Analyse

Digitales Studium: Was die Coronakrise für Universitäten und Studierende bedeutet

(Quelle: Shutterstock/fizkes)

Online-Vorlesungen und Tutorien als Videokonferenz: Für viele bedeutet die Coronakrise aktuell mehr Freizeit, ebenso häufig sind aber auch finanzielle Sorgen und Zukunftsängste. Wir haben uns umgehört, wie gut der digitale Studienalltag läuft.

Dort, wo es zum Beginn des neuen Sommersemesters normalerweise nur so von Studentinnen und Studenten wimmelt, herrscht momentan gähnende Leere: Auch der Alltag an deutschen Universitäten hat sich durch die Corona-Pandemie grundlegend verändert. Statt von vollen Hörsälen ist dieses Semester bis auf Weiteres vor allem von digitalen Unterrichtsformen geprägt. Wir haben nachgefragt, wie die Studierenden die aktuelle Krise erleben und vor welchen Herausforderungen deutsche Universitäten und Hochschulen derzeit stehen.

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Mit vereinten Kräften

„Ich könnte mir nicht vorstellen, jedes Semester auf diese Weise zu verbringen, aber ich muss sagen, bei mir ist die Lage momentan relativ entspannt“, berichtet der 23-jährige Lukas uns. Er studiert im zweiten Semester Wirtschaftswissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. „Momentan habe ich mehr Freizeit als sonst, da einerseits der Weg zur Uni wegfällt. Andererseits finden unsere Vorlesungen nicht live statt, sondern werden als Videos hochgeladen und deshalb kann ich sie mir anschauen, wann es mir zeitlich am besten passt. Und auch zu den Tutorien, die in verkürzter Form als Videokonferenz stattfinden, schalte ich mich nur dazu, wenn ich eine dringende Frage habe. Was das betrifft, bin ich momentan also deutlich flexibler. Nur der Austausch mit meinen Kommilitonen fehlt mir ein bisschen, aber ansonsten lerne ich sowieso lieber für mich selbst.“

An der Georg-August-Universität Göttingen rechnet man damit, rund 80 Prozent der Lehrveranstaltungen in digitaler Form anbieten zu können. „Natürlich eignen sich nicht alle Lehrformate zur Digitalisierung. Außerdem sind wir uns bewusst, dass digitales Lehren, Lernen und Prüfen aus den verschiedensten Gründen nicht für alle Beteiligten gleichermaßen leicht zugänglich ist“, muss Romas Bielke, Pressesprecher der Uni Göttingen, zugeben. Trotz aller Widrigkeiten, die die Corona-Pandemie für den Lehrbetrieb bedeutet, hat er große Hoffnungen, dass das Semester mit gemeinsamen Kräften gut gemeistert werden kann: „Wir werden uns bemühen, das Semester so reibungslos wie möglich zu gestalten. Dennoch werden wir in den kommenden Wochen noch manches nachbessern und improvisieren müssen, und es wird Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme erfordern, die Probleme einvernehmlich zu lösen.“

43 Prozent bangen um Überschreitung der Regelstudienzeit

Welche Herausforderungen die Coronakrise aus Sicht der Studierenden mit sich bringt, hat Studitemps kürzlich im Rahmen einer umfassenden Studie untersucht. Dafür hat der Personaldienstleister für Studentinnen und Studenten zusammen mit der Universität Maastricht ab dem 16. März in einem Zeitraum von vier Wochen insgesamt 15.500 Teilnehmer der entsprechenden Zielgruppe befragt. Die Ergebnisse belegen, dass sich der Großteil der Studierenden vorbildlich an die Vorgaben der Regierung hält: Durchschnittlich gaben über 85 Prozent von ihnen im gesamten Umfragenzeitraum an, Menschenansammlungen zu meiden. Weiterhin haben über 80 Prozent den Kontakt zu Freunden und Familie eingeschränkt. Was die Auswirkungen auf das Studium betrifft, waren die Antworten jedoch weniger zuversichtlich: Während sich zwar nur rund jeder Sechste um die Absage seines geplanten Auslandssemesters sorgt, müssen knapp drei Viertel der Befragten mit Vorlesungs- und 57 Prozent mit Prüfungsausfällen rechnen. Mehr als jeder Zweite der Studierenden gab an, dass das die Vorbereitungen generell erschwert. Knapp 58 Prozent rechnen außerdem damit, durch die Einschränkungen mit einer längeren Gesamtstudienzeit rechnen zu müssen.

Prüfungsausfälle und erschwerte Lernbedingungen sind das eine – finanzielle Sorgen das andere. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergab im Sommer 2019, dass rund zwei Drittel der Studierenden einem Nebenjob nachgehen. Eckhard Köhn, CEO von Studitemps, berichtet: „Restaurants, Bars und Cafés wurden geschlossen. Die meisten Geschäfte im Einzelhandel ebenfalls. Dadurch sind vielen Studenten die Nebenjobs weggebrochen – Tendenz weiter stark steigend. Auch wenn es sich dabei ‚nur‘ um Nebenjobs handelt: Die meisten Studierenden sind auf diese Einkünfte angewiesen.“ Doch es gibt auch eine gute Nachricht: In Bereichen wie dem Lebensmittelhandel, Krankenhäusern oder Laboren werden händeringend studentische Aushilfen gesucht. Allein im März hat Studitemps knapp 58.000 dieser Stellen durch Studierende auf Jobsuche besetzen können.

Zwischen Herausforderungen und Hoffnung

Finanziell hatte die Coronakrise für Lukas zum Glück keine negativen Auswirkungen. Seinen Nebenjob bei der Bank konnte der gelernte Bankkaufmann trotz aller Einschränkungen behalten. Nur die Prüfungen bereiten ihm noch etwas Kopfzerbrechen. Von seiner Uni gibt es bisher noch keine Info darüber, wie diese am Ende des Semesters stattfinden sollen. Er berichtet: „Ob die Prüfungen in Kleingruppen vor Ort oder vielleicht doch von zu Hause aus am PC abgelegt werden können, wissen wir noch nicht. Ich hoffe aber, dass sie wieder ganz normal stattfinden werden. Zu Hause weiß man schließlich nie, ob man technische Probleme haben könnte oder die Internetverbindung plötzlich abbricht.“

Anders sind die Herausforderungen, mit denen Maria derzeit zu kämpfen hat. Die 27-Jährige befindet sich am Ende ihres Soziologie-Studiums und schreibt derzeit an ihrer Masterarbeit. „Für mich hat sich nicht ganz so viel geändert. Dass die Bibliothek lange Zeit komplett geschlossen war und auch die Betreuung mit meiner Prüferin nur per E-Mail stattfinden kann, ist allerdings schon ein großes Handicap“, erzählt sie uns. „Zwar wurde meine Abgabefrist verlängert, insgesamt denke ich aber, dass es für mich besser gewesen wäre, ein Semester früher fertig zu sein. Vor allem die Jobsuche für meine Zeit nach der Uni bereitet mir momentan große Sorgen, weil wegen der anhaltenden Krise kaum jemand neu eingestellt wird. Ich versuche aber, trotz allem positiv zu denken.“

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