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Interview

Digitalstrom-CEO: „Ein Smarthome, bei dem wir alles per App steuern, kommt nie“

Das Schweizer Unternehmen Digitalstrom will das Zuhause digitalisieren und vernetzen. Im Interview spricht CEO Martin Vesper über die Skepsis der Deutschen zum Smarthome – und warum das aus chinesischer Perspektive komplett anders aussieht.

Von Stephan Dörner
15 Min.
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Digitalstrom-CEO Martin Vesper. (Foto: Digitalstrom)

t3n.de: Martin, das Thema vernetztes Haus scheint ein ewiges Zukunftsthema zu sein – noch immer gibt es zum Beispiel keine einheitlichen Standards, oder?

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Martin Vesper: In puncto Standards wird das auch so bleiben, weil es fast nicht anders geht. Wenn wir über den Gesamtkomplex des Hauses reden, dann sprechen wir über Consumer Electronics, Haushaltsgeräte und Gebäudetechnik. Selbst wenn wir uns heute auf einen Standard einigen könnten: Eine Heizung bleibt 20 Jahre fest verbaut, ein Consumer-Gerät wird aber in 20 Jahren nicht mehr mit diesem Protokoll klarkommen. Außerdem gibt es unterschiedliche Anforderungen in einem Smarthome. Bei der Gebäudetechnik an sich kommt es auf Zuverlässigkeit und Latenz an, beim Videostreaming hingegen auf die Bandbreite.

„Der Sinn eines Smarthomes ist auch nicht, dass Licht per App zu steuern. Das ist völlig unpraktisch.“

Aber irgendeinen Minimalkonsens, damit Geräte miteinander kommunizieren können, muss es ja geben.

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Den gibt es ja.

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Das Internet?

Es gibt eine standardisierte Stromleitung und es gibt standardisiertes IP. Von da aus gehen wir dann sozusagen in die anderen Protokolle über. Unsere Digitalstrom-Klemmen sind zum großen Teil Analogtechnik. Eine LED zum Beispiel ist eigentlich digital, wird aber analog angesteuert – über einen 230-Volt-Phasenabschnittsdimmer. Im Hintergrund durchaus komplex – aber der Kunde nimmt das gar nicht wahr und schraubt seine LED einfach in die Leuchte. Dass da ein Analog-Digital-Wandler unterstützt, ist dem Kunden egal.

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Den großen Durchbruch hat das Smarthome aber immer noch nicht. Der Internet-Kühlschrank aus den 90ern ist heute ein Running Gag. Und ganz ehrlich: Die richtige Killer-App für das Smarthome habe ich noch nicht gesehen. Selbst ich als technikaffiner Mensch habe nicht das Bedürfnis das Licht per App anzuschalten – da ist der Schalter immer noch praktischer.

Der Sinn eines Smarthomes ist auch nicht, dass Licht per App zu steuern. Das ist völlig unpraktisch. Ein echtes Smarthome ist an vielen Stellen sehr sinnvoll – und dass das viele noch nicht erkennen liegt daran, dass sich Menschen oft an Missstände gewöhnen und diese akzeptieren. Im Bereich der Consumer Electronics ist das Smarthome längst Realität und die Killer-Applikationen gibt es auch: Sonos, Streaming-Dienste wie Spotify und so weiter – damit sind wir Zuhause komplett in der digitalen Welt angekommen. Bei der Digitalisierung von Küchengeräten verhält es sich ähnlich. Die Waschmaschine hat heute keinen Drehknopf mehr, sondern ist digitalisiert.

Aber nicht unbedingt vernetzt.

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Genau, aber sie besitzt schon die Sensorik. Sie arbeitet heute schon mit Software, um beispielsweise den Energieverbrauch zu optimieren. Eine Waschmaschine auf rein analoger Basis mit den heutigen Energiewerten wäre gar nicht möglich – die Digitalisierung ist also auch bei der weißen Ware da. Die Frage ist: Wird dieser Trend als Teil von Smarthome gesehen? Oder wird er erst als solcher wahrgenommen, wenn wir alles per App steuern? Dann würde ich prognostizieren: Dieses Smarthome kommt nie. Es wird darum gehen, Geräte richtig intelligent zu machen – und das zu immer geringeren Kosten, was durch Vernetzung möglich wird. Heute ist es immer noch so, dass die Bedienung der Waschmaschine nach althergebrachten Mustern funktioniert: Der Mensch sucht nach Schildchen auf dem Etikett der Kleidung und versucht, das auf der Waschmaschine wiederzufinden …

… oder man macht es so wie ich: Einfach alles reinschmeißen und auf Buntwäsche stellen …

Oder so. Etwas, das wir uns gesellschaftlich aber auf Dauer nicht leisten können – sowohl bezogen auf die Verschmutzung von Wasser als auch im Hinblick auf den Energieverbrauch. Und jetzt stellen wir uns vor, was mit vernetzter Technik möglich ist: Du machst ein Foto mit dem Smartphone von der Wäsche oder die Waschmaschine macht das gleich selbst, wenn wir die Klamotten reinwerfen, und wählt selber das richtige Programm aus. Da sind wir schon in einer ganz anderen Welt unterwegs. Dafür müssen wir die Geräte vernetzen. Und wir müssen dafür teilweise auch die Geräte im Bestand vernetzen, denn sie werden selten ausgetauscht.

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In diesem konkreten Fall vernetzt sich ja die Waschmaschine mit dem Internet. Aber in welchen Fällen ist eine Vernetzung der Geräte untereinander wirklich sinnvoll?

Immer dann, wenn es darum geht, Abläufe zu optimieren. Meine Vorstellung von einem Smarthome sieht so aus, dass es mich nicht beschäftigt. Das ist schwierig zu beschreiben, weil das unsere Sprache nicht hergibt. Journalisten, die mich zu Hause besucht haben, haben auch schon mal meine Frau gefragt, ob sie die Vorteile von Digitalstrom nutzt. Und da ist dann die Frage: Wenn ich etwas nicht tue, nutze ich es dann? Also wenn ich beispielsweise die Außenbeleuchtung automatisiert habe, nutze ich sie? Wenn ich zur Tür gehe und sie erkennt mich automatisch durch mein Smartphone – nutze ich das dann? Das ist ja das eigentliche Ziel: Ich muss mich als Kunde um vieles nicht mehr selbst kümmern. Und es wird immer besser – für mich, für meinen Alltag, meine Familie, die Umwelt und den Energieverbrauch.

Wo kommt da die Vernetzung der Geräte untereinander ins Spiel? Die Außenbeleuchtung und das Türschloss funktionieren ja auch so.

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„Ich sage: Klar geht das – aber es geht auch besser.“

Die Vernetzung der Geräte untereinander ist extrem wichtig, um den Kontext zu verstehen. Automatisierung funktioniert nur im Zusammenhang: Ist jemand zu Hause oder nicht? Ist jemand im Raum oder nicht? Gehe ich gerade zu dem Gerät oder bewege ich mich weg? Nehmen wir eine Kaffeemaschine, bei der du 20 Parameter einstellen kannst – das überblickt kein Mensch. Wir haben eine Chat-Anwendung gebaut, die auf dem Smartphone die Einstellungen abfragt. Und das ließe sich jetzt noch mit einer Sprachsteuerung wie Google Now verbinden, die dich an deiner Stimme erkennt. Du sagst „Ich hätte gerne einen Cappuccino“ und die passenden Einstellungen werden abgerufen. Über die Vernetzung kann ich nun weiter kombinieren. In der Küche habe ich immer Timing-Themen: Dinge müssen gleichzeitig fertig sein. Es geht nicht darum, Dinge gleichzeitig zu starten. Um dies zu ermöglichen, synchronisieren wir zwei Geräte auf ein zeitgleiches Ende. Wenn der Backofen feststellt, dass er länger braucht, fängt die Kaffeemaschine einfach später an. Es ist unser Ziel, dass der Kunde sich um so etwas nicht mehr selber kümmern muss. Und das ermöglicht dann beispielsweise das einfache Kochen mit frischen Zutaten und deutlich weniger Aufwand statt plastikverpackter Fertiggerichte.

Das ist also die Killer-Applikation?

Ja. Klar kann man auf dem Standpunkt stehen: Ich nehme einfach irgendwas Eingepacktes, stecke es in die Mikrowelle und sage dann: „Geht doch.“ Aber das liegt nur daran, dass wir Missstände akzeptieren. Ich sage: Klar geht das – aber es geht auch besser. Du nimmst frische Zutaten und die Küche macht den Rest selbst, frisch zubereitet.  Früher hatte man in der Küche nur den Herd – damit ging im Prinzip auch alles. Weil über Strom Energie aber verteilbar wurde, kamen Kaffeemaschine, Wasserkocher, Toaster und so weiter dazu, die einzelne Dinge besser konnten. Dieselbe Entwicklung werden dadurch sehen, dass Informationen nun verteilbar werden. Nehmen wir uns das Beispiel eines Autos. Da sind es viele kleine Dinge, zum Beispiel: Ich trete auf die Bremse und der Warnblinker geht an. Ist das jetzt die Killer-Applikation? Nein, aber das Gesamtzusammenspiel macht den Fortschritt aus.

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Und wenn ich selbst kochen will?

Das wird natürlich auch in der vernetzten Küche möglich sein. Kochen wird aber klar zum reinen Hobby. Wer selbst und analog kochen will, kann dies nach wie vor tun. Die Menschen fahren ja auch mit dem Auto und gehen trotzdem noch joggen.

Wie automatisiert ist denn deine Küche schon heute?

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Es ist jetzt gerade eine neue Küche im Bau. Die Geräte sind alle vernetzt und stark automatisierbar – beispielsweise die Beleuchtung. Ich bin Teetrinker und wenn ich nach Hause komme, geht automatisch der Teekocher an.

Es gibt also nie die Situation, dass du nach Hause kommst und keinen Tee trinken willst?

Könnte schon vorkommen, ist aber selten. Der Mensch ist ein extremes Gewohnheitstier. Tee zubereiten hat zwei Stufen: Erstens Wasser heiß machen und zweitens den Tee aufsetzen. Einen der beiden Schritte erspare ich mir. Außerdem kann ich das über Sprachsteuerung regeln. Die Vernetzung bietet noch zahlreiche weitere Automatismen, die im Hintergrund ablaufen. Ich gebe dir gerne ein weiteres Beispiel: Wenn ich den Herd anmache, beginnt die Lüftung automatisch, weil Wärme raus muss. Im Bad wird die Lüftung hingegen über die Feuchtigkeit gesteuert, um Schimmel zu vermeiden. Aber herkömmliche Gebäudetechnik ist oft noch nicht mal elektrisch und hängt wirklich sehr weit hinterher.

Wie sieht es denn aktuell bei Neubauten aus? Werden die schon mit Smarthome im Hinterkopf konzipiert?

Leider nicht. Es werden ja meist noch nicht einmal neue Tiefgaragen unter Berücksichtigung der Elektromobilität gebaut. Es ist schon erstaunlich, dass eine Branche, die eigentlich so langfristig arbeitet, bei Themen wie dezentraler Energie, Elektromobilität und Digitalisierung so kurzfristig denkt. Auf Messen zeigen wir unsere Technik oft ganz bewusst zusammen mit dem humanoiden Roboter Pepper. Unsere Botschaft an diejenigen, die jetzt ein Haus planen, das dann 2020 fertig sein wird: Die nächste technische Renovierung steht in 15 Jahren an, also 2035. Seid ihr sicher, dass 2028 nicht jeder schon so einen Roboter zu Hause hat? Und was macht ihr dann, wenn die Infrastruktur im Haus oder in den Wohnungen nicht darauf vorbereitet ist? Wenn sich Ventile zum Beispiel nicht elektronisch steuern lassen? Wir versuchen Wohnungsbauer zu überzeugen, dass man heute schon für die digitale Welt bauen muss. Blicken wir 15 Jahre zurück, dann sehen wir, was damals verpasst wurde. Wir erleben heute in Deutschland ja, dass die Nichtverfügbarkeit von Breitbandinternet ein Grund sein kann, eine Wohnung nicht zu kaufen oder nicht zu mieten. In anderen Ländern wie der Schweiz wird das gesamthaft schon viel besser verstanden.

Was sind denn konkrete Vorteile heute bei der Digitalisierung der Gebäudetechnik?

Digitale Transformation – darum geht es ja – bedeutet auch immer Kosteneffizienz. Heute hat man in Bestandsbauten oft das Problem, dass sich Gebäude zum Beispiel nicht mehr oder nur teuer gegen Wasserschäden versichern lassen, weil keine Sensorik vorhanden ist, die Wasserschäden rechtzeitig erkennt. Das ist extrem teuer – so etwas würde man in einem Auto immer einbauen. Da ist der Gesamtnutzen der Digitalisierung so groß, dass sich das schon durchsetzen wird. Trotzdem ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, weil die Killer-Applikationen fehlen. Aber das Gesamtzusammenspiel ist trotzdem sehr wichtig und sinnvoll.

Aber ist es nicht schwierig heute zu entscheiden, welche Technologie ich einbaue, die auch in 30 Jahren noch aktuell ist?

Nein. Ein IP-Netz auf verkabelter Basis und das Stromnetz sind eine langlebige Basis: Damit macht man als Kunde erstmal nichts verkehrt. Wenn wir vom IP-Netz sprechen – also dem Internetprotokoll –, dann meinen wir das der 60er und 70er Jahre. Die Öffnung des Internets für die Allgemeinheit war 1984. Wie wir wissen, halten das manche in Deutschland immer noch für Neuland – aber das ist es nicht. Auf einen Zeitraum von 20 Jahren gesehen sage ich: Mit einer IP-vernetzten Heizung macht man nichts verkehrt. Eine per WLAN vernetzte Heizung ist da schon schwieriger. Bei einer Funkverbindung hat man immer das Thema Sicherheit und Verschlüsselung.

Wobei man das Thema IT-Sicherheit auch bei einer mit dem Internet verbundenen Heizung ohne Funkverbindung nicht ausklammern kann …

Da müsste erstmal jemand in die Leitung kommen. Die Verschlüsselung macht man dann auf der Ebene der Anwendung, nicht im Protokoll. Aber nehmen wir an, jemand hätte vor 20 Jahren Heizungen mit WLAN gebaut – die wären noch WEP-verschlüsselt, heute bräuchte man WPA.

Aber selbst bei einer per Ethernet verbundene Heizung ist ja die Idee, dass sie von außen erreichbar ist – also über das Internet. Das ist prinzipiell also von außen angreifbar.

Genau, es müssen eben Schutzmechanismen im Haus aufgebaut werden wie zum Beispiel ein Router mit Deep-Package-Inspection, der den Traffic beobachtet. Man kann über die Netzwerktechnik schon relativ gut Schutz aufbauen, der nicht im Gerät ist. Und wenn ich die Heizung updatefähig mache, komme ich auch relativ weit.

„Wenn wir über Digitalisierung dafür sorgen können, dass das Risiko minimiert wird, dann haben wir der Menschheit etwas Gutes getan.“

Wie realistisch ist denn das Horrorszenario: Ein Krimineller hackt sich in die Heizung, stellt sie auf Sauna-Temperatur und verlangt vom Besitzer, dass er einen Bitcoin überweist, um sie wieder freizugeben?

So wahrscheinlich wie allgemein Cyberkriminalität oder EC-Karten-Betrug. Aber das eigentliche Horrorszenario ist doch, dass 800 Menschen in der Wohnung verbrennen, weil sie keine vernetzten Rauchmelder haben. Wenn heute jemand die Herdplatte erfinden würde, würde diese Erfindung sicher nicht zugelassen. Wenn du heute zum Patentamt gehst und sagst „Ich habe eine ganz tolle Idee: so eine heiße offene Platte, mit der man super Essen warm machen kann, aber es können auch Kinder drauf fassen“, würde jeder sagen: „Vergiss es!“ Aber weil sie sozusagen die Alternative zum offenen Feuer war, ist die Herdplatte bis heute akzeptiert. Immer wieder passieren schlimmste Verletzungen und Unfälle – und trotzdem akzeptieren wir das. Wenn wir aber über Digitalisierung dafür sorgen können, dass das Risiko hier minimiert wird, dann haben wir der Menschheit etwas Gutes getan. Das sehe ich ähnlich wie bei Kreditkarten: Das eigentliche Horrorszenario ist das Beispiel vom Taxifahrer, der wegen Bargeld umgebracht wird. Kein Taxifahrer wurde je wegen eines Kartenlesegeräts umgebracht. Aber natürlich gibt es Kreditkartenbetrug. Das Risiko, das Kreditkarten mit sich bringen, ist vorhanden – aber es ist kleiner als die negativen Auswirkungen, die Bargeld mit sich bringt. Wenn mich jemand überfällt, kann er davon ausgehen, dass ich kaum Bargeld bei mir habe. Das senkt das Risiko, überfallen zu werden.

Gut, aber vernetzte Feuermelder kann man ja auch einbauen, ohne gleich das ganze Haus zu vernetzen. Sie sind ja inzwischen sogar Pflicht. Aber warum sollte ich das Risiko eingehen, meine Heizung zu vernetzen? Tausche ich da nicht ein bisschen Bequemlichkeit gegen ein höheres Risiko?

Du hast Zugriff auf Wetterinformationen, Vorhersagen, Hagelwarnungen – das geht alles nicht lokal, dann ist es zu spät.

Im Oktober 2016 gab es ja einen groß angelegten DDoS-Angriff auf alle möglichen Internet-Dienste – befeuert durch die Massen von mit dem Internet verbundenen IoT-Geräten: chinesische Webcams, Billigware oft mit Software, die nicht updatefähig war. Wird dieses Problem durch Smarthome nicht noch verschärft?

Ja, so wie Verkehrsprobleme durch mehr Autos vergrößert wurden. Aber wir bieten eben auch den Teil der Infrastruktur an, der für mehr Sicherheit sorgt. Die Bedrohung kommt von innen. Ich muss also schauen, ob sich Geräte anormal verhalten.

Es geht also um den Router und eine Firewall zwischen Smarthome-Geräten und dem Internet?

Ja, die Software kennt die Profile von Geräten und wenn eine Dusche auf einmal im Sekundentakt irgendeine Website aufruft, ist das nicht normal und dann wird die erstmal geblockt. Wir arbeiten an dem Prozess mit den Herstellern der Geräte, was dann weiter passieren soll – wie der Kunde dann zum Beispiel mit einem Update versorgt wird. Das wird der Weg sein, den wir gehen müssen, so wie wir beim Auto eben nach und nach ABS, Airbag und so weiter eingebaut haben. In den 70er Jahren hatten wir 22.000 Tote im Straßenverkehr – das war dann gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel. Deshalb gab es extreme Anstrengungen der Automobilbranche. Heute ist es gefährlicher, zu Hause zu sein als Auto zu fahren. Und heute diskutieren wir über Hackerangriffe und stehen dabei auf irgendeinem Drehstuhl in Schlappen und putzen das Fenster von außen. Das ist einfach keine realitätsbezogene Bedrohungswahrnehmung.

Aber es ist doch schon etwas merkwürdig: Für alles, was wir heute kaufen können, gibt es Sicherheitsstandards. Aber ein IT-Hersteller darf eine Webcam verkaufen, bei der sich das Passwort nicht ändern lässt …

Ja, weil das alles relativ neu ist. 1910 wurde auch noch kein Bremsenhersteller in Haftung genommen, weil irgendwo ein Auto die Böschung runtergefahren ist. Aber das wird sicher kommen. So wie man heute beim Haus verpflichtet ist, einen FI-Schutzschalter einzubauen.

Gerade bei den Deutschen kann ich mir gut vorstellen, dass viele sagen: Gut, den vernetzten Rauchmelder nehme ich – aber die Heizung muss ich jetzt nicht ans Internet bringen.

Da muss ich sagen: Da stehen 80 Millionen gegen Milliarden, die dies tun werden.

Ihr schaut als Digitalstrom eher auf den weltweiten Markt als auf Deutschland?

Ja, das tun wir. In China gibt es mit Wechat eine extrem spannende Entwicklung – und das in einem totalitären Staat. Trotzdem nutzen dort alle Wechat zum Bezahlen und akzeptieren eine gewisse Datenmonopolisierung. Die Chinesen machen fast alles über Wechat und Alibaba Pay, weil sie darin Vorteile sehen. Die ewigen Kritiker schauen oft aus einer Perspektive auf die Digitalisierung der Dinge, bei der sie in der analogen Situation eine in ihren Augen sehr gute Versorgung haben. Sie leben häufig nicht in einem Umfeld, in dem die elektronische Absicherung des Hauses sinnvoll ist, sie haben Zugriff auf gute Ärzte, weil sie in einer großen Stadt wohnen. Man muss nur nach Mecklenburg-Vorpommern gehen und schon ist die Diskussion um das Thema Videochat mit Ärzten eine ganz andere. Wer mit hohem Herzinfarktrisiko auf dem Land lebt und über eine Stunde bis zum nächsten Arzt fahren muss, erlebt es als extrem sinnvoll, wenn ein Herzinfarkt automatisch erkannt und gemeldet wird – oder noch besser durch Software erkannt wird, bevor er auftritt. Auch diese Perspektiven müssen in der Gesamtdiskussion berücksichtigt werden – nicht nur immer alle Stimmen der optimalen analogen Situation in einer Großstadt.

„China hat die Direktive ausgegeben, beim Thema künstliche Intelligenz führend werden zu wollen – und das wird jetzt auf allen Ebenen staatlich verordnet durchgezogen.“

Die Vorteile sind klar ersichtlich. Aber jetzt noch mal zurück zu der Heizung …

Ja, da geht es zum Beispiel um das Thema Energieoptimierung. Warm haben wir es schon heute. Aber schauen wir uns wieder Länder wie China an, die gar keine andere Wahl haben als Energie einzusparen. Was wir uns heute leisten, ist historischer Luxus. Wenn die ganze Welt den Anspruch hat, auf unseren westlichen Lebensstandard zu kommen, dann brauchen wir extrem intelligente, vernetzte Systeme, um dies zu ermöglichen – sonst steht die Welt vor dem Kollaps. Bis zu der Zeit, wenn wir komplett auf erneuerbare Energien setzen und das kein Thema ist, müssen wir auf Energieeinsparungen setzen. Das gilt auch für das Thema Elektromobilität. Natürlich kann sich Deutschland leisten, die kommenden 50 Jahre ganz normal weiter Auto zu fahren. Aber in China geht das nicht. Wenn man in Peking was anderes als Smog sieht, ist das ein guter Tag. Die Fragen, die wir uns in Deutschland stellen, die stellen sich diese Regierungen gar nicht. Es gibt dort keine Alternative.

Und in China seid ihr auch aktiv?

Ja.

Wie sieht die Umsatzverteilung aus? Wie viel ist Deutschland, wie viel macht das europäische Ausland aus und wie viel China?

Wir veröffentlichen keine Zahlen. Wir haben mit dem Geschäft in China gerade erst begonnen. China ist ein ganz anderer Markt. In Deutschland verkaufen wir Digitalstrom in Einfamilienhäuser und in bestehende Objekte, in China geht es um Mehrfamilienhäuser und Neubauten. Und wir reden von asiatischen Megacities wie Istanbul, Ankara, Shanghai, Kuala Lumpur, Dubai, Abu Dhabi. Wenn es um die Digitalisierung von Gebäuden geht, ist man dort viel weiter. In China gibt es dazu auch staatliche Vorgaben. Das Land hat die Direktive ausgegeben, beim Thema künstliche Intelligenz führend werden zu wollen – und das wird jetzt auf allen Ebenen staatlich verordnet durchgezogen. Und wie bekommt man das hin? Nur wenn alles vernetzt ist.

… und man damit an die Daten kommt.

Künstliche Intelligenz  muss trainiert werden. Die Nutzung der Vorteile von KI funktioniert nur in vernetzten Umgebungen. Natürlich kann man KI-Modelle auch im gewissen Rahmen lokal nutzen, um zum Beispiel die Privatsphäre zu schützen – oder auch aus Latenzgründen. Sturzerkennung für ältere Leute kann beispielsweise über eine Kamera erfolgen, bei der die Daten komplett lokal verarbeitet werden und nur das Ergebnis weitergegeben wird. Das ist viel besser als eine Überwachungskamera, weil nicht das komplette Bildmaterial, sondern wirklich nur der erkannte Sturz als Information heraus geht.

Was wird künstliche Intelligenz im Smarthome noch alles ermöglichen?

KI bedeutet in der Automatisierung, dass ich sehr viel mehr Kontext berücksichtigen kann. Ein Haus hat die Besonderheit, dass es extrem individuell ist. Ein Autohersteller weiß, wie viele Türen ein Auto hat – beim Haus wissen wir das erstmal nicht. Und wenn wir von Machine Learning reden – Kontext verstehen, Bilder erkennen, Logiken auf Trainingsbasis optimieren –, dann wissen wir, dass dies deutlichen Einfluss haben wird. Der Kunde wird das nicht so stark wahrnehmen, aber die Heizung braucht dann zum Beispiel weniger Energie, die Waschmaschine wäscht optimaler mit weniger Energieeinsatz und das Kochen gelingt besser, der Toaster findet die perfekte Bräunung, weil er über ein Foto zum Beispiel die Art des Toastbrots erkennt und so weiter. Das wird alles schleichend geschehen, so einen enormen Einfluss haben und über die Vernetzung der Geräte trotz der Langlebigkeit der Produkte Einzug finden. Auch das Zusammenspiel der Geräte wird sich verbessern. Ein ganz praktisches Beispiel: Wir nutzen Bilderkennung, um Wasserhähne zu steuern für Behinderte. Ich halte eine Tasse drunter, sie füllt sich; ich kann mir die Hände waschen. Bilderkennung für speziell diesen Fall wird niemand entwickeln – da geht es eher um medizinische Daten, autonomes Fahren und so weiter. Aber durch Cloud-Computing und die digitale Vernetzung stehen solche Bilderkennungsalgorithmen plötzlich für einen Wasserhahn zur Verfügung. Und das treibt die Funktionsexplosion im Smarthome.

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