Interview

Digitalstrom-CEO: „Ein Smarthome, bei dem wir alles per App steuern, kommt nie“

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Wo kommt da die Vernetzung der Geräte untereinander ins Spiel? Die Außenbeleuchtung und das Türschloss funktionieren ja auch so.

„Ich sage: Klar geht das – aber es geht auch besser.“

Die Vernetzung der Geräte untereinander ist extrem wichtig, um den Kontext zu verstehen. Automatisierung funktioniert nur im Zusammenhang: Ist jemand zu Hause oder nicht? Ist jemand im Raum oder nicht? Gehe ich gerade zu dem Gerät oder bewege ich mich weg? Nehmen wir eine Kaffeemaschine, bei der du 20 Parameter einstellen kannst – das überblickt kein Mensch. Wir haben eine Chat-Anwendung gebaut, die auf dem Smartphone die Einstellungen abfragt. Und das ließe sich jetzt noch mit einer Sprachsteuerung wie Google Now verbinden, die dich an deiner Stimme erkennt. Du sagst „Ich hätte gerne einen Cappuccino“ und die passenden Einstellungen werden abgerufen. Über die Vernetzung kann ich nun weiter kombinieren. In der Küche habe ich immer Timing-Themen: Dinge müssen gleichzeitig fertig sein. Es geht nicht darum, Dinge gleichzeitig zu starten. Um dies zu ermöglichen, synchronisieren wir zwei Geräte auf ein zeitgleiches Ende. Wenn der Backofen feststellt, dass er länger braucht, fängt die Kaffeemaschine einfach später an. Es ist unser Ziel, dass der Kunde sich um so etwas nicht mehr selber kümmern muss. Und das ermöglicht dann beispielsweise das einfache Kochen mit frischen Zutaten und deutlich weniger Aufwand statt plastikverpackter Fertiggerichte.

Das ist also die Killer-Applikation?

Ja. Klar kann man auf dem Standpunkt stehen: Ich nehme einfach irgendwas Eingepacktes, stecke es in die Mikrowelle und sage dann: „Geht doch.“ Aber das liegt nur daran, dass wir Missstände akzeptieren. Ich sage: Klar geht das – aber es geht auch besser. Du nimmst frische Zutaten und die Küche macht den Rest selbst, frisch zubereitet.  Früher hatte man in der Küche nur den Herd – damit ging im Prinzip auch alles. Weil über Strom Energie aber verteilbar wurde, kamen Kaffeemaschine, Wasserkocher, Toaster und so weiter dazu, die einzelne Dinge besser konnten. Dieselbe Entwicklung werden dadurch sehen, dass Informationen nun verteilbar werden. Nehmen wir uns das Beispiel eines Autos. Da sind es viele kleine Dinge, zum Beispiel: Ich trete auf die Bremse und der Warnblinker geht an. Ist das jetzt die Killer-Applikation? Nein, aber das Gesamtzusammenspiel macht den Fortschritt aus.

Und wenn ich selbst kochen will?

Das wird natürlich auch in der vernetzten Küche möglich sein. Kochen wird aber klar zum reinen Hobby. Wer selbst und analog kochen will, kann dies nach wie vor tun. Die Menschen fahren ja auch mit dem Auto und gehen trotzdem noch joggen.

Wie automatisiert ist denn deine Küche schon heute?

Es ist jetzt gerade eine neue Küche im Bau. Die Geräte sind alle vernetzt und stark automatisierbar – beispielsweise die Beleuchtung. Ich bin Teetrinker und wenn ich nach Hause komme, geht automatisch der Teekocher an.

Es gibt also nie die Situation, dass du nach Hause kommst und keinen Tee trinken willst?

Könnte schon vorkommen, ist aber selten. Der Mensch ist ein extremes Gewohnheitstier. Tee zubereiten hat zwei Stufen: Erstens Wasser heiß machen und zweitens den Tee aufsetzen. Einen der beiden Schritte erspare ich mir. Außerdem kann ich das über Sprachsteuerung regeln. Die Vernetzung bietet noch zahlreiche weitere Automatismen, die im Hintergrund ablaufen. Ich gebe dir gerne ein weiteres Beispiel: Wenn ich den Herd anmache, beginnt die Lüftung automatisch, weil Wärme raus muss. Im Bad wird die Lüftung hingegen über die Feuchtigkeit gesteuert, um Schimmel zu vermeiden. Aber herkömmliche Gebäudetechnik ist oft noch nicht mal elektrisch und hängt wirklich sehr weit hinterher.

Wie sieht es denn aktuell bei Neubauten aus? Werden die schon mit Smarthome im Hinterkopf konzipiert?

Leider nicht. Es werden ja meist noch nicht einmal neue Tiefgaragen unter Berücksichtigung der Elektromobilität gebaut. Es ist schon erstaunlich, dass eine Branche, die eigentlich so langfristig arbeitet, bei Themen wie dezentraler Energie, Elektromobilität und Digitalisierung so kurzfristig denkt. Auf Messen zeigen wir unsere Technik oft ganz bewusst zusammen mit dem humanoiden Roboter Pepper. Unsere Botschaft an diejenigen, die jetzt ein Haus planen, das dann 2020 fertig sein wird: Die nächste technische Renovierung steht in 15 Jahren an, also 2035. Seid ihr sicher, dass 2028 nicht jeder schon so einen Roboter zu Hause hat? Und was macht ihr dann, wenn die Infrastruktur im Haus oder in den Wohnungen nicht darauf vorbereitet ist? Wenn sich Ventile zum Beispiel nicht elektronisch steuern lassen? Wir versuchen Wohnungsbauer zu überzeugen, dass man heute schon für die digitale Welt bauen muss. Blicken wir 15 Jahre zurück, dann sehen wir, was damals verpasst wurde. Wir erleben heute in Deutschland ja, dass die Nichtverfügbarkeit von Breitbandinternet ein Grund sein kann, eine Wohnung nicht zu kaufen oder nicht zu mieten. In anderen Ländern wie der Schweiz wird das gesamthaft schon viel besser verstanden.

Was sind denn konkrete Vorteile heute bei der Digitalisierung der Gebäudetechnik?

Digitale Transformation – darum geht es ja – bedeutet auch immer Kosteneffizienz. Heute hat man in Bestandsbauten oft das Problem, dass sich Gebäude zum Beispiel nicht mehr oder nur teuer gegen Wasserschäden versichern lassen, weil keine Sensorik vorhanden ist, die Wasserschäden rechtzeitig erkennt. Das ist extrem teuer – so etwas würde man in einem Auto immer einbauen. Da ist der Gesamtnutzen der Digitalisierung so groß, dass sich das schon durchsetzen wird. Trotzdem ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, weil die Killer-Applikationen fehlen. Aber das Gesamtzusammenspiel ist trotzdem sehr wichtig und sinnvoll.

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