beratungsgespräch lediglich kurz in den Rachen geleuchtet zu bekommen. Im Anschluss geht es mit dem Papierrezept in drei verschiedene Apotheken, bis man endlich eine findet, die das benötigte Medikament vorrätig hat, und auch die Krankschreibung, die man in dreifacher Ausführung erhält, muss natürlich ordentlich abgeheftet und per Post an die Krankenkasse geschickt werden. Eine stressfreie Genesung sieht definitiv anders aus. Trotzdem sind genau diese umständlichen Abläufe häufig noch immer an der Tagesordnung.

Doch das sind längst nicht die einzigen Faktoren, die einen Besuch beim Arzt heutzutage eher wenig zielführend gestalten. Aufgrund des chronischen Mangels an einer flächendeckenden ärztlichen Versorgung müssen die behandelnden Ärzte nämlich oft unter Zeitmangel agieren und übersehen bei ihrer Diagnosefindung deshalb eventuell sogar wichtige Informationen – von der mangelnden emotionalen Unterstützung, die viele Patienten im Rahmen ihrer Behandlung benötigen, ganz zu schweigen. Vor allem in Brandenburg gestaltet sich die Lage kritisch, wie eine Statistik der Bundesärztekammer belegt. Hier kommen ganze 248 Einwohner auf nur einen einzigen berufstätigen Arzt. Zwar sind die Zahlen in den letzten fünf Jahren deutschlandweit leicht gesunken, trotzdem liegen neun der insgesamt sechzehn Bundesländer teilweise noch immer weit über dem bundesweiten Durchschnitt.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Das Problem: Zwischen der Leistung, die Arztpraxen erbringen können, und der, die wir eigentlich bräuchten, liegen inzwischen Welten. Beide Seiten sind über die Jahrzehnte hinweg immer weiter auseinander gedriftet, ohne dass an den nötigen Stellschrauben im richtigen Maße nachjustiert worden wäre. „Unser Gesundheitssystem wurde nicht für die Behandlung von chronischen Erkrankungen, sondern vor allem für die Behandlung von akuten Erkrankungen konzipiert“, erklärt Felix Lang, Gründer und Geschäftsführer von dem Health-Startup Midaia. Diese Lücke, die sich bis heute gebildet hat, ist fatal. Denn tatsächlich leiden in Deutschland immer mehr Menschen unter chronischen Erkrankungen.

Fast die Hälfte der Erwachsenen hat beispielsweise mit chronischen Schmerzen zu kämpfen. 26 Prozent leiden außerdem unter Rheuma oder Arthrose und fast genauso viele unter Asthma. „Digitale Anwendungen können hierbei unterstützen und damit für eine enorme Entlastung des Gesundheitssystems sorgen, insbesondere in ländlichen Regionen“, meint Lang weiter. „Durch ein digitales Monitoring des Patienten müssen Arzttermine nur noch bei Bedarf wahrgenommen werden. Mit digitalen Gesundheitsanwendungen kann die Teilhabe des Patienten am Behandlungsprozess gefördert und eine Verlagerung von ärztlichen Aufgaben an den Patienten erzielt werden. Anhand von digitalen Therapiemethoden können Betroffene zum Beispiel eigenständig Methoden erlernen, die den Umgang mit Schmerzen oder der Erkrankung selbst erleichtern können.“ Anstatt für den regelmäßigen Kontrolltermin jedes Mal in der Praxis warten zu müssen, könnte dadurch zum Beispiel das Ausfüllen des Anamnesebogens per App bereits im Vorfeld durchgeführt werden. Das spart nicht nur dem Patienten, sondern auch dem viel beschäftigten Arzt viel Zeit ein. Doch das Konzept von Midaia geht noch ein Stück weiter: Mithilfe einer künstlichen Intelligenz berechnet die Software, die sich speziell an Rheumapatienten richtet, nämlich nicht nur, welche personalisierte Therapie die beste wäre, sondern behält dabei auch Ernährung, Medikation und die psychische Gesundheit im Blick – und das, ohne jedes Mal einen Arzt hinzuziehen zu müssen.

Von Online-Sprechstunde bis E-Rezept

„Die Digitalisierung bereichert die Kommunikation in der Triade Patient, Arzt, Apotheke um neue Möglichkeiten. Beschwerlichkeiten für den Patienten werden durch innovative Digitallösungen vermieden. Das spart Zeit, optimiert die Diagnose und damit auch den Genesungsprozess“, erklärt auch Sven Jansen, Vorstand von Noventi Health. Anstatt sich krank vor die Haustür schleppen zu müssen, könnte der ein ganz normaler Arztbesuch mithilfe digitaler Alternativen schon bald so aussehen: „Nach der Online-Buchung eines ärztlichen Beratungstermins wird auf dem Sofa liegend die medizinische Konsultation per Videochat durchgeführt. Der Arzt hat über die elektronische Patientenakte (beispielsweise über Doctorbox) Zugriff auf sämtliche Gesundheitsdaten der Patientenvergangenheit und kann diese in die Diagnose einfließen lassen. Das Medikament wird ebenfalls digital, also per E-Rezept, verschrieben und dem Patienten via Mail oder App (etwa Callmyapo) übermittelt. Vom Sofa aus prüft dieser dann, welche Apotheke in der Nähe das Medikament vorrätig hat. Auch eine Beratung durch den Apotheker vor Ort ist per Chatfunktion möglich. Bei Einlösung wird das E-Rezept an die Apotheke gesandt: Das Medikament kann nun abgeholt oder über den Botendienst der Apotheke nach Hause geliefert werden. Gesundheits-Apps erinnern dann an die pünktliche Einnahme des Medikaments und prüfen mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.“

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Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat bewiesen, wie stark Arztpraxen durch digitale Alternativlösungen entlastet werden können. Schon die Möglichkeit, einen Beratungstermin online zu buchen und per Videocall wahrzunehmen, kann dabei helfen, Wartezeiten und dadurch auch ein etwaiges Infektionspotenzial zu reduzieren. Doch auch unabhängig der Corona-Pandemie bieten solche digitalen Alternativen zum klassischen Arztbesuch großes Potenzial – vor allem für die sogenannte Sandwichgeneration, die sich sowohl um die Kinder als auch die pflegebedürftigen Eltern kümmern muss. Allein schon die flächendeckende Einführung der elektronischen Patientenakte kann für sie eine große Erleichterung darstellen, da sie auf diese Weise alle Behandlungen und verordneten Medikamente auf einen Blick einsehen können. Und auch die Vernetzung unter den einzelnen behandelnden Ärzten wird dadurch enorm erleichtert. Mit der elektronischen Patientenakte muss keine Therapie mehr scheitern, weil beispielsweise der Impfpass mit wichtigen Informationen zuhause vergessen wurde.

Der digitale Status quo

In der Theorie kann die umfassende Digitalisierung unserer Arztpraxen also für viel Erleichterung im Alltag sorgen und auch entsprechende Ideen und Lösungen wie beispielsweise die des jungen Unternehmens Midaia sind bereits in großer Zahl vorhanden. Doch werden diese sich tatsächlich schon bald in großem Stil durchsetzen? Ja, findet die deutsche Bundesregierung, und fördert mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz, das im Dezember 2019 in Kraft trat, innovative Versorgungsansätze nicht nur finanziell, sondern setzt auch klare Deadlines. Um allen Patienten digitale Angebote nutzbar zu machen, sind unter anderem Apotheken bis Ende September 2020 und Krankenhäuser bis Anfang Januar 2021 dazu verpflichtet, sich an die Telematik-Infrastruktur anschließen zu lassen. Wer dem nicht nachkommt, muss mit finanziellen Einbußen rechnen. Außerdem: Neben dem elektronischen Attest und dem E-Rezept können jetzt auch alle weiteren Heil- und Hilfsmittel und auch Krankenpflege auf elektronischem Weg verordnet werden. Ähnlich rasant soll es nun mit der elektronischen Patientenakte voran gehen, deren Grundidee bereits seit 15 Jahren besteht: Ab 2021 soll sie nun endlich flächendeckend eingeführt werden.

Dass sich langsam, aber sicher etwas tut, beweist auch eine repräsentative Studie des Softwareunternehmens Samedi, die von dem Marktforschungsinstitut Splendid Research durchgeführt wurde. 35 Prozent der Teilnehmer gaben hier an, dass sie Termine in einer Praxis vor Ort bereits online buchen, fast genauso viele suchen online nach einem passenden Arzt und jeder Vierte lässt sich per E-Mail oder SMS an den Arztbesuch erinnern. 15 Prozent haben außerdem bereits die zahlreichen Vorteile von Gesundheits-Apps für sich entdeckt. Die Zahlen verdeutlichen, dass viele Patienten neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen sind. Allerdings zeigt sich auch hier, dass das Potenzial, das die Digitalisierung für einen Arztbesuch bedeutet, noch lange nicht ausgeschöpft ist: So gaben im Rahmen der Umfrage nur fünf Prozent der Befragten an, schon jetzt eine digitale Patientenakte zu nutzen und nur drei Prozent haben beim Arzt schon einmal einen Self-Check-in durchgeführt. Genauso wenige besitzen eine digitale Version ihres Impfpasses. Eine häufige Ursache dafür besteht in der Tatsache, dass Arztpraxen und Kliniken derartige Services schlichtweg noch nicht anbieten. Abzuwarten bleibt, wie viel sich daran in nächster Zeit durch die neue Gesetzeslage ändern wird.

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Ein Kommentar
Daniela Shams
Daniela Shams

Ich denke, das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient sollte immer an erster Stelle stehen. In Gleichzeitig zeigt sie eine Schwäche, die ich schon lange bemerke, die jedoch immer wieder abgewiegelt wurde: Die Ansteckungsgefahr. Ganz typisch in Grippezeiten, in denen sich Erreger tummeln. Solche extremen Krankheitsphasen verlange eine tiefgehende Reinigung der Praxen. Zur Not muss halt auch das Spielzeug mal zeitweise weggeräumt werden. Doch wer liebt schon unspektakuläre Ideen? Genau das muss die Gesellschaft wieder lernen: Unangenehme Maßnahmen sind wichtig und richtig für die Allgemeinheit.

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