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Ratgeber

Digitale Transformation: Das Mr.-Miyagi-Paradoxon

(Foto: dpa)

Digitale Transformation wird oft dargestellt wie ein Bauch-Beine-Po-Programm: in drei Quartalen zum Erfolg. Das ist ein gefährliches Narrativ, weil es die Zeit des Übens ausklammert. Dabei sind es gerade die schmerzhaften Erfahrungen, die Wandel befähigen.

Man kennt diese Szene aus zahlreichen Filmen wie Karate Kid und Co.: Ein schluffiger Kerl hat eine Mission, sieht dafür aber nicht fit genug aus, kommt in die Obhut eines Meisters, gerne mit Bart, meistens asiatisch und eigentlich immer männlich. Es folgen wilde Schnitte mit Liegestützen und Klimmzügen, erst wenige, dann immer mehr, ab und zu Tränen, vielleicht eine Schürfwunde, dann die schwarze Blende ... das Bild zieht wieder auf, unser Protagonist steht mit konzentriertem Blick seinen Feinden gegenüber und besiegt sie in den folgenden Szenen meisterhaft.

Es ist das Narrativ unserer Zeit: Am Anfang steht die Mission und am Ende der Erfolg, der Konflikt dazwischen wird zusammengefasst, das Lernen ausgeklammert und der Schweiß in wenigen schnellen Schnitten kürzestmöglich erzählt. Diese Abkürzung verzerrt unsere Wahrnehmung darüber, was es heißt, bestimmte Dinge zu erreichen und mit wie viel Aufwand es verbunden ist. Sie überträgt sich auf alle möglichen Bereiche des Lebens und Arbeitens und ist eben nicht nur Stilmittel im Film.

Alles ganz schnell

Mit dem Abkürzen und dem Überspringen des mühseligen Übens wird auch die digitale Transformation erfolgreich vermarktet. Nämlich dann, wenn Berater und Linkedin-Powerpoint-Gurus sie aussehen lassen wie ein Bauch-Beine-Po-Programm. In drei Wochen zum Traumkörper oder in einem Quartal zur Traum-Transformation: Man müsse nur dem Programm folgen – also den Phasen und Folien – und schon seien alle Mitarbeiter auf Spur, arbeiteten fröhlich, agil und kollaborativ. Zu suggerieren, Wandel ginge schnell, ist dabei schlimmer als zu suggerieren, Wandel sei einfach. „Übung macht den Meister“ wird zwar gern als Binsenweisheit abgetan, aber wenn es die vielzitierten 10.000 Stunden braucht, um in irgendetwas richtig gut zu werden, dann bedeutet das fünf Jahre harte Arbeit, auch für die digitale Transformation. (10.000 Stunden sind umgerechnet 1.250 Arbeitstage à 8 Stunden, das Jahr hat ungefähr 250 Arbeitstage = 5 Jahre.)

Missgunst, Schadenfreude, Neid, Zweifel – die wahren Zutaten für Wandel

In etwas gut zu werden, bedeutet, durch eine lange Zeit zu gehen, in der man noch nicht gut ist. Aber je länger und konzentrierter wir etwas tun, desto besser werden wir darin – und desto mehr achten wir auf Details. Etwas neu zu erlernen verlangt, viele kleine Experimente durchzuführen und viele Male zu scheitern und sich so einen immer dichteren Insight-Teppich zu weben und immer bessere Fragen zu stellen. Transformation lebt von der Motivation, etwas bewusst zu tun, in dem man nicht gut ist und diese Sache sehr lange zu tun. Üben, bis es nicht mehr weh tut.

Es gibt diesen Aphorismus, den Fitnesstrainer gerne bemühen: Schweiß ist Schwäche, die den Körper verlässt. Ein wunderbares Bild, weil es den Moment zelebriert, auf den es ankommt – nämlich das Üben selbst. Schweiß und Schmerz der Transformation sind Angst, Missgunst und Schadenfreude. Im Wandel wächst man wie beim Sport an den Konflikten, die man überstanden hat. Schaltet man aber von Anfang an auf Konfliktvermeidung, bleiben nicht viele Konflikte, mit denen man wachsen kann.

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