Kolumne

Neue Gesetzgebung: Wie Zuwanderung die Gründerszene weiterbringt

(Foto: Kzenon / Shutterstock)

Am heutigen Sonntag tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Florian Nöll, ehemals Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups, erklärt, warum das auch Startups nützen wird.


Qualifizierte Zuwanderung ist eine erfolgversprechende Alternative für Deutschland: Nach Zahlen der Bertelsmann-Stiftung beschäftigen die rund 700.000 Unternehmer mit Migrationshintergrund in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen – also durchschnittlich beinahe zwei Mitarbeiter. Im Zehn-Jahres-Vergleich hat sich dieser gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsbeitrag um ein Drittel erhöht. Das ist umso bemerkenswerter, weil der Anteil von Zuwanderern in Deutschland in demselben Zeitraum nur um knapp neun Prozent gewachsen ist.

Zuwanderung als Erfolgsfaktor

Im internationalen Vergleich sind die Zahlen noch überzeugender: 40 Prozent der größten globalen Unternehmen der Fortune-500-Liste – also rund 200 Unternehmen – wurden von Personen mit Migrationshintergrund (oder deren Kindern) gegründet. Microsofts CEO Satya Nadella beispielsweise wurde im indischen Hydarabad geboren, Tesla-Gründer Elon Musk im südafrikanischen Pretoria, Googles Co-Founder Sergey Brin im damals noch sowjetischen Moskau. Das sind keine Einzelfälle: 16 der 25 größten Firmen aus dem Silicon Valley wurden von Zuwanderern gegründet. Und auch für die deutsche Startup-Szene gilt: Fast die Hälfte der Mitarbeiter*innen in Berliner Startups kommt bereits aus dem Ausland. Ein Blick auf die Gründerteams deutscher Unicorns zeigt, dass auch viele von ihnen ohne Zuwanderung möglicherweise nicht entstanden wären. Delivery Hero, Auto1 oder auch Getyourguide zählen dazu. Warum sollte nicht auch der nächste Elon Musk aus Neukölln kommen?

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„Ohne ausreichend Fachkräfte kann ein Wirtschaftsstandort nicht erfolgreich sein“, warnte die Bundeskanzlerin Ende Dezember in ihrem Videoblog. Das ist noch milde formuliert, angesichts 1,2 Millionen unbesetzter Arbeitsplätze, die laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schon jetzt die deutsche Wirtschaft ausbremsen. Damit hat sich die Zahl der offenen Stellen gegenüber dem Vorjahr um knapp zehn Prozent – nämlich 115.000 Angebote – erhöht. Und wenn nicht gegengesteuert wird, könnte sich die Zahl der fehlenden Fachkräfte bis 2030 durch die Alterung der Bevölkerung auf 4,9 Millionen erhöhen, zeigt eine Studie der Organisationsberatung Korn Ferry mit dem Titel „Future of Work – The Global Talent Crunch“. Das könnte sich zu einem Umsatzausfall von einer halben Billion Euro summieren, gut einem Siebtel des heutigen Bruttoinlandsprodukts.

Dem Fachkräftemangel begegnen

Linderung soll das Fachkräfteeinwanderungsgesetz bringen, das heute in Kraft tritt. Danach können Menschen auch aus Ländern außerhalb der Europäischen Union mit anerkanntem Schulabschluss in Deutschland befristet auf Arbeitssuche gehen und qualifizierte Fachkräfte einen Arbeitsplatz antreten. Denn der Mangel zieht sich durch alle Branchen – von Pflegeberufen, dem Handwerk bis zu deutschen Vorzeigeindustrien wie Automobil- und Maschinenbau und der Digitalwirtschaft. 56 Prozent der deutschen Manager sehen den Fachkräftemangel als bedrückendste Bedrohung – vor allem dann, wenn neue Geschäftsmodelle der Plattform-Ökonomie ohne digitales Know-how nicht umgesetzt, ja noch nicht einmal gedacht werden können.

Dabei geht es gar nicht einmal so sehr darum, heute existierende Arbeitsplätze durch Fachkräfte aus dem Ausland zu besetzen. Es geht darum, Jobs und Karrieren mit Leben zu füllen, die heute noch nicht einmal ausgeschrieben sind. In den kommenden Monaten entstehen völlig neue Arbeitsbilder, die durch neue Technologien stimuliert werden. Wir müssen uns auf eine Gesellschaft einstellen, die durch künstliche Intelligenz ähnlich umgewälzt wird, wie es vor einem Jahrhundert durch den Verbrennungsmotor geschah. In einer vergleichbaren Aufbruchsphase brauchen wir nicht nur Menschen, die in Deutschland arbeiten, sondern insbesondere auch Menschen, die in Deutschland Arbeit schaffen!

Das jetzt in Kraft tretende Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist ein guter – oder sagen wir hinreichender – erster Schritt, um Menschen mit Migrationshintergrund für ein Arbeitsleben in Deutschland zu interessieren. Wenn es den Fachkräftemangel nachhaltig mildern helfen soll, müssen deutlich mehr als die bisherigen durchschnittlich 4.000 ausländischen Abschlüsse jährlich anerkannt werden. Wenn wir aber auch Gründer*innen ins Land holen wollen, muss Deutschland insgesamt attraktiver werden.

Daran kann das Fachkräfteeinwanderungsgesetz allein allerdings auch nichts ändern. Wir brauchen auch eine Stimmung im Land, die Zuwanderer einlädt, hier eine Karriere zu starten. Von Halle bis Hanau lauten die Signale aber genau entgegengesetzt. Ohne eine Kultur der Weltoffenheit wäre das jetzt in Kraft tretende Fachkräfteeinwanderungsgesetz wirkungslos.

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2 Kommentare
sunny
sunny

Dieser Artikel – genauso wie jener von Bertelsmann, auf den sich dieser Artikel beruft – ist mir zu schwammig formuliert. Es wäre der Vollständigkeit halber zum Beispiel interessant gewesen, zu wissen, wieviel Prozent der Immigranten aus welchen Ländern nach Deutschland kommen, um die Wirtschaft durch eigene Geschäfte anzukurbeln. Denn wenn man die Überschrift dieses Artikels liest, klingt das so, als wäre jede Art von Zuwanderung ein dickes Plus auf Deutschlands Wirtschaftskonto. Dem gegenüber jedoch steht die Zuwanderung aus Dritte-Welt-Länder. Die Politikerin Ilse Aigner erklärte nach den großen Flüchtlingswellen aus Afrika beispielsweise, dass 90% der Ankommenden nicht für die Wirtschaft vermittelbar seien und keine Ausbildung hätten. Da ich stark vermute, dass dieser Artikel nicht von ungefähr kommt – immerhin lässt die Türkei seit ein paar Tagen alle Flüchtling aus Afrika wieder gen Europa weiterziehen – wäre es außerdem noch toll zu wissen, wie sich die bereits in Deutschland aufhaltenden afrikanischen Flüchtlinge in den letzten Jahren entwickelt haben und wieviel sie zur Startup-Kultur beziehungsweise auch gerne allgemein zur deutschen Wirtschaft beigetragen haben. Denn so wirkt der Artikel hier, der am 1. März 2020 veröffentlicht wurde, sich aber auch mit Daten der Bertelsmann-Stiftung von 2016 schmückt, wie eine Vorbereitung auf den nächsten Flüchtlingsstrom. Ich finde es auch äußerst Interessant, dass deutsche Manager den Fachkräftemangel kritisieren, zeitgleich aber auch nichts dagegen tun. Gut ausgebildete Deutsche packen die Sachen und migrieren nach Amerika oder sonst wo hin, wo sie sich deutlich bessere Chancen und eine angenehmere Work-Life-Balance erhoffen. Dass viele große Unternehmen in Deutschland immer noch den selben Arbeitsrhythmus und exakt die selbe Arbeitsweise haben wie vor 40 Jahren auch schon, ist doch bezeichnend. Der Wunsch der deutschen Industrie, konservativ alles zu behalten, wie es ist, und nichts zu ändern, führt doch zwangsläufig dazu, dass Mitarbeiter in andere Länder ziehen, wo sie für sich deutlich bessere Chancen und eine bessere Work-Life-Balance erhoffen. Wer mal im Silicon Valley oder an anderen Macher-Orten war, wird schnell feststellen, dass sich die Stimmung dort dramatisch von jener in Deutschland unterscheidet. Das Paradebeispiel ist „Scheitern“. Das gilt im Silicon Valley als Voraussetzung dafür, um VCs überhaupt vom eigenen Startup überzeugen zu können. Denn nur wer scheitert, weiß auch, wo die Fallstricke liegen und wo Probleme schnell behoben werden müssen. In Deutschland wird jemand ausgelacht, der mal eine falsche Entscheidung getroffen hat. Da beginnen die Mentalitäts-Unterschiede. Und deshalb wird Deutschland niemals eine Kultur wie z.B. das Silicon Valley schaffen. Meine Meinung. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. In diesem Sinne ;)

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Jan Watermann

Auch die Zuwanderer werden bald einsehen, dass die deutsche Gründerkultur einfach demotivierend ist. Ein Blick in unsere Nachbarländer zeigt, wie man Gründer fördert und gesellschaftlich wertschätzt.

Der Content hier geht in meinen Augen aber am Ziel vorbei. Vielleicht sollte man einen zugewanderten Gründer einmal über die Stärken und Schwächen des deutschen Startup-Umfelds befragen? Vergleiche zum Silicon Valley sind in meinen Augen noch lange nicht angebracht. Und der nächste Elon Musk wird nicht aus Neuköln kommen, da er bei seinem ersten Fehler politisch und gesellschaftlich ausgelacht und blammiert werden würde.

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